22. August 2012

Krieg Wer als Letzter lacht, ist raus!, Teil zwei

Nun doch einige ernsthafte Gedanken

Ich muss es doch tun. Ich muss einige ernsthafte Gedanken zu dem in Teil eins geschilderten „Spiegel“-Artikel zu Papier bringen, weil es mir seit Tagen unter den Nägeln brennt und weil es sicher notwendig ist, der Satire Ernsthaftigkeit folgen zu lassen.

Die wichtigste Reaktion auf meinen Artikel war: „Was willst du zum Ausdruck bringen?“ und „Was sind die Alternativen?“

Die erste Frage zu beantworten ist der leichtere Teil. Wenn etwas hanebüchen, grotesk oder absurd daherkommt, muss man es nur konsequent zu Ende denken, an sein logisches Ende bringen, um den geäußerten Gedanken der Lächerlichkeit oder dem Abscheu preiszugeben. Wenn Klein-Fritzchen zu Fritz wird und sein Spielzeugschwert gegen eine Pump Gun eintauscht, dann ist er als gefährlicher Irrer zu bezeichnen. Wenn aber der Staat den Vorderlader gegen „smart weapons“ tauscht, nennt man das technischen Fortschritt, und eifrige Journalisten schreiben in beifällig staunendem Ton. Ebenso könnte man sich ausmalen, in welchem Maß es ein siebenjähriges Kind als tröstend empfindet, dessen Bein bis zum Hüftknochen weggerissen ist, dass eine smarte Waffe „das Umfeld der Gegner nicht so verheert wie ein Bombardement aus Flugzeugen“, oder ob die Angehörigen der toten Menschen, welche sich im Sprengbereich einer smarten Waffe befanden, ein Einsehen hätten, wenn sie die Worte des Autors des „Spiegel“-Artikels hören würden: „Die hohe Quote toter Zivilisten liegt daran, dass die Amerikaner ihre bewaffneten Drohnen nicht auf einem Schlachtfeld einsetzen, sondern in der Lebenswelt der Leute, die als Terroristen gelten. In deren Nähe halten  sich naturgemäß manchmal Zivilisten auf, die dann sterben müssen...“. Den Umfang des Verständnisses der Menschen, die einen Trauerzug toter Angehöriger begleiten oder am Grab ihrer Kinder, Väter oder Mütter weinen, sollte Dirk Kurbjuweit in einem Selbstversuch testen.

Die zweite Frage zu beantworten ist im Grunde genauso einfach, setzt aber voraus, dass der Leser entweder mit der folgenden Materie vertraut ist oder aber bereit ist, seine alten Denkmuster zumindest zu hinterfragen.

Es gilt zum Ersten: Reformen in einem falschen System machen das System nicht richtig, sonder nur anders falsch.

Überlegungen, ob man einen Menschen, der nicht  angeklagt ist („die als Terroristen gelten“), sich nicht verteidigen konnte und der nicht nach geltendem Recht verurteilt wurde, mittels Kehlschnitt, Kopfschuss, Gift ober aber smarter Bombe, die gleich noch den angrenzenden Kindergarten ausradiert, ermordet, generieren im Ergebnis nur ein mehr oder minder schnelles Ableben des Ermordeten und eine mehr oder minder große Anzahl der Kollateralschäden. Der Unterschied zwischen einem Angriff auf Menschen mittels Bombenteppich und dem mit smarten Waffen ist daher nur ein quantitativer, also nur in der Menge der getöteten oder verletzten Menschen unterschiedlich. Falsch und entsetzlich bleibt er allemal.

