21. September 2012

„Stuckrad Late Night“ Das Spiel mit den politischen Oberflächlichkeiten

Von Schein, Sein, Spaß und Ernst

Man kann viel Schlechtes über Benjamin von Stuckrad-Barre, den Narzissten, den Ex-Drogenjunkie und ADHS-Kranken berichten, aber dabei verkennt man auch die Genialität des Schriftstellers, zu der es unter anderem gehört, die kleinen Wahnsinnigkeiten des Alltags mit messerscharfer Präzision freizulegen und mitunter selbst zu verkörpern. So zum Beispiel in seiner Show „Stuckrad Late Night“, die ab Oktober nicht mehr auf ZDF neo, sondern auf Tele 5 zu betrachten sein wird.

Dass Stuckrad-Barre die Gags für den Late-Night-Show-Master Harald Schmidt geschrieben hat, liegt inzwischen über zehn Jahre zurück, und mit seiner eigenen Show muss der mittlerweile 37-jährige Moderator sich nicht mehr hinter dem Althasen Schmidt verstecken, dessen Format – trotz Originalität und Eigenart – doch schon immer an amerikanische Vorbilder wie David Letterman erinnerte. Dagegen kommt „Stuckrad Late Night“, das übrigens in Zusammenarbeit mit dem Film- und Fernseh-Allrounder Christian Ulmen produziert wird, völlig neuartig daher und kennt keine vergleichbaren Vorbilder. Dabei ist der Aufbau einer Sendung recht simpel: Ein Gast aus der politischen Öffentlichkeit wird geladen und muss sich allerlei Provokationen, Fragen und Albernheiten gefallen lassen. Immer mit dabei: die beiden Sidekicks, von denen einer das linke und ein anderer das konservative politische Spektrum repräsentiert. Als kleine Hommage an Statler und Waldorf aus der Muppetshow sitzen diese hoch über dem Geschehen und geben ihre Kommentare zum Ganzen ab. Sie wurden schon durch den Journalisten Hajo Schuhmacher und den Ex-Verteidigungsminister und CDU-Urgestein General Schönbohm dargestellt, aber auch „Bild“-Vize Nikolaus Blome und „Spiegel“-Journalist Markus Feldenkirchen gaben sich die Ehre und lieferten sich kleine, bissige Wortgefechte.

Im Kern besteht das Konzept der Sendung aber darin, die Politiker mal anders zu zeigen als gewohnt, unverstellt und ausgelassener. Wer bei „Stuckrad Late Night“ also einen ganz normalen Polittalk erwartet und konkrete politische Inhalte sucht, wird wohl enttäuscht abschalten müssen. Aber wozu denn auch eine weitere Show, in der Inhalte durchs Dorf getrieben werden? Inhalte findet man in unserer deutschen Informationsgesellschaft wie Sand am Meer. Bei Stuckrad geht es vielmehr darum, den Politiker aus der Reserve zu locken, er soll sich selbst darstellen und eine Performance abliefern, was natürlich Unterhaltungscharakter hat. So muss sich zu Beginn einer Sendung jeder Politiker einem Interview stellen, in dem zehn Fragen beantwortet werden wollen, die mal provokativ in das Privatleben greifen oder die einfach nur krude gestellt und nur schräg zu beantworten sind. Danach geht es zum Beispiel damit weiter, dass der Politiker Bilder aus seiner letzten Arbeitswoche vorstellt. Ob nun ein Bild aus dem Büro mit der Sekretärin oder von der letzten Kantinenmahlzeit, alles ist durch die Banalität, die nun mal auch das Leben eines Volksvertreters prägt, einer unfreiwilligen Komik preisgegeben, die mal durch intelligente Wortspiele, meistens aber auch einfach durch Kalauer und oberflächliche Witze untermauert wird. So etwas wie Langeweile taucht in der Show dennoch nicht auf, denn die Sendung ist voll mit Aktivitäten, die die Politiker ganz anders zeigen als bei Anne Will oder Frank Plasberg, ob es sich nun um eine Raterunde „Wer bin ich?“ mit Thilo Sarrazin, um ein Deuserband-Training mit Rainer Brüderle oder einfach nur um ein erotisches Im-Bett-Liegen mit Piratin Marina Weisband handelt, eins ist sicher: Es geht rund bei „Stuckrad Late Night“.

