17. August 2012

Television Breaking Bad

Plädoyer für die Eigenverantwortung

Der Lehrer Walter White sitzt im Wartezimmer einer Klinik. Er wirkt genervt. Grund ist das Gefasel eines krebskranken Patienten, der neben ihm sitzt: „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“

Walter White hatte schon abgeschaltet. Doch dieser Satz weckt ihn auf: „Das ist totaler Blödsinn. Geben Sie bloß nie die Kontrolle auf. Leben Sie, solange es geht, selbstbestimmt. Zum Teufel mit dem Krebs. Ich lebe schon fast ein Jahr mit Krebs. Von Anfang an ist es ein Todesurteil. Das sagt man mir jedenfalls immer. Aber wissen Sie was: Jedes Leben beinhaltet sein Todesurteil. Deshalb komme ich alle paar Monate hierhin zu meinem routinemäßigen Scan und bin mir dessen absolut bewusst, dass ich bei einer dieser Gelegenheiten, vielleicht sogar heute, schlechte Neuigkeiten hören werde. Aber bis dahin ist nur einer verantwortlich: Ich. So lebe ich mein Leben.“

Walter White hat Lungenkrebs und ist Protagonist der amerikanischen Fernsehserie „Breaking Bad“. Dort kocht er Methylamphetamin – Crystal Meth. „Breaking Bad“ thematisiert den Werdegang eines Mannes, der nach einer Krebsdiagnose beschließt, sein normales, unauffälliges Leben und den Zweitjob als Autowäscher an den Nagel zu hängen, um die schiefe Bahn ganz bewusst zu betreten. In der Sache geht es ihm darum, das Leben seiner Familie und die teuren medizinischen Behandlungen durch das Herstellen der aufputschenden Straßendroge Crystal Meth zu finanzieren. Vor dieser Kulisse ist „Breaking Bad“ vor allem ein stilistisch fabelhaftes Schauspiel über libertäre Moralvorstellungen und herausragende Leistungsbereitschaft.

Walter White vertritt eine Philosophie der strikten Eigenverantwortung. Er nimmt für sich das Recht in Anspruch, seinem erlittenen Unglück in bestmöglicher selbstbestimmter Weise zu trotzen.  Er durchläuft eine Metamorphose vom sanftmütigen Chemielehrer mit Krebs in Richtung eines knallharten Meth-Kochs mit dem Decknamen Heisenberg. Er ändert dabei den Kern seiner Identität durch viele komplexe, nonkonforme Entscheidungen. Der entscheidende Punkt ist allerdings, dass alle Entscheidungen seinem freien Willen entspringen. Er könnte das Leben einer Drogenabhängigen retten. Er entscheidet sich aber dagegen, um seinen Geschäftspartner zurück ins Boot zu holen. Er gefährdet das Leben seiner Partner, Kollegen und nicht zuletzt seiner Familie. Er entscheidet sich für viele schlechte Dinge. Walter Whites Moral ist situationsabhängig, nicht statisch. „Breaking Bad“ präsentiert damit Moralvorstellungen im libertären Spektrum der Metaphysik, wogegen die Masse der televisionären Unterhaltungsprodukte deterministische, fest gefahrene und unveränderliche Systeme von Moral und Ethik zur Schau stellen. Die Huxtables waren die Gutmenschen der 80er, Roseanne Conner die zupackende Mutter mit „Wir kriegen alles hin“-Attitüde und  Jack Bauer der unerschütterliche Einzelkämpfer in Diensten der immerwährend guten Sache nach Art amerikanischer Globaldominanz.

Walter White jedoch darf als frei denkender und handelnder Mensch Entscheidungen treffen, zu denen andere Fernsehfiguren nicht in der Lage waren. Er kann aufbrausender Egomane, kalt berechnender Drogenmagnat und liebevoller Familienvater sein. Walter White entscheidet sich je nach Situation und eigenem Vorteil. Und gerade dies macht ihn zu einer äußerst sympathischen Figur. Die Sympathie des Zuschauers ist verständlich. Walter White vermittelt ihm die tröstliche Gewissheit, dass er jederzeit die Möglichkeit und die Kraft dazu besitzt, auf existenzieller Ebene zu rebellieren, all das zu werden, was er sein möchte und jederzeit die Kontrolle über die eigene Lebenssituation zu erlangen und zu konservieren.

Dass diesem Gefühl auch nicht die Produktion illegaler Drogen im Wege steht, deckt Gale Boetticher, zeitweise Assistent von Walter White und eingefleischter Anhänger von Ron Paul, auf: „Es gibt Verbrechen und es gibt Verbrechen. Ich bin überzeugter Libertarist. Was Erwachsene wollen, das wollen sie haben. Und wenn ich es ihnen nicht liefere, dann besorgen sie es sich irgendwo anders. Bei mir bekommen sie wenigstens genau das, wofür sie bezahlen, ohne Zusatz von Toxinen oder Streckmitteln. Ja, ich habe meinen Weg genauso gemacht, wie man es tun sollte. Ich habe einen Doktortitel. Ich bin in die richtigen Ärsche gekrochen, habe mich verbogen. Ich habe mich mit all den nichtchemischen Dingen beschäftigt, die dann auf einen einstürmen. Doch das war nicht das, was ich tun wollte. Ich liebe das Labor.“

Neben den einleuchtenden ökonomischen Argumenten für die Drogenproduktion spricht Boetticher auch mit großer Begeisterung von seinem Werk, seiner Arbeit, der Chemie als seiner Leidenschaft. Ganz nach Ayn Rand sieht er sich als Macher, als Erfinder, als Pionier. Er folgt seinem freien Geist, nutzt seine Talente und entwickelt ein überragendes Produkt. Walter White ruht ebenso wenig. Er kämpft, unterzieht sich schmerzhaften Behandlungen, unterrichtet weiter an der High School und kocht daneben im Meth-Labor. Er zeigt Leistungsbereitschaft und will sich mit der eigenen Hände Arbeit aus dem Sumpf ziehen. Almosen aus diversen Richtungen lehnt er ab. Rückschläge und eigene Fehlentscheidungen nimmt er in Kauf. Es geht für ihn immer nur nach vorne.

Walter Whites Entwicklung ist nicht Produkt seines Umfeldes oder seines Schicksals, sondern einzig das Ergebnis seines gelebten freien Willens. Verantwortlich ist immer nur er selbst. Um es abschließend mit seinen eigenen Worten darzustellen: „Alles, was mich betrifft, ist nicht Folge meiner Krankheit, sondern Ergebnis meiner Entscheidungen. Es sind Entscheidungen, zu denen ich stehe.“


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