Das Betrachten und Bewerten der Ursache hierfür erinnert mich an die Situation im Film „Matrix“. In diesem Film wird den Menschen von außer Kontrolle geratenen Maschinen eine konstruierte Scheinwelt per Datenleitung direkt ins Gehirn gespielt, so dass sie in der Illusion leben, real in dieser Matrix zu existieren, zu arbeiten, zu essen und zu trinken, und alle Dinge tun zu können, ohne den Unterschied zu einer realen Welt zu bemerken. Der perfekte, konsequent auf die Spitze getriebene Konstruktivismus. In Wirklichkeit liegen sie in einer Nährlösung und dienen den Maschinen als humanoide Stromquellen, als menschliche Batterien. Der Hauptfigur des Films, „Neo“ ,werden zwei Pillen angeboten. Da ist zum einen eine blaue Pille. Schluckt er sie, wacht er am nächsten Morgen in der Matrix auf, erinnert sich an nichts und lebt sein konstruiertes Leben weiter wie bisher. Schluckt er aber die rote Pille, wird er aus dem System herausgespült, herausgelöst aus allen seinen Verbindungen, seiner Umwelt und seiner bisherigen Realität und erwacht in der Wirklichkeit, welche lange nicht so bunt, so sicher und so glänzend ist wie die von den Maschinen generierte Matrix, die aber immerhin echt ist.

Wer sich eingehend mit dem Problem von legalisierter Gewaltausübung beschäftigen will, wird erkennen müssen, dass gewaltmonopolistische politische Systeme konstruktivistische Gebilde sind, entstanden durch die Anmaßung von Wissen, durch erfundene Gesetze gestützt, aber nicht durch das Recht. Er wird erkennen müssen, dass das Gegenteil von politisch „rechts“ nicht politisch „links“ ist und sich damit auseinandersetzen müssen, dass konstruktivistische Systeme, ob rot, grün, braun, schwarz oder bunt, immer mehr oder minder schnell in Zwang und Despotismus münden und dass die einzige Alternative eine freie Gesellschaft ist, gegründet allein auf Recht, Freiheit und Eigentum.

Wer sich aus der Matrix des staatlichen Gewalt- und Gesetzgebungsmonopols herausspülen lassen will, sollte die rote Pille in Form von Büchern über Libertarismus und Naturrecht, etwa von F.A. Hayek, Murray N Rothbard, John Stuart Mill, Hans-Hermann Hoppe oder Roland Baader einnehmen. Deren Freiheitsbegriff gründet sich in seiner Substanz auf Eigentum, nämlich dem Eigentum am eigenen Körper und dem Eigentum an allen rechtmäßig erworbenen Gütern. Das Eigentum am eigenen Körper schließt dessen Unversehrtheit und das Leben ein. Niemandem ist es erlaubt, einen anderen Menschen zu töten oder zu verletzen außer in Abwehr eines stattfindenden Angriffs. Wenn ein einzelner Mensch oder eine Gruppe einen anderen Menschen oder eine Gruppe angreift, tötet oder verletzt, so machen sie sich vor dem Recht schuldig. Ist der Angreifer jedoch kein einzelner Mensch und nennt sich die angreifende Gruppe nicht „Fußballfans“,  „Kegelclub“ oder „Hells Angels“ sondern „Staat“, wird der Angriff nicht mehr „Körperverletzung“ oder „Mord“, sondern „Krieg“ genannt. Entsprechend anders ist auch seine gesetzliche Einstufung und Bewertung. Wie ist das möglich?

In der existierenden Matrix leben wir in der Tat in zwei sehr unterschiedlichen gesetzlichen Dimensionen. Das Gesetz, von dem eigentlich alle Menschen Gleiches zu erwarten haben, nennt sich bürgerliche Gesetzgebung. In bester Orwellscher Tradition (alle Schweine sind gleich, aber manche sind gleicher) gibt es für die Menschengruppe Staat ein extra Staatsrecht. Und da die Menschengruppe Staat legitimiert ist, Gesetze zu erlassen, gibt es auch noch obendrauf ein Kriegsrecht. Roland Baader hat  in seinem Buch „Kreide für den Wolf“ geschrieben:, der in leicht abgewandelter Form das Problem treffend beschreibt: „Um es zu wiederholen: Verwaltungs-‚gesetze‘ sind keine Gesetze, sondern Organisations-Befehle, und Verwaltungs-‚recht‘ ist kein (schützendes) Recht, sondern ein Ermächtigungs-Kodex von potentieller Schrankenlosigkeit, und Verwaltungs-‚richter‘ sind keine Richter, die den Bürger vor Eingriffen in seine Privatsphäre schützen, sondern nur Kontrolleure, welche prüfen, ob eine angezweifelte administrative Maßnahme dem Buchstaben der Verwaltungsvorschriften entspricht.“ In leicht abgewandelter Form beschreibt der Satz unser Problem treffend, wenn man nämlich jeweils „Verwaltung“ durch „Krieg“ ersetzt.

