17. Juli 2012

Die Welt als Geheimzirkel Mama, die Wanne ist voll!

Ordo-Ab-Chao-Entertainment XXL

Man könnte es sich angesichts der in großer Zahl kursierenden Verschwörungstheorien über die Ursachen der aktuellen „New World Disorder“ leicht machen: alles Quatsch. Nichts als ganzheitliche Bauklötzchen-Hochstapelei, infantiles Bedürfnis nach geschlossenen Weltbildern, jedes größere Ereignis muss vollständig erklärbar sein und geschichtserzählerische Kontinuität gewährleisten.  Alles muss einen Sinn ergeben, sich zu einem lückenlosen, vollständigen Kausalitätspuzzle zusammenstecken lassen. Es sei doch banal, dass gerade in Zeiten weltgeschichtlicher Turbulenzen, wirtschaftlicher und politischer Verwerfungen und Paradigmenbeben ein zu diesen proportionales Bedürfnis nach Rationalisierung und Systematisierung, nach metaphysischen Antidepressiva zur Abmilderung der Schockwellen entstünde, die von Störfällen im als alltäglich-selbstverständlich empfundenen gesellschaftlichen Betrieb durch die Wahrnehmung geworfen werden. Es handele sich doch nur um eschatologische Hochdruckventile; in solchen Verschwörungstheorien äußere sich in konzentrierter Form lediglich die Sehnsucht nach dem strahlend blauen, kathartisch klaren Himmel über drückenden zeitgenössischen Gewitterwolken.

In sehr vielen, wenn nicht gar den meisten Fällen trifft das auch sicher zu. Jeder, der diesbezüglich einmal ausführlich recherchiert, der sich durch die Berge an Büchern und Zeitschriftenartikeln, die Gerüchte und Spekulationen, herrlich schiefen Theoriekonstrukte und wüsten Verdächtigungen, Thesen-Steilküsten am Ufer des Wahnsinns sowie die mittlerweile schier unüberschaubare Zahl an Filmbeiträgen zur Thematik auf Youtube wühlt, wird mit einer Vielzahl von Geschichten konfrontiert, die nicht selten den Eindruck hinterlassen, von Hollywood-Drehbuchautoren entwickelt worden zu sein.

Ob es dabei um aktuelle geopolitische, ökologische oder technologische Entwicklungen und Veränderungen geht, um jahrhundertealte Geheimbünde, übermächtige Illuminati, okkulte Eliten, finstere Freimaurer, eine satanische Film- und Musikindustrie, mittels technisch hochentwickelter Hologramme vorgetäuschte Alien-Invasionen bei den Olympischen Spielen 2012 in London („Project Blue Beam“), Chemtrails, HAARP, MK Ultra, Bewusstseinskontrolle der Massen, gewaltige, über den gesamten Globus verteilte unterirdische Städte („DUMBS“, Deep Underground Military Bases) zum Schutz vor den Naturkatastrophen, Atom- und Biowaffenkriege der „Endzeit“ à la Johannes-Offenbarung, „Sky Trumpets“, Planet X („Nibiru“) und die Rückkehr der Annunaki, Indiana Jones und der letzte Humbug – viel Vergnügen mit einer Fülle unterhaltsamer Filme, deren Qualität ein sehr breites Spektrum abdeckt.

Von je nach Thema anständig recherchiert, auf dem Boden des Überprüfbaren und durchaus informativ über goldig-unbeholfene Gehversuche hyperventilierender Hobbyhistoriker, burlesk-blamabel, religiös delirierend, naturneoromantisch-ökologistisch, numerologisch-kabbalistisch, retardiert fortschrittsfeindlich, exorzistisch-inquisitorisch bis hin zu Ghostbusters gegen Das Ding aus dem Sumpf – so könnte man die Kernthesen des derzeit wohl populärsten Verschwörungsgurus, David Icke, zusammenfassen – reicht die Palette verfügbarer Auf- und Erklärungsversuche, Mystifizierungen und Dämonisierungen der „Oberen Zehntausend“ sowie perryrhodanesker Scifi- und Fantasy-Abenteuerreisen durch die Geschichte, bei denen man sich manchmal fragt, ob Peter Jackson, Steven Spielberg, Roland Emmerich und James Cameron sich bei einigen Glaserl Hochprozentigem nicht einfach einen Jux erlaubt haben. „Avatar” meets „E.T.” meets “The Exorcist” meets “King Kong”. Nicht zu vergessen „Independence Day“.

Viele der euphorisch umkulteten Sektenführer prämoderner Ganzheitlichkeit werden von einem „Money making scheme“ getrieben – das altbewährte Rezept, um aus Verunsicherung und Angst der Menschen erfolgreich Profit zu schlagen. Sie haben richtig erkannt, dass in Krisenzeiten das Bedürfnis nach alternativen Weltbildern, nach neuartigen Ordnungsstrukturen wächst, nach Deutungsmustern, die von den massenmedialen, politischen oder konventionellen naturwissenschaftlichen erfrischend abweichen. Ein Musterbeispiel dafür ist eben erwähnter David Icke, der mittlerweile große Hallen füllt, 18 Bücher zum Thema verfasst hat und bis zu neunstündige (!) Mammutvorträge hält. Am 27. Oktober 2012 wird er in der Wembley Arena auftreten. Der Mann ist zweifellos ein begnadeter Redner, der, einmal richtig in Fahrt gekommen, mit herkömmlichem Schulwissen, Versatzstücken aus der Pop-, vor allem der Filmkultur,  allerlei physikalischem und astronomischem Halbwissen irrwitzig Achterbahn fährt – gewürzt mit einer Prise Humor. Eigentlich müsste er Filmproduzent werden, denn mühelos ließen sich mehrere Dutzend abendfüllender Kinoknaller aus seinen  Vorträgen ziehen. Sehr inspirierend.