Doch wozu all die Albernheiten und Oberflächlichkeiten? Kann man so was überhaupt ernst nehmen und darf man eigentlich nicht viel mehr erwarten von einem gerissenen Schriftsteller wie Stuckrad-Barre? Man darf. In einem Interview mit dem Literaturkritiker Dennis Scheck über sein 2010 veröffentlichtes Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ berichtete Stuckrad-Barre, wie er auf Momente lauert, in denen Politiker etwas äußern, mit dem sie im Nachhinein persifliert werden können. So erzählte er von einer Begegnung mit Außenminister Rösler: „Irgendwann hat er, als sein Flug sich verspätete, wir rumsaßen und er ganz traurig in sein Lachsbagel biss, gesagt: ‚Die Herbert-Grönemeyer-Live-DVD hab ich mir angeguckt, als ich unsere Möbel zusammengeschraubt habe.‘ – das kann später auf seinem Grabstein stehen. Da ist für mich alles drin über den Minister Rösler.“ – „Ist es das wirklich?“, hakt der Literaturkritiker nach, „wird so ein Satz dem ganzen Menschen Rösler gerecht?“ Woraufhin Stuckrad-Barre entgegnet: „Den ganzen Menschen zeigen, das ist so ein Kitsch. Das muss gleich zerstört werden. Das ist ja auch das Ziel von den ganzen Superjournalisten: Wir wollen hinter die Fassade gucken, wir wollen den Menschen zeigen. Ich will eigentlich erst mal auf die Fassade gucken, um es dadurch zu begreifen. Was liefert der, was will der, das ich von ihm denke und sehe. Wenn man das brutal genau prüft und ernstnimmt, kommt man viel mehr in die Tiefe, als einem lieb ist.“ Aha, es geht also gerade um Oberflächlichkeit und damit verbunden um Performanz, denn Fassaden treten nur dort auf, wo auch dargestellt wird. Die Politiker werden eingeladen, damit sie auftreten und sich von ihren besten Fassaden präsentieren können, die wir dann im Nachhinein brutal genau überprüfen müssen. Und da Politik natürlich zu großem Teil auch Showbusiness ist, lassen sich die Politiker gerne auf die Möglichkeit zur Selbstdarstellung ein und zeigen, wie menschlich sie sind, zeigen, wie bürgernah und wie kompetent sie sind. „Stuckrad Late Night“ entpuppt sich also als große Showoff-Plattform für aufmerksamkeitsbedürftige Politik-Schausteller und man schaut gerne zu, wenn Christopher Lauer seine erfrischende Draufgängerart demonstriert, oder wenn Rezzo Schlauch einfach mal zu Punkrock abgeht und von seinen guten Erfahrungen mit LSD berichtet, oder wenn Marina Weisband Kai Diekmann in einem Live-Telefonat die Meinung über Sexismus geigt. Doch die Sache kann für den Politiker auch nach hinten losgehen, nämlich dann, wenn es sich um einen solchen Abknicker wie Michael Glos handelt, der statt Tatkraft, Humor und Schlagfertigkeit nur Schüchternheit, Zurückhaltung und sogar Angst demonstriert. Gleich mehrfach hatte sich dieser bei seinem Auftritt im Februar 2012 vorführen und damit natürlich sein Bildnis als Politiker zertrümmern lassen.

