07. September 2012

Erlebnisse an der Grube II. Engelbert Dollfuß am 11. September (1933)

Aus dem Zusammenhang gerissen und verrissen

Vor dem Vereinsheim einer gewaltbereiten sozialdemokratischen Organisation wird ein Telefunken-Lautsprecher positioniert; nicht weit davon entfernt befindet sich ein Kuhstall. Wir hören plötzlich die Worte:

„Auch Handel und Gewerbe waren in ihren Zünften erstarrt und führten ein formalistisches Leben. Gewiss auch deshalb, weil die Privilegien einzelner Stände allzu sehr in den Vordergrund gerückt waren. So ist das Zeitalter gekommen, wo der einzelne Mensch schutzlos der Macht des anderen unterworfen war und schließlich das Geld die Herrschaft antrat und der ärmere und schwächere Teil des Volkes zurückgedrängt wurde. Wir wollen nicht verkennen, dass die technische Entwicklung in dieser Zeit ungeahnte Fortschritte machte, aber in dieser Zeit, in der man durch wirtschaftliche Kämpfe die Änderung der sozialen Ordnung herbeiführen wollte, und glaubte, dass man durch Wissen und Wissenschaft und durch Aufklärung allen Problemen des Lebens beikommen könne...“

Die Kühe und die Sozialdemokraten beginnen sehr laut zu brüllen; man versteht das eigene Wort nicht mehr. Da geht es weiter:

„So ist dem Zeitalter des Liberalismus ein Zeitalter der Willkür und der reinen Macht, ein Zeitalter gefolgt, das seinem Ideengang nach nicht weniger materialistisch war, das ebenso ohne Gottes- und menschliche Gesinnung einfach rein formalistisch, organisatorisch die Übel der damaligen Zeit heilen wollte. So kam die Epoche des Marxismus, des brutalen Materialismus. In der Zeit ist die Menschheit dank der Erfolge, die sie auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Technik ... hochmütig und größenwahnsinnig geworden. Als Antwort auf die Zeit, in der man gemeint hat, allen Weltgeheimnissen mit Formeln und logischen Schlüssen bereits nahegekommen zu sein, kam eine der größten Weltkatastrophen der Menschheit...“

Eine konservative Oma drückt kreischend einer mageren Kuh die Augen zu; ein „Spiegel“-Redakteur steigt aus einer Zeitmaschine und schüttelt empört den Kopf, als er die wieder einsetzenden Worte des Kleinen hört:

„... unsere Währung vollständig gesichert, der Volksbetrug einer Inflation darf in unserer Heimat nie mehr wiederkehren. Es ist unser Bestreben, wahrscheinlich im Zusammenhange mit der inneren Anleihe, wenigstens so gut wir können, auch ein bisschen Unrecht gutzumachen, das an den Menschen begangen wurde, die seinerzeit im Vertrauen zum Staate ihr Ersparnis hingegeben haben ...“

Wieder wird die Ansprache von den Sozialdemokraten unterbrochen, diesmal rufen sie laut, dass der Ölberghusar die Kiefer einrasten lassen soll. Am Horizont erscheint das Bildnis eines Heiligen, es ist wohl der ur- und vorliberale Theoretiker Böhm-Bawerk. Zu sphärischen Orgelklängen sind dann noch, vor dem Untergang der Welt, die folgenden Bruchstücke der hetzerischen Ansprache zu hören:

„Wir haben ... einen geordneten Staatshaushalt; ja, es ist wahr, wir müssen uns einschränken, wir müssen eben sparsam wirtschaften, aber zur Beruhigung unserer Bevölkerung kann ich sagen: Unser Staatshaushalt ist kleiner geworden, aber wir haben unser Haus in Ordnung ... sind vom Wege liberaler Wirtschaftspolitik abgekommen ... die Zeit des kapitalistischen Systems, die Zeit kapitalistisch- liberalistischer Wirtschaftsordnung ist vorüber ... bleibt Euch des Ernstes unserer Zeit bewusst, seid Euch dessen bewusst, dass wir die Aufgabe haben, die Fehler der letzten 150 Jahre unserer Geistesgeschichte gutzumachen ...“


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Fritz Gstättner

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