14. August 2012

Filmkritik Batman in der Krise

Bane for Bundeskanzler?

Man kann dem letzten Teil von Christopher Nolans Batman-Trilogie viel vorwerfen. Die neuen Figuren, allen voran Anne Hathaways Catwoman-Verkörperung, wirken platt, teilweise überflüssig. Die Dialoge sind mitunter larmoyant und nicht ohne Fremdschäm-Faktor. Der Plot (Grundproblem: Schurke stiehlt Atombombe) ist wenig ausgefallen und hakt dennoch im Detail. Im direkten Vergleich zum düster-stimmungsvollen Vorgänger fällt der neue Batman deutlich ab. Vor allem Oberschurke Bane (Tom Hardy) wirkt gegen Heath Ledgers psychopathisch-mephistophelischen Joker wie ein farbloser Fleischklops. Und trotzdem lohnt es sich, dem Streifen etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Denn Nolan liefert mit „The Dark Knight Rises“ nicht nur ein Action-Spektakulum, sondern auch einen provokanten Kommentar zur immer noch aktuellen Krise und ihren Begleiterscheinungen. Dabei schwant dem medial geplagten Kinogänger zunächst Böses: Nachdem die marginalisierte und prekarisierte Catwoman dem Milliardär Bruce Wayne ins Ohr raunt, ein Sturm zöge auf, weil „ihr (Reichen) so wenig für uns andere übrig lasst“, verfolgen wir Angehörige der „one percent“ beim Schampussaufen, dekadent Lachen und Hummeressen. Kurz darauf zeigt die Kamera diabolische Börsianer, die sich von den Verdammten dieser Erde die Schuhe putzen lassen. Schließlich verliert Bruce Wayne nicht nur sein Unternehmen, sondern auch den Familiensitz und sogar seinen Butler Alfred. Batman im Klassenkampf? Ist denn jetzt wirklich alles politisch?

Es ist. Aber anders als zunächst gedacht. Die bekannten Deutungsmuster von einer Krise „des“ Kapitalismus, von „den“ gierigen Reichen, die „die“ Armen kannibalisieren, bedient der Streifen nicht. Es kommt zwar tatsächlich zum Zusammenbruch des „Systems“ von Batmans Heimatstadt Gotham City. Die Revolution nimmt aber derartig unerfreuliche Züge an, dass selbst die eben noch klassenbewusste Catwoman auf Waynes Frage, ob es das sei, was sie gewollt habe, nur betreten schweigen kann. Am Ende frisst auch in Gotham City die Revolution ihre Kinder.

Wie kommt’s? Der Finsterling Bane, ein wandelnder Muskelberg mit Hannibal-Lecter-Maske, bringt eine Atombombe und damit die ganze Stadt unter seine Kontrolle. Die Ordnungshüter des kapitalistischen Ancien Régime werden unterdessen in die Kanalisation gelockt und dort eingeschlossen. Es folgt blutiger Jakobinismus, der dem Volk – wie gewohnt – als großer humanitärer Fortschritt verkauft wird. „Wir kommen nicht als Eroberer, sondern als Befreier. Um den Menschen die Kontrolle über diese Stadt zurückzugeben“, verkündet Bane, der gerade ein halbes Football-Stadion in die Luft gesprengt hat. Und er fordert die geschockten Massen auf: „Nehmt euch zurück, was rechtmäßig euch gehört!“ Spätestens jetzt kommt echtes Linken-Parteitags-Feeling auf.

Bane entfaltet ein revolutionäres Umverteilungs- und Demokratisierungsprogramm: „Wir entreißen Gotham den Korrupten, den Reichen, den Unterdrückern ganzer Generationen, die euch klein gehalten haben mit Mythen von Möglichkeiten und wir geben es euch zurück – dem Volk. Die Mächtigen werden aus ihren dekadenten Nestern gezerrt. Heute wird geteilt!“

Die wackersten Kämpfer für die soziale Revolution finden sich auch in Gotham unter denen, die nichts mehr verlieren können, weil sie bereits alles verspielt haben. Folgerichtig steht am Anfang der Revolution der Sturm auf die Bastille. Die Mörder, Räuber und Diebe aus den Gefängnissen füllen die Reihen von Banes Armee.

Und auch ansonsten bedient sich der Bösewicht im Fundus der Historie. Die „Ausbeuter“ von gestern werden ausgeraubt und auf die Straße geworfen, im ungünstigeren Falle enden sie am Laternenmast. Weil Blut das Schmieröl der Revolution ist, wird eigens ein Tribunal eingerichtet, das in Anwesenheit des johlenden Demos tagt – dabei allerdings nicht über Schuld und Unschuld, sondern nur über das Strafmaß befindet. Den Angeklagten wird die Wahl zwischen Tod oder Exil gelassen, wobei der Weg ins Exil – über einen nur dünn überfrorenen Fluss – in den sicheren Tod führt.

Soziale Großexperimente sind materiell selten selbsttragend. Auch das okkupierte Gotham ist auf Lieferungen von außen angewiesen. Hier kommt wiederum Banes Atombombe als Verhandlungstrumpf ins Spiel. Dabei verschweigt er lediglich, dass die Bombe in jedem Fall explodieren wird – Revolution hin, Revolution her.

In der Figur des Schurken Bane verbinden sich eine sozialrevolutionäre Attitüde und nihilistische Zerstörungswut. Abseits der Bühne enthüllt der Führer der Massen, dass es ihm selbstverständlich nicht um „das Volk“ geht – sondern um die vollständige Zerstörung einer als dekadent empfundenen Zivilisation. Die verblendeten Anhänger sind bloße Statisten seiner privaten Götterdämmerung. Bane ist damit exemplarisch für jenen Typus des Revolutionärs, der persönliches Leid und Erlösungssehnsucht in die Sphäre des Politischen projiziert. Ein zu kurz gekommener Großtuer, der jenseits aller Gemeinwohlallüren vollkommen egoistisch handelt.

Nun mag man hier allzu comichafte Verkürzung am Werke sehen. Immerhin sind die, die regelmäßig im Großen und Kleinen Leid über ihre Mitmenschen bringen, in aller Regel keine hasserfüllten Zerstörer, sondern gefährlich gerade weil sie an ihre philanthropischen Wahnvorstellungen glauben. Mit der Masse verhält es sich wohl so. Gerade in Zeiten aber, da die Kapitalismusschelte aller Orten neue Höhen der Hysterie und Dummheit erklimmt, in der aufgepeitschte und unterreflektierende Menschenmengen sich aufmachen, Banken und Börsen zu okkupieren und Gewerkschaftsfunktionäre, linke Politiker und Wissenschaftler Zwangsanleihen für „Reiche“ fordern – während die Bundesrepublik sich am Markt so günstig rekapitalisieren kann wie kaum je zuvor – ist es angebracht, vor der Instrumentalisierung vermeintlich edler Impulse für wahrhaft menschenverachtende Zwecke zu warnen.

Die reale Welt besitzt keinen fledermausartigen Superhelden in Hightech-Kluft. Eben deshalb müssen ihre Menschen aus der Geschichte lernen – und auf Warnungen hören. „The Dark Knight Rises“ – ein nur durchschnittlicher Actionfilm und eine enttäuschende Fortsetzung – darf sich rühmen, eine solche Warnung in besonders deutlicher Form vorzutragen. Er schreibt den leichtfertigen „Kapitalismuskritikern“ jeder Couleur erneut Büchners Aufforderung ins Stammbuch: „Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden.“

The Dark Knight Rises, Regie: Christopher Nolan, seit 25.07.2012 in den deutschen Kinos.


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Autor

Sebastian Gaidus

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