01. August 2012

Aus Politik und Medien Die besten Running Gags vom Wochenstart

Junckerflunkern, Prantlgate, Piratisemitismus – es muss gelacht werden

Es bleibt einem nichts anderes übrig, als auch die schwersten Krisen mit Humor zu nehmen. Sonst besteht die Gefahr, seelisch in ähnliche Schieflage zu geraten wie manches Kreuzfahrtschiff. Nun wurde die Spannungs- und Gelächterschraube in der großen Dramödie namens „Eurokrise“ nochmals angezogen. Es kam, hatschi,  zu einer kleinen Tonfallverschärfung zwischen Berlin und Brüssel, die aufmerksamen Beobachtern des Geier-Sturzflugs – jajaja jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bürgerverdrussprodukt – den Schluss abnötigen muss, es handele sich um Dialoge aus einer Folge der Serie „Eine schrecklich nette Familie“ – allerdings ohne den berühmten Wortwitz der liebenswerten Chaoten um Papa Bundy.

Da aber auch unfreiwillige Komik lustig sein kann, meckerte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt nach Jean-Claude Junckers kleinem Streich, der deutschen Politik ein Tütchen Juckpulver auf die Regierungssitze zu streuen und ihr mangelhaftes Krisenmanagement vorzuwerfen, umgehend zurück, er mache ein großes Fragezeichen dahinter, ob man so jemanden „wirklich als Eurogruppen-Sprecher behalten“ könne. Warum das witzig sein soll? Weil sich diese Frage nicht erst seit Junckers Jüngstem stellt. „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt“. Schon wegen dieser Äußerung, die bereits einige Jahre zurückliegt, hätte der Mann psychiatrisch evaluiert werden und seine Eignung als EU-Gruppenbabbler überprüft werden müssen – aber nichts passierte. Andererseits: Aus einem Haufen Irrer einen einzelnen herauspicken zu wollen, ergibt keinen Sinn. Diesbezüglich eine treffende Dialogzeile aus Wolfgang Petersens „Das Boot“: „Halt mal deinen nackten Arsch an eine Kreissäge und sag‘ dann, welcher Zacken dich geschnitten hat!“

Vor allem verstehe ich Junckers Anschuldigungen nicht: Welche deutsche Politik? Die führt doch nur noch ein Nischendasein? Wen kann Juncker mit „Führung“ gemeint haben? Ich kann beim besten Willen kein Führungspersonal entdecken, sondern eher an der Nase herumgeführtes Personal. In diesem Kuddelmuddel und Kungeldschungel fällt es recht schwer, Treiber und Getriebene, Lenker und Gelenkte, Dichter und Undichte sauber auseinanderzuhalten. Immerhin fallen nun auch einigen hohen Beamten merkwürdige personelle Verflechtungen auf – besser spät als nie.

So hatte der Wochenbeginn zum Beispiel noch einen anderen Knaller parat, einen absoluten Brüller, den man sicher nicht so schnell vergessen wird:  EZB-Chef Mario Draghi steht nun doch tatsächlich unter „Lobbyismus-Verdacht“. Laut „Handelsblatt“ hat der Europäische Bürgerbeauftragte eine Untersuchung gegen den Goldmann eingeleitet, da dieser enge Kontakte zu Investmentbanken pflege. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der „G30“-Gruppe „vermutet“ man – jetzt erst  – einen „Interessenskonflikt“ und möchte untersuchen, ob dieser eventuell Draghis Entscheidungen beeinflusst haben könnte. Wir sehen: Brüssel ist hochkarätig besetzt. Gibt‘s ja nicht: Sind womöglich transatlantische Finanzinteressen im Spiel, denen ein schwächelnder Euro durchaus zupass käme? Die ganze Krise ist ein Quiz, mit Kandidaten zum Verbraten? Hat die Hochfinanz am Euro mitgepanscht?