Ist es also tatsächlich so, dass nur Staaten Kriege führen? Und ist das wiederum nur deshalb möglich, weil sie die Macht haben, dementsprechend Gesetze zu erlassen? Und ist es dann nicht folgerichtig, dass wir, wenn wir uns darüber einig sind, dass Kriege etwas Entsetzliches sind, die es unbedingt zu verhindern gilt, uns mit der Frage der Macht beschäftigen?

Immanuel Kant sagte dazu, dass „der Besitz der Gewalt das freye Urtheil der Vernunft unvermeidlich verdirbt“, und Baader führt aus, dass Platons „folgenschwere“ Frage, die er vor fast 2.500 Jahren stellte: „Wer soll herrschen?“, die falsche Frage ist. Er lässt Friedrich August von Hayek antworten mit: „Nicht wer regiert, sondern was die Regierung zu tun berechtigt ist, scheint mir das wesentliche Problem zu sein.“ Also fragt Baader: „Wie kann man Macht beschränken?“

Einen Schritt weitergehend und damit noch konsequenter wird Murray N. Rothbard, indem er ausführt: „Absolute Freiheit muss daher nicht als der Preis, den wir für die Entstehung der Zivilisation zu zahlen haben, verloren gehen. Menschen sind frei geboren und brauchen nie in Ketten zu sein. Der Mensch kann Freiheit und Überfluss, Freiheit und Zivilisation erreichen. Diese Wahrheit wird verdunkelt, wenn wir Freiheit weiterhin mit Macht verwechseln.“

Die Alternative zum Konstruktivismus kann also nur eine Privatrechtsgesellschaft sein, eine anarchistische Gesellschaft (in ihrer wörtlichen Bedeutung „herrschaftsfrei“), auf dem Fundament der Gleichheit der Gesetze für Personen aller Art, das von den englischen Libertären weiterentwickelt wurde zu der Idee der Herrschaft des Rechts. Aristoteles dazu in seiner „Politik“: „Mithin sei es besser, dass das Gesetz regiere, eher als ein einziger von den Bürgern“. John Adams: „Absolute Macht vergiftet Despoten, Monarchen und Demokraten gleichermaßen“, und noch einmal Roland Baader: „Nicht Herrschaft ist Aufgabe einer demokratischen Regierung, sondern Schutz der Menschen vor jeder Art von Herrschaft – mit Ausnahme der Herrschaft des Rechts.“

Sie werden mir nachsehen, dass ich dermaßen viele Zitate verwendet habe. Das geschah mit einem bestimmten Vorsatz. Ich will anhand ihrer Fülle deutlich machen, dass Sie, nachdem Sie die rote Pille geschluckt haben, nicht allein und nackt in einer fremden, unbekannten, noch nie betretenen Welt stehen. Im Gegenteil. Seit offensichtlich mehr als 1.000 Jahren machen sich die Menschen Gedanken um Macht, deren Verteilung und deren Beschränkung. Umfangreich sind die Belege dafür, dass eine Gesellschaft, welche sich auf Freiheit und Eigentum gründet, nicht nur wirtschaftlich erfolgreich und wohlhabender in ihrer Gesamtheit, sondern auch in jedem Falle friedlich ist. Kriege wären in einer Privatrechtsgesellschaft schlicht nicht möglich, weil keine Institution existierte, welche sie legitimieren, beginnen, bezahlen und durchführen könnte und dürfte. Deshalb ist in der Matrix ein Artikel über smarte Waffen sicher pfiffig, fesch und gewitzt, aber für Menschen, die ihr entfliehen konnten, die mit eigenen Augen sehen können, die den Wert der Worte „Freiheit“ und „Eigentum“ erkannt haben, ist er schlicht absurd.

Ein letztes Zitat zum Abschluss, von John Stuart Mill: „Wenn es nichts Neues zu schaffen gäbe, würde dann nicht der menschliche Intellekt unnötig werden?“

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Bengt Einicke: Wer als Letzter lacht, ist raus!, Teil eins


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