24. August 2012

Presseskandal bei der „Welt“ Hetzpropaganda statt ausgewogener Information

Die Grenze des Erträglichen ist weit überschritten

Am 23. August erschien auf „Welt“ Online ein Artikel aus der Feder Richard Herzingers, Titel: „Die Lüge vom russischen Antifaschismus“. Der Text ist meiner Meinung nach gleich in mehrfacher Hinsicht ein journalistischer Skandal. Nicht, weil die von Herzinger beschriebenen geschichtlichen Abläufe, die Beziehungen zwischen dem Hitler- und Stalin-Regime, falsch dargestellt wären. Sondern weil Herzinger sie auf politisch-propagandistische Weise missbraucht, unzulässige historische Vergleiche zwischen der damaligen und heutigen Situation zieht und wichtige Hintergrundinformationen über die von ihm zur „Ausbreitung von Demokratie“ verharmloste und umgelogene Kriegstreiberei einfach ausblendet – womit er freilich nicht alleine dasteht –, obwohl sich mehr dahinter verbirgt als nur ein blumengeschmückter Lieferservice für Menschenrechte und Freiheit.

Herzinger: „Russland unter Wladimir Putin befindet sich auf dem Weg in die offene Diktatur. Wie der Fall Pussy Riot demonstrierte, lässt sich die Formel für die Einmannherrschaft des russischen Präsidenten wie folgt ausdrücken: Restauration sowjetischer Machtstrukturen (vorwiegend der Macht der Geheimdienste) plus Bündnis mit der orthodoxen Kirche.“

Mal abgesehen davon, dass auch Deutschland unter Angela Merkel sich momentan auf dem Weg in die offene Diktatur von Brüssels Gnaden befindet und die Bürger der stets nur wohlmeinenden, menschheitsbeglückenden Weltpolizeibehörde USA zur Zeit die Entstehung eines etwas undemokratischen Polizeistaats live und in Farbe miterleben dürfen, der seine Bürger rund um die Uhr zu überwachen versucht und ihre Rechte und Freiheiten zunehmend beschneidet, verschweigt Herzinger geflissentlich einige alternative Erklärungsmöglichkeiten zu „Pussy Riot“. Weshalb ich die in meinem letzten Artikel präsentierten Links auch unter diesem noch einmal anführe. Ich behaupte natürlich nicht – was ich auch gar nicht genau überprüfen kann –, es handele sich dabei um nichts als die reine Wahrheit.

Allerdings bin ich aufgrund der in den letzten Jahren stark zunehmenden, erschreckenden (und mehrfach nachgewiesenen) massenmedialen Dauerlügnerei – nicht nur in der Kriegsberichterstattung, sondern gerade auch beim Thema Euro, des Vorlegens gefälschter Beweise, des „versehentlichen“ Einsatzes älterer Videos von ganz anderen Kriegsschauplätzen zur Stimmungsmache und Unterstützung aktueller Interventionspläne, des den deutschen Journalismus in den Schmutz tretenden und sich über alle journalistischen Standards großzügig hinwegsetzenden regelmäßigen Ignorierens sämtlicher Informationen, die von der, wie ich sie gerne nenne, „offiziellen Verschwörungstheorie“ abweichen, allerdings geneigt, diese Erklärungsversuche für weitaus solider und zutreffender zu halten als das mediale Sperrfeuer, dem nun Putins Russland und auch China doch nur deshalb ausgesetzt werden, weil sie sich gegen Washington stellen.

Herzinger versucht, Moskau und Peking zu einer neuen „Achse des Bösen“, zu Schurkenstaaten zu dämonisieren: „Das unbeirrbare Festhalten an der Unterstützung für das mörderische Assad-Regime in Syrien illustriert unterdessen, dass Putin Russland, im Verbund mit China, weltpolitisch als führende Destruktivkraft im Kampf gegen die Ausbreitung von Demokratie und Menschenrechten etablieren will – und damit eine ‚moderne‘ Autokratie als Gegenmodell zur westlichen demokratischen Zivilisation anzubieten versucht.“

Solche Äußerungen in einem angeblichen Qualitätsblatt, die man selbst unter Zudrücken beider Augen und bei größtmöglichem Wohlwollen definitiv nicht mehr als Naivität, wohlmeinende Unwissenheit oder vielleicht als mangelhafte Kenntnisse in Sachen Geopolitik durchgehen lassen kann, sind schlicht ein Skandal.

Dass Russland sich natürlich auch gegen eine Intervention in Syrien ausspricht, weil es sehr einträgliche Waffengeschäfte mit dem Assad-Regime unterhält – völlig richtig. Dass es dort einen dichten Filz aus Korruption, Vettern- und Schattenwirtschaft gibt – d'accord. Dasselbe ist aber auch in der moralisch und ethisch angeblich so überlegenen „demokratischen Zivilisation“ des Westens der Fall. Schließlich erwirtschaftet auch Deutschland einen stattlichen Teil seiner Exportumsätze nicht nur mit dem Vertrieb von Plüschtieren. Von den USA und ihren bestens dokumentierten, jahrzehntelangen Waffengeschäften mit Diktatoren und Menschenschlächtern einmal ganz zu schweigen. Mit der US-Außenpolitik und ihren höchst fragwürdigen „freiheitsbringenden“ Methoden ließen sich Bibliotheken füllen.