Icke, ehemals Sportler, TV-Journalist und Mitglied der britischen Grünen, nimmt sich nicht nur einzelne historische Ereignisse vor – er liefert eine Reinterpretation fast der gesamten Kulturgeschichte von den Sumerern bis zum heutigen Tage. Kernthese: Die herrschenden Eliten entspringen samt und sonders einer uralten Blutlinie, die durch die Kreuzung menschlicher DNS mit derjenigen von – Popcorn fertig, gebuttert und gesalzen? Genug Bier im Kühlschrank? Dolby-Surround-System angeschlossen? 3D-Brille aufgesetzt? – transdimensionalen, außerirdischen Reptiloiden entstand. Wie sie zur Erde gelangt sind? Da wird selbst Erich von Däniken neidisch: mit Hilfe des Mondes. Denn der Mond, so Icke, ist kein Himmelskörper natürlichen Ursprungs, sondern ein künstlich geschaffener Hohlkörper: das ist kein Mond, es ist eine Raumstation!

Warum sie dort plaziert wurde? Um die vom Zentrum unserer Galaxie ausgehende und mittels der Sonne zur Erde weitergeleitete kosmische Grundvibration beziehungsweise ‑schwingung, wie Icke es nennt, zu stören. Zweck? Um die Menschheit, die vor der Ankunft der heimtückischen, aufrecht gehenden Eidechsen im Paradies weilte und, damals noch ganz eins mit dem universalen kosmischen Bewusstsein, durch den Gleichschwang und ‑klang mit der ungefilterten Grundfrequenz des Alls zu Dingen fähig war, die sämtliche Phantasien J.R.R. Tolkiens, George Lucas', Terry Pratchetts und Joanne K. Rowlings aussehen lassen wie abschreckende Beispiele erzählerischer Minderbegabung, zu unterwerfen und an ihrer Weiterentwicklung zu hindern. Er kenne persönlich Augenzeugen, die beobachtet haben wollen, wie Mitglieder der englischen Königsfamilie sich in echsenähnliche Wesen verwandelt haben (nur nebenbei: Ich hätte an einer Begegnung der ganz dreidimensionalen Art mit Herzogin Catherine nichts auszusetzen – Kormoran hin, Chamäleon her). Auch George Bush senior und junior seien von dieser weit überlegenen Spezies manipuliert und als menschliche Vehikel für ihre finsteren Pläne zur Aufrechterhaltung des Status quo fremdgesteuert worden. Warum sie ständig Krisen und Kriege provozieren? Weil sie sich von den niederfrequenten, emotional negativen Schwingungen der Menschen ernähren. Die höherfrequenten der Liebe und Harmonie sind ihnen nicht zugänglich, diesen Schattenreptilien.

Kompliment. Sowas muss einem erstmal einfallen. Aber bevor gelacht wird: Man sollte Ickes Theorien lieber nicht leichtfertig und voreilig beiseitewischen. Besitzen Finanzminister nicht auffallende Ähnlichkeit mit Tyrannosauriern, die heimlich ihre Kleinen durch den Steuerdschungel schicken, um unbescholtenen und sich mühsam einen Weg durchs Dickicht suchenden Bürgern Löcher in den Geldbeutel zu knabbern? Gleichen die Rettungssanitäter des Euro etwa keiner Horde Brontosaurier, die, behäbig durch Deutschland stapfend, eine Gesellschaftsschicht nach der anderen vom Lebensbaum rupfen, um sie unter geduldigem, kuhartigem Malmen der Kiefer in einen unförmigen Brei zu verwandeln? Ähneln Großbanker etwa keinen Veloziraptoren, die ihre Opfer mit ausgeklügelten, listigen Strategien einkreisen, sie mit diversen Lockstoffen aus Derivatdrüsen, Credit-Default-Hormonen und betörenden Lauten, die Beschützer- und Retterinstinkte wecken, paralysieren, um sie dann, sind sie erstmal in die Zinseszinsfalle getappt, genüsslich ausweiden zu können? Wir sehen also: Ganz so abwegig, wie sie zunächst erscheinen mögen, sind die Thesen David Ickes vielleicht doch nicht. Und wenn ich ehrlich bin, glaube ich mich an schlangenartige Anwandlungen so mancher Fernsehmoderatoren zu erinnern: aalglatt, glitschig, seltsam ungreifbar und mit gespaltener Zunge redend.

Bevor Sie, lieber Leser, heute abend also zur Videothek ihrer Wahl stiefeln oder ins heimische DVD-Regal greifen, um „The Matrix“, „Terminator 2“, „Der Herr der Ringe“, „Star Wars“, alte Jack-Arnold-Streifen oder „Jurassic Park“ zu goutieren, greifen Sie ruhig auf unten verlinkte Videos zurück. Blockbuster-Mega-Entertainment XXL – und das gratis! They love to entertain you.

Vorhang auf und viel Vergnügen ...

Links

David Icke – The Lion Sleeps No More, Teil 1

Stop Illuminati Criminals – Benjamin Fulford

A shocking message for december 2012 – 3 Days of Darkness

Bilderberg Group – Jesse Ventura

Dr. Steven Greer – The truth about the end of NASA's shuttle program

Project Blue Beam – The Metaphysical Freedom Fighters

BBC reports a possible Alien Invasion


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