28. August 2012

Pressekritik Überlegungen zum Berufsprestige von Journalisten

Rauf und runter küssen

Bei Medienempfängen beklagen Journalisten gern, dass die Bevölkerung sie nicht besonders liebt. Oft werden heroische Gründe hierfür ins Feld geführt: Man sei halt unbequem, wenn nicht gar unangepasst, und überhaupt nerve man aus gutem Grunde regelmäßig unbescholtene Bürger in der Fußgängerzone mit Fragen, die zu stellen doch zum Wohle aller sei. Oft stimmt das, manchmal nicht.

Wer Arno Widmans neueste Ausführungen zum Thema „Journalistisches Arbeiten“ liest, dem kann auch noch eine andere Erklärung für die Tatsache einfallen, dass der Normalverbraucher beim Stichwort „Journalist“ immer häufiger „Horst Schlämmer“ grölt.

Widmann, unter anderem Alterskolumnist des einstigen SED-Blattes „Berliner Zeitung“, gewährt ganz und gar ungewohnte Einblicke in die Feinheiten professionellen journalistischen Arbeitens:

„Man kommt rum als Journalist“, lernt der geneigte Leser zuallererst. Und dann: „Das Schöne an der Reiserei ist, dass man rauskommt aus dem Trott.“

Ja, so ist das Journalistenleben. Jede Dienstreise eine kleine Flucht aus dem Alltag! Endlich mal raus aus der öden Redaktion! Schluss mit dem abgestandenen Kaffee und der tagtäglichen Langeweile im permanent versiegenden Nachrichtenfluss!

Doch Obacht. Abseits von menschenverachtender Routine hält der Journalistenberuf noch üblere Schikanen bereit. Denn nach Reisen des Kolumnisten in so hübsche Städte wie „Paris, München und Wien“ folgt oft das Ungeheuerliche:

„... danach muss man niederschreiben, was man gesehen, die Gespräche aufschreiben, die man geführt, aufschreiben, was man gehört hat. Das gehört zu den unangenehmsten Tätigkeiten unseres Berufes.“

Aufschreiben, was man gehört hat? Nicht etwas das, was man nicht gehört hat? Oder das, was man gehört haben könnte? Mein Gott! In der Tat: mehr als mühsam!

All das könnte noch als triefende Ironie durchgehen – Kolumnen, denen man nicht ansieht, ob ihr Tenor ernst gemeint ist oder nicht, galten ja in den 1990ern mal als schick. Doch leider wird Widmann im Verlaufe seines Textes so ironiefrei, wie es ein Kolumnist gar nie sein sollte:

„Ich saß Samstag nacht im Büro und tippte ein Gespräch ab“, berichtet Widmann; so weit, so präzise. Dann plötzlich aus heiterem Himmel – Filmriss:

„Ich kann noch nicht einmal sagen, was ich um 0.30 Uhr tat. Ob ich noch mit dem Krimi in der Mediathek, mit einem Porno im Internet (!) oder doch endlich wieder mit dem Abschreiben des Bandes (!) beschäftigt war“.

So genau wollten wir es eigentlich gar nicht wissen.

Und dass die knittrigen Damen aus der 80er-Jahre-Denver-Clan-Imitatserie „Die Guldenburgs“ Etuikleider trugen, aus denen Widmann sie „heute noch rauf und runter herausküssen möchte“, wie verstärkend die Artikelüberschrift bekennt? Auch das hätten wir gerne sich auch weiterhin unserer Kenntnis entziehen lassen, aber über Geschmack lässt sich ja angeblich nicht streiten.

Über die Relevanz solcher Ausführungen allerdings schon.

Links:

„Berliner Zeitung“: „Rauf und runter küssen“

Allensbach: Berufsprestige von Journalisten
nach wie vor suboptimal


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