17. August 2012

(Nicht) singende Fußballspieler Bitte lächeln

Die Farce um die Hymne

Am vergangenen Mittwoch war es wieder soweit: Die Fußballnation verfolgte gebannt vor dem Fernseher, wer von den deutschen Nationalelf-Helden denn nun mitsingt und wer erneut lieber darauf verzichtet. Sie glauben, das sei doch wirklich nicht so wichtig?

Weit gefehlt! Denn mittlerweile war das Thema Hymnenverweigerung bereits ein Top-Sommerlochthema in den einschlägigen Medien und wurde unter anderem als Zeichen mangelnder Leistungsbereitschaft und damit letztlich als eine Ursache für das Scheitern der Elf bei der EM gedeutet.

Und das, obwohl es angesichts der Euro-Krise eigentlich gar kein Sommerloch gab! Vor dem Spiel gegen Argentinien hatte es ja bereits eine „Wutrede“ vom Trainer gegeben, in der er auch auf die Kritik an den Hymnenverweigerern einging: Er teilte mit, dass es aus seiner Sicht völlig unzulässig sei, aus dem Schweigen einzelner Teammitglieder beim Abspielen der Hymne auf deren Leistungsbereitschaft zu schließen.

Tags darauf legte einer der Gescholtenen, Sami Khedira, nach. Sinngemäß sagte er, es sei nicht nötig, die Hymne zu singen, um ein guter Deutscher zu sein.

An diesen Statements ist nichts auszusetzen, obwohl sich dem aufmerksamen und Neusprech-gestähltem Leser bei den Worten „guter Deutscher“ die Fingernägel etwas kräuseln. Darf der das so sagen?

Das Dumme ist allerdings, dass die Einlassungen der beiden Herren eigentlich völlig an dem vorbeigehen, worum es eigentlich geht. In den letzten Jahren engagierten sich DFB und FIFA mit einem Eifer gegen Rassismus und für Integration, dass der unvoreingenommene Beobachter sich angesichts der Spruchbänder, Kampagnen und der diesbezügliche Verslein aufsagenden Spieler manchmal fragte, ob die Verbände im Spannungsfeld aus politischen Korrektheiten, Korruption und Sport nicht letzteren etwas zu kurz kommen lassen. Wunderbar der Spot mit den Eltern der Spieler aus aller Herren Länder, die sich zum gemeinsamen Grillen als Laubenpieper ihre Sprößlinge in Aktion im Fernseher anschauten. Toll auch die Idee, die Werbung an der Bande für ähnliche Zwecke zu nutzen: zwischen dem notorischen WieWoWas weiß OBI und ermüdender Sportwetten-Werbung (eine Klasse-Idee vor allem auch beim Italienspiel) tauchte plötzlich und immer wieder ein erfrischendes No Racism auf und rüttelte uns wach. Was waren wir froh, als wir endlich ein paar mehr Leistungsträger „mit Integrationshintergrund“ vorzuweisen hatten, die das deutsche Spiel neu erfanden. Ach, es könnte doch alles so schön sein! Wenn da nicht die leidige Hymne wäre…

Dabei war der deutsche Fußballfan früher ganz andere Bandagen gewohnt – in der Ära von Hrubesch und Co. sang niemand mit. Damals wurde Kaugummi gekaut und allenfalls missmutig in die Kamera gestarrt. Da ist es doch schon toll, dass so viele der Spieler heute mitsingen. Die Crux ist leider nur, dass die Fußballnation, die inzwischen selber gerne mitsingt und nichts lieber sehen würde als die gebetsmühlenartig angepriesene Integration auch auf dem Fußballplatz vor jedem Spiel der deutschen Nationalelf immer dasselbe sieht: Alle Spieler ohne Migrationshintergrund singen mit. Und alle Spieler mit Migrationshintergrund tun es nicht. Ausgerechnet.

Es ist der Symbolgehalt, um den es dabei geht und nicht um Leistung oder die Frage, wann man ein guter Deutscher ist. Durch den wird die bemüht-penetrante Integrationserziehung, der sich der deutsche Fußballfan ständig ausgeliefert sieht, zur Farce. Das ist es, was den Zuschauer stört und das Thema letztlich in die Medien gebracht hat, auch wenn es dabei – angesichts der eigentlichen Brisanz wohl vorsätzlich – verzerrt wurde.

Die Bemühungen der Offiziellen werden dabei in wenigen Minuten als das demaskiert, was sie sind: Propaganda von einer Sorte, wie sie einer demokratischen Gesellschaft eigentlich unwürdig ist. Politsprüche bei Sportveranstaltungen und instrumentalisierte Sportler kannte man bislang in dieser Dimension jedenfalls nur aus totalitären Staaten. Um dieser Farce ein Ende zu machen wäre es vielleicht hilfreich, einen Hymnen-Verhaltenscodex zu erlassen, mit dem alle Spieler leben können.

Vielleicht sollten alle während der Hymne lächeln. Dann wäre der Graben zwischen Propaganda und Fernsehbildern zugeschüttet und irgendwann auch der letzte Fußballfan überzeugt. Dann sitzen wir alle lächelnd vor unserem politkorrekten Fernseher in unserer politkorrekten Welt und – lächeln.


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