Doch worin besteht dieses Bildnis und was meint Stuckrad-Barre, wenn er behauptet, dass wenn man dieses brutal genau prüfe, man viel mehr in die Tiefe komme, als einem lieb sei? Als Hauptstadtreporter, der viel Zeit mit den Spitzenpolitikern verbringt, kennt er natürlich seine Gäste zu Genüge, weiß um all die Zweifel, Sehnsüchte und Begierden, die einen Politiker umtreiben, der dem ständigen Machtkampf, den Intrigen und der sozialen Isolation ausgesetzt ist. Der Journalist weiß auch, dass sie alles tun würden für ein wenig Aufmerksamkeit, um nur ein wenig weiter auf der Karriereleiter voranzukommen. Er weiß aber auch, dass die Aufmerksamkeit, die wir den Volksvertretern eigentlich schenken müssten, mehr einem „Erbarmen mit den Politikern“ (Enzensberger) gleichen sollte, und das nutzt er in seiner Sendung vollkommen unbarmherzig aus, denn wie viele der Gäste bei „Stuckrad Late Night“ hätten aus Scham oder Verklemmtheit die vielen albernen Show-Einlagen gerne ausgeschlagen, haben sich aber dann mit dem Spruch: „Alle wollen's!“ und viel Applaus und Zurufen aus dem Publikum umstimmen lassen. Der automatische Drang und das nötige Bedürfnis nach Selbstdarstellung eines jeden Politikers wird durch das komplementäre Bedürfnis des Zuschauers, etwas dargeboten zu bekommen, zu einem Loch ohne Boden. Und schon befindet er sich in Situationen, von denen man vor 30 oder 20 Jahren noch gesagt hätte, er habe sich blamiert. Und man muss die Frage stellen: Hätte ein seriöser Politiker vor 30 oder 20 Jahren so etwas auch mitgemacht? Wahrscheinlich nicht, und es lässt sich nur darüber spekulieren, weshalb das so ist. Ob es nun das Erbe einer Raving-Society, einer Popkultur oder eines von Christoph Schlingensief geprägten Deutschlands ist, ist im Grunde egal, wir können festhalten: Einen Politiker, der ständig nur ernst sein kann, kann man spätestens im 21. Jahrhundert selbst nicht mehr ernstnehmen. Und gerade das ist der Knackpunkt der ganzen Sache. Der klassische Politiker ist dabei, zu zerbrechen. Und das wird nirgendwo deutlicher als bei Stuckrad-Barres Show, aber um das genauer zu erläutern, muss man etwas weiter ausholen.

In gewisser Weise tritt ein Politiker in eine Falle, sobald er an der Show teilnimmt, weil er dann der Showoff-Wirkung nicht mehr entkommen kann: Er wird ohnehin vorgeführt und zur Schau gestellt, aber er kann dem entweichen, zum Beispiel, indem er einfach nicht mitmacht, dann besitzt der Politiker aber für uns einfach keinen Humor, ist verklemmt oder einfach arrogant. Er kann nicht über sich selbst lachen und verschränkt trotzig die Arme vor dem Zug, in dem all die sympathischen und gut gelaunten Menschen sitzen und der schließlich ohne ihn losfährt. Oder er entweicht, indem er auf den Zug aufspringt, selbst eine Show abliefert, den Ernst und die Seriosität vorübergehend ablegt und mit der Albernheit zumindest zeitweise eine Symbiose eingeht. Danach ist sein Bild bei uns, den potentiellen Wählern, aber so oder so nachhaltig verändert, ob es ihm nun Sympathie oder Abscheu einbringen mag. Wir wissen dann, dass dieser Politiker, der sich unentwegt ernsten, problematischen Themen zu stellen hat, auch nicht ernst sein kann. Entscheidend ist dabei: Er tritt als Politiker auf, nicht als Privatperson, sein Bild in der Öffentlichkeit ist also explizit betroffen. Welche Macht und Bedeutung jenem Bild zukommt, weiß man wohl nirgendwo so sehr zu schätzen wie auf dem Dampfer unserer deutschen Demokratie, in der die Rücktrittswellen fast regelmäßig zuschlagen und hilflose Leichtmatrosen immer wieder aufstranden lassen. Dabei sollte eigentlich klar sein, dass vollkommene moralische Integrität eine Illusion ist und es im Showbusiness der Politik eben nur darum geht, das eigene Bild möglichst rein zu halten. Dabei besteht der Unterschied des Einflusses zwischen dem Albernen und den moralischen Verfehlungen offensichtlich zwischen Spaß und Ernst. Das eine hat fatale Folgen für die Ausübung eines Amtes, das andere nicht. Dies bedeutet aber nicht, dass man das Alberne nicht ernstnehmen sollte, denn seit jeher ist die Veralberung das Mittel, das der Macht entgegengesetzt wird. Ob nun Karikatur, Kabarett oder Karneval, wir vergnügen uns alle, wenn das Naive, das scheinbar Dumme gegen das scheinbar Höchste ausgespielt wird, denn nichts eignet sich besser, die Macht bloßzustellen, als das Ausspielen und das Enttarnen von Schein und Sein.

