19. September 2012

The Innocence of Muslims Diese Suppe ess' ich nicht

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen

Eine Facebook-Gruppe namens „Märchenrepublik“ machte ihrem Ärger über das Theater anlässlich des „islamkritischen“ Videos „The Innocence of Muslims“ auf zwar nicht sehr gewählte, für viele Menschen inklusive meiner Person aber zweifellos sehr gut nachvollziehbare Weise Luft: „Märchenrepublik fordert alle noch einigermaßen frei denkenden Bürger dazu auf, sich von dieser Hollywood-Scheiße nicht auch noch das Hirn waschen zu lassen“.

Ich möchte hinzufügen: Wer sich davon einlullen lässt, degradiert sich zum Hampelmann im wohl ältesten Spiel der Menschheit: Teile und herrsche. Ganz unabhängig davon, wer da zu teilen und herrschen beabsichtig: Seien es islamistische Fanatiker, die irgendein Buch, einen Film oder eine Karikatur natürlich gerne als Katalysator für Hasspredigten, Gewaltaufrufe und die Durchsetzung vermeintlich religiöser, in Wahrheit politischer Ziele nutzen (was bei Islamisten ein- und dasselbe ist; die Trennung von Staat und Kirche kennen sie noch nicht). Seien es die politischen Extremisten des „Project for a New American Century“, hinter deren öffentlichen Bekundungen, doch nur mehr Demokratie und Freiheit in den Nahen Osten bringen zu wollen, sich mit erschreckender militärischer sowie geheimdienstlicher Skrupellosigkeit und Brutalität verfolgte nationale Eigeninteressen verbergen. Diese Schwerverbrecher haben in den letzten zehn Jahren schon für mehr als genug sinnlose, auf Lügen basierende Kriege, genug Blutvergießen, genug Tote gesorgt. Nicht umsonst stammt die berühmte Frage „Was zum Teufel macht unser Öl eigentlich unter arabischem Sand?“ aus eben diesen Kreisen. Das Chaos, das sie angerichtet haben und immer noch anrichten, ist ein Grund für die antiwestliche Stimmung in den betroffenen Ländern. 

Oder seien es die Herrschaften von Pro NRW, die mit der von ihnen angekündigten öffentlichen Aufführung des Filmes doch nur ein wenig spielen, ein bisschen kitzeln wollen. Es geht ihnen nicht um eine seriöse Auseinandersetzung – sonst hätten sie es nicht nötig, auf solche Filme als „Diskussionsmittel“ zurückzugreifen – sondern um dumpfes, halbstarkes Herausfordern. Also lasst sie den Film doch aufführen, gerne auch öffentlich: Man sollte sich davon erst gar nicht provozieren lassen.

Was umso mehr für die hier lebenden Muslime gilt: Ein wirklich selbstbewusster, glaubensfester Anhänger welcher Religion auch immer würde Ergüsse wie „The Innocence of Muslims“, die dermaßen offensichtlich und platt auf Provokation angelegt sind und auch sicher nicht rein zufällig von entsprechenden Kreisen zu einer solchen gehypt werden, höchstens milde belächeln: „Sowas soll uns aus der Fassung bringen? Haltet ihr uns für doof?“ In einer solchen Situation, die man nicht für Panikmache missbrauchen, deren mögliche soziale Explosivität man allerdings auch nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, ist es am Wichtigsten, sich nicht gegeneinander ausspielen und aufhetzen zu lassen. Denn darum scheint es ja ganz offensichtlich zu gehen: die christliche gegen die islamische Sphäre in Stellung zu bringen, den Westen gegen den muslimischen Teil der Welt. Ja, das könnte man auch als „Hollywood-Scheiße“ bezeichnen. Aber wir im Westen sind ja nicht erst seit dem 11. September US-Actionfilme gewohnt, in denen Araber als erregt „Yalla Yalla!“ krächzendes, AK47 schwingendes Kanonenfutter für in Zeitlupe aufs Publikum zuschlendernde Demokratiebringer mit lässig in die Hüfte gestemmtem Sturmgewehr verwurstet werden.

Irgendein Imam, der wegen eines belanglosen Youtube-Videos eine Fatwa gegen die Verantwortlichen erlässt, spricht noch lange nicht für die Mehrheit der Muslime, auch nicht in Deutschland. Ebenso wenig handelt irgendein Politiker, der, wie könnte es auch anders sein, sofort nach einem Verbot für „jegliche Religionsbeschimpfungen“ krakeelt, obwohl unser geltendes Strafrecht diesbezüglich völlig ausreicht, im Sinne einer breiten Mehrheit. Auch Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland, handelte mit seinem Verbotswunsch äußerst unklug. Erstens, weil dem Streifchen dadurch mehr Aufmerksamkeit, mehr „Ehre“ und politische Relevanz zuteil wird, als ihm überhaupt gebührt. Zweitens, weil im Falle eines tatsächlich durchgesetzten Verbotes noch ganz andere, unüberschaubare Begehrlichkeiten geweckt würden. Nicht, dass nachher noch Filme, Bücher, Comics, Karikaturen, Kabarett-Auftritte, Liedtexte, Zeitschriften etc. verboten werden, weil sie – angeblich – „den sozialen Frieden“ in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnten. Ist dieser Damm erstmal gebrochen, wird er nur sehr schwer wieder zu flicken sein. Übertrieben? Keineswegs – ein Blick in die Geschichte genügt. Drittens, weil gerade im Zusammenhang mit „The Innocence of Muslims“ weiterhin unklar ist, wer denn nun wirklich hinter dem filmischen Stein des Anstoßes steckt. Der Produzent des Werkes soll ein „FBI snitch“ sein, also ein Informant der US-Bundespolizei. Der eigentliche Regisseur, ein gewisser Alan Roberts, inszenierte einer Information des Nachrichtenportals „RT“ zufolge bisher Pornos. Das alles ist natürlich noch kein Beweis für eine behördliche Beteiligung oder politische Steuerung. Und selbst wenn es eine solchen gäbe, wäre sie mit Blick auf die Gesamtsituation irrelevant. Denn dass bei vielen Vorfällen dieser Art, ganz gleich welcher Dimension, in den letzten Jahren von westlicher Seite kräftig mitgemischt und manipuliert wurde, ist längst bekannt – übrigens auch beim sogenannten, von hiesigen Schreibtischträumern zur „Arabellion“ cecil-b.-demillisierten „Arabischen Frühling“, einer wohl doch nicht ganz so spontanen und authentischen Freiheitsbewegung, wie man uns glauben machen wollte. So zynisch es klingen mag: Eine Lüge mehr oder weniger fiele vor diesem Hintergrund doch gar nicht mehr ins Gewicht. Auch nicht die Frage, warum das US State Department das Konsulat im libyschen Bengasi nicht informiert oder alarmiert hat, obwohl es bereits 48 Stunden vorher von einem geplanten Angriff gewusst haben soll.

Für alle Beteiligten gilt: Habt Mut, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen. Fallt bitte nicht auf plumpe Provokationen herein, von wem sie auch stammen und aus welchen Motiven sie sich auch speisen mögen! Lasst euch nicht gegeneinander aufwiegeln, seid keine Marionetten im wohl ältesten Spiel der Menschheit: Teile und herrsche!


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