Man sollte sich jedoch hüten, Wörter wie „Hochfinanz“ offen auszusprechen. Wer es dennoch wagt, so wie Rainer Brüderle von der Fried Democrats Party, darf sich nicht wundern, von erfolgreich gehirngewaschenen Zöglingen deutscher Diskussionsverhinderungskultur zärtlich braune Farbbeutel zugeworfen zu bekommen. Oliver Höffinghof, Mitglied der orangefarbenen Ventil- und Blitzableiterpartei  der „Piraten“, zu Brüderles Äußerungen: „Wenn man gedanklich in dieser Rede des Herrn Brüderle jedesmal das Wort ‚Hochfinanz‘ durch ‚Weltjudentum‘ ersetzt, weiß man wohl, wes Geistes Kind dieser Wirtschaftsminister ist. Das deutschnationale Gewäsch tut sein Übriges. Die FDP fischt am rechten Rand. Antisemitismus und ‚GRIPS‘-Hetze sind da nur die offensichtlichsten Alarmsignale. Diese Partei muss schleunigst aus allen Parlamenten verschwinden.“

Kann es einen schöneren Beweis für die Effizienz unseres elitären Bildungssystems geben als solche aufstrebenden Polit-Spitzenkräfte, die die Zusammenhänge hinter der „Eurokrise“ selbst dann nicht erkennen würden, wenn man sie ihnen auf die Stirn tätowierte? Die zwar im Berliner Abgeordnetenhaus sitzen, aber so manchen Personalwechsel, darunter auch an der Spitze des Bundeswirtschaftsministeriums,  wohl deshalb vertüddelt haben, weil auf den wilden Rübenfeldern in ihren Köpfen eine Missernte nach der anderen gesundes Geistesgrün erstickt? Grund zur Aufregung ist das freilich nicht. Im Gegenteil. Jeder auch nur halbwegs sachkundige und selbstbewusste Euro- und Wall-Street-Kritiker sollte das gewohnte, vorhersehbare Radauvokabular, nach dem mittlerweile Atomuhren gestellt werden – darunter auch die allseits beliebte „Antisemitismus“-Pumpgun – noch nicht mal mehr belächeln, sondern schlicht ignorieren. Erst recht, wenn es aus einem leergelöffelten Elite-Joghurtbecher tropft.

Des weiteren gilt es, nach allerlei „Gates“ der letzten Jahre – Guttengate, Sarragate, Wulffigate, Stuttgate, Grassgate, Mappusgate und andere – nun auch ein Prantlgate zu belächeln. Skandal im Plärrbezirk! Wo bleiben da die journalistischen Standards!? Och, Leute. Ihr wollt doch jetzt nicht allen Ernstes motzen, weil ein sogenannter Qualitätsjournalist wieder einmal irgendetwas aus seiner Tastatur geschüttelt hat? Lest Ihr denn nicht regelmäßig die Kommentare auf der „Ersten Seite“ der „FAZ“ zur „Eurokrise“? Noch nie einen „Spiegel“ in der Hand gehabt? Niemals in der „Frankfurter Rundschau“ geschmökert? Nie herzlich abgelacht über die dramatischen Kameraschwenks auf Fußballfans, die kraft ihrer Fähnchen und Mützchen die Panzerdivisionen des Vierten Reiches Richtung holländische Grenze in Bewegung zu setzen drohten? Nie mit Freunden oder Verwandten fröhlich beschwipst die Berichterstattung der freien Westpresse zum Libyenkrieg oder Syrienkonflikt mit Reis und Konfetti beworfen? Die „Cocky Horror Mainstream Show“ sollte doch mittlerweile jedem ein Begriff sein – man, das ist Kult!

Zum Schluss in bester „Nonstop Nonsens“-Tradition der gespielte Witz: das Kindergeburtstagsgekreische um die ja also wirklich völlig indiskutable und inakzeptable Äußerung von ARD-Kommentator Carsten Sostmeier zum deutschen Goldmedaillen-Endsieg im Vielseitigkeitsreiten. „Seit 2008 wird zurückgeritten!“ Leider beging Sostmeier den Fehler, sich für dieses harmlose Scherzchen auch noch zu entschuldigen, statt seine lautesten Kritiker zu fragen, ob die Nierentische vor ihren Schrumpfköpfchen nicht doch ein wenig überdimensioniert seien. Mehr als sechs Jahrzehnte nach Hitler auch noch entspannt Witze machen, Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt? Nix. Der Führerbunker soll noch 1.000 Jahre stehen! Zumindest in der Zeitung.  

Wer hat euch den Kopf verdreht, ist es wirklich schon so spät?
Schade, dass es immer noch so sein muss.
Ist jetzt aber wirklich Schluss?
Heute ist nicht alle Tage, die lügen wieder, keine Frage.


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