Welche Nation hat nach 1945 der Welt die meisten Kriege beschert? Wer hat in schöner Regelmäßigkeit – soviel zur laut Herzinger bedenklichen „Macht der Geheimdienste“ in Russland – andere Länder mit Hilfe geheimer Operationen ins Chaos gestürzt, um sie in Abhängigkeit und Manipulierbarkeit zu halten? Wer hat mit den Mitteln politischer als auch militärischer Erpressung das Falschgeld Dollar in die Welt gepresst? Wer schlägt gerade deshalb wild um sich, weil ihm ein ähnlich dramatischer, aufgrund der heutigen starken globalen finanzwirtschaftlichen Vernetzung auch den Rest der Welt vielleicht sogar in noch viel größere Gefahr bringender, Niedergang droht wie anno 1929?

Wer versucht blutverschmiert, sich Öl, Gas und andere Ressourcen unter den Nagel zu reißen, neue Geldquellen zu erschließen und seine Währung so lange wie irgend möglich verzweifelt am Leben zu erhalten – und das dem Rest der Welt auch noch, ohne vor Scham im Boden zu versinken, als „Demokratisierung“ und „Befreiung“ anderer Länder zu verkaufen? Wer hinterlässt Tausende verstümmelter, für den Rest ihres Lebens gezeichneter Kinder und weinende Mütter, nur weil ihr Land aus verständlichen Gründen versucht, sich vom Dollar, den man höchstens noch zum Abputzen verwenden kann,  zu lösen? Schürft man momentan vielleicht deshalb in anderen Ländern so energisch nach Demokratie, Freiheit und zivilisatorischer Überlegenheit, weil sie daheim zur Neige gehen? Welch Wunder, dass Herzinger darüber natürlich kein einziges Wort verliert.

Wenn er schon unbedingt die Verbindungen zwischen Russland und Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bemühen möchte, um Putin auf ganz unverhohlene und sehr plattfüßige Weise in geistige Nähe zum Massenmörder Stalin und zum Holocaust zu rücken und Russland sowie China quasi zu „nazifizieren“ – denn darauf läuft es unübersehbar hinaus, auch wenn er es natürlich nicht direkt ausspricht – sollte er, gerade mit Blick auf den von ihm kritisierten „Geschichtsrevisionismus“ und um der historiographischen Ausgewogenheit willen aber bitte auch die ganze Geschichte erzählen. Schließlich bestanden auch zwischen den Demokratiebringern USA und dem Dritten Reich zahlreiche geschäftliche Beziehungen. Dann sollte er bitte auch erwähnen, welche amerikanischen Konzerne und Unternehmen – IBM, General Motors, U.S. Steel, Standard Oil, Brown Bros./Harriman, ITT, Union Banking Corporation, um nur einige zu nennen – Hitler und die NSDAP finanziell unterstützt und mit hochgepäppelt haben. Oder glaubt Herzinger, man habe dort nicht gewusst, auf was man sich einlässt? „Hitler, ach ja – das ist doch dieser Zuckerbäcker“? Und welche Schlüsse könnte Herzinger seiner eigenen „Logik“ zufolge daraus eben nicht nur für Russland ziehen, gerade mit Blick auf die auch nach 1945 fortgesetzte Interventions- und Unterstützungspolitik mörderischer Regime durch den proper zivilisierten Westen?

Man sollte sich angesichts solcher Artikel nicht wundern, wenn Deutsche sich für ihr Land und ihre Presse schämen und irgendwann wahrscheinlich nur noch ausspucken, wenn ein Journalist an ihnen vorbeigeht. Die extreme Einseitigkeit und der politische Tunnelblick  in den massiven Versuchen, die öffentliche Meinung unentwegt zu manipulieren, haben die Grenze zum Unerträglichen längst überschritten. Die stark fallenden Auflagen von Magazinen und Zeitungen haben zweifellos auch etwas mit der wirtschaftlichen Situation zu tun – allerdings auch mit der kontinuierlichen Missachtung journalistischer Ethik. Ich bin, soviel kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, beileibe nicht der einzige, der solche widerliche Propaganda und menschenverachtende Kriegshetzerei unendlich leid ist.

Die moralische Infantilisierung, die geistlose Simplifizierung und milchmädchenhafte Reduktion weltpolitischer Ereignisse auf Kinderbuchniveau, die massenmediale Dauerverblödung, wie sie gerade aus Herzingers Artikel sprechen, sollten schnellstmöglich ein Ende haben. Dafür müssen natürlich die Leser sorgen, indem sie ganz deutliche Signale geben, dass sie die Auftragslügnerei, die Verzerrungs- und Desinformationskampagnen keinen Tag länger schweigend hinzunehmen bereit sind. Denn es geht dabei um nicht weniger als das Risiko eines Dritten Weltkriegs. Das Maß ist voll.

Links

Die Lüge vom russischen Antifaschismus

Wer hinter Pussy Riot steht

Who or what is Russia’s ‚Pussy Riot’?


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