17. September 2012

Machos, Memmen, Möchtegernhelden Was ist nur los mit unseren Diktatoren?

Die Autokraten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren…

Ganz offensichtlich hat der Mann auf dem Podium eine Schönheitsoperation hinter sich. Doch sein Pressesprecher dementiert: nein, nein, nichts gewesen! Ein andermal zeigt sich derselbe Mann medienwirksam in sportlich-heldischem Freilufteinsatz, doch hinterher erfährt man: alles nur inszeniert! Die Rede ist nicht von Michael Jackson oder Boris Becker, sondern von Wladimir Putin. Der einstige Leningrader Stadtmeister im Judo, KGB-Agent und starke, unbestechliche Fels im chaotischen Post-Jelzin-Russland geht jetzt geschminkt zur Pressekonferenz und findet beim Tauchgang einfach mal ein paar griechische Urnen, die man für ihn dort wohlweislich vorher plaziert hat – und die ganze Welt lacht über ihn.

Einmal mehr finden wir‘s bestätigt: Autokraten sind verlogen, selbstgerecht, lächerlich, verachtenswert. Putin ist ja noch lange nicht einer der Schlimmsten. Die nordkoreanischen Kims wirtschaften schon in dritter Generation ihr Land in den materiellen und ideellen Ruin, bringen es aber nicht einmal zustande, die Hochzeit ihres Thronfolgers vernünftig zu kommunizieren. Irans Ahmadinedschad schwingt martialisch-nationalistische Reden gegen Israel und lässt hinterher sein eigenes Volk niederschießen. Afrikanische Kleptokraten lassen sich grinsend goldene Nummernschilder an ihre Limousinen montieren, während die Milizen aus der Nachbarprovinz gerade ein halbes Dutzend Dörfer verwüsten.

Gibt es denn überhaupt gute, weise, ehrliche Autokraten? Lässt man den Blick über die Weltkarte streifen, findet man sie am ehesten in Monarchien. Die Sultane von Oman und Brunei, in abgeschwächter Form auch die Könige von Marokko, Jordanien und Bhutan herrschen selbst – und herrschen, aufs Ganze gesehen, durchaus passabel. In der Vergangenheit sind die Beispiele noch zahlreicher: Man kann über Kaiser Franz Joseph von Österreich, Ludwig I. von Bayern, Friedrich den Großen, Karl V., Harun al-Raschid oder Augustus im einzelnen denken, was man will – aber man wird kaum behaupten können, sie seien allesamt skrupel- und gewissenlose Charakterschweine gewesen, die sich um das Wohlergehen ihres Volks keinen Deut geschert hätten.

Das führt uns zu unserer Eingangsfrage zurück: Was ist nur mit unseren Autokraten passiert? Warum sind sie heute alle so böse, so falsch und so lügnerisch, so egozentrisch und rücksichtslos? Warum gibt es keine klugen, maßvollen und gerechten Selbstherrscher mehr?

Die Antwort möchte ich als Frage formulieren – die bewährte Methode, ungestraft eine Behauptung aufzustellen, die man nicht im Entferntesten beweisen kann. Die Frage beginnt (ganz wertfrei und unsuggestiv) mit den Worten: „Könnte es sein…?“

Also – könnte es sein, dass die Putins, Kims und Ahmadinedschads dieser Welt sich so problemlos die Lizenz zum Lügen, Fälschen, Unterdrücken, Stehlen und Morden nehmen, weil sie ohnehin – qua Autokrat – Outlaws sind? Könnte es sein, dass der Westen, der im Zuge seiner nun schon Jahrhunderte währenden politischen, kulturellen, militärischen und technischen Hegemonie sein aktuell präferiertes Herrschaftsmodell, die Demokratie, für die ganze Welt verbindlich gemacht hat, Autokraten gar keine Chance lässt, gut und gerecht zu sein – denn was der Autokrat auch Gutes bewerkstelligte: Tut nichts, er bleibt ein Autokrat? Könnte es sein, dass der Autokrat es darum gleich ganz sein lässt, sich um sein Gewissen zu kümmern – er könnte es ja sowieso nicht reinwaschen? Könnte es sein, dass sich gute Autokraten am ehesten darum in monarchischem Gewand erhalten konnten, weil die Monarchie älter ist als Montesquieu und Locke und sich nicht vor der Demokratie legitimieren muss, indem sie deren Rituale imitiert und fälscht?

Ich behaupte nichts. Ich frage nur.


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Martin Johannes Grannenfeld

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