Doch die Zeit macht alle Waffen stumpf, Karikatur und Kabarett sind längst zur harmlosen Hintergrundmusik der politischen Bühne verkommen, und es fällt den Herren und Damen Politikern ja ach so einfach sich in die „Mitternachtsspitzen“ und dergleichen zu setzen, um ein wenig über sich selbst zu lachen, um dann besser dazustehen. „Bis neulich“ wird das Kabarett sogar von der Politik selbst instrumentalisiert, wenn Konsorten wie Volker Pispers nämlich ihre linke Propaganda an den Mann bringen. Da ist dann die Rede vom „kleineren Übel“, wobei das Zentralkomitee den Genossen Pispers als kleineres Übel gleich von der Programmliste streichen würde. Das echte Kabarett paktiert jedenfalls mit niemandem, weil es – in seiner strengen Naivität – naiv genug für einen echten Idealismus ist und sich eben nicht mit so etwas wie einem kleineren Übel begnügt. Daher steht es allem misstrauisch gegenüber, das die Macht an sich greifen möchte, und so wird bei „Stuckrad Late Night“ von der CDU bis zur Linken, von der „Bild“ bis zum „Spiegel“, alles und jeder, sogar der Moderator selbst, auf den Arm genommen. Revolutionär ist hierbei, dass das Alberne nicht mehr nur den Politiker darstellt, sondern der Politiker selbst verkörpert das Alberne, wodurch das subversive Potential der Satire auf die Spitze getrieben wird. Im Prinzip funktionieren Satire-Parteien wie „Die Partei“ genauso, aber die Jungs und Mädchen, die bei Stuckrad-Barre sitzen, wollen in der Regel ernsthafte Politik machen, und deshalb sollte man ihr Auftreten auch bei solchen Shows wie „Stuckrad Late Night“ ernstnehmen und eben „brutal genau“ prüfen. Dabei ist es nicht so, als ob der einzelne Politiker nur sich selbst veralbert, sondern dadurch, dass die Politiker so zahlreich und selbstverständlich bei Stuckrad-Barre auftreten, ist die ganze politische Klasse von der Satire betroffen. Als der Kaiser nackt war, war eben auch nicht der einzelne Kaiser gemeint, sondern es waren mehr die nackten Verhältnisse, die gemeint waren und vor denen wir heute auch wieder zu stehen scheinen. Und wir müssen uns fragen, was für ein Bild wir uns jetzt vom Politiker machen müssen, in einer Zeit, in der er sich selbst nicht mehr ernstnehmen kann, während die politische Show der Bundesrepublik Deutschland von Menschen getragen wird, die auf alles die richtige Antwort haben wollen und in Form der noch jungen Piraten ein noch weitgehend unbekannter und mysteriöser Politiker 2.0 darauf wartet, zum Leben erweckt zu werden.

Das Wer-bin-ich-Spiel der allerersten Folge „Stuckrad Late Night“ steht dabei sinnbildlich für eine Identitätsverwirrung der politischen Klasse, die sich langsam immer deutlicher abzeichnet. Eine Verwirrung, die im Kern in dem Zwist von Zentralismus und Dezentralismus besteht, aber auch durch neue Möglichkeiten, durch neue Medien und neue Machtstrukturen wie zum Beispiel der immer totalitärer werdenden EU ausgelöst wird. Auch der Wähler kann das feststellen, wenn er bemerkt: „Die Parteien haben doch irgendwie alle das gleiche Parteiprogramm!“, und zeitgleich stehen sechs Parteien auf dem Wahlzettel, mit denen man ernsthaft rechnen muss. Da von Weimarer Verhältnissen zu reden, ist gar nicht mal so abwegig. Vor allem, da die Gefahr der großen Inflation immer näher zu rücken scheint – „nicht heute, nicht morgen, aber mittel- bis langfristig“, zitiert das „Handelsblatt“ den Ex-Chefvolkswirt der EZB, Jürgen Stark.

Stuckrad-Barres Show steht jedenfalls voll im Zeichen der Zeit, in einer Zeit nämlich, in der Politiker auch mal zugeben können, dass sie etwas nicht wissen, sich nicht größer machen brauchen als sie sind und der Mythos vom politischen Übermenschen allmählich zu bröckeln anfängt. Eine Zeit, in der Fehler in unserem System aus Perspektiven offenbar werden, die das klassische Rechts-Links-Geplänkel sprengen. Eine Zeit, die in vielerlei Hinsicht auch im Zeichen der Krise steht, was bedeutet, dass Entscheidungen getroffen werden müssen, und wir dürfen gespannt sein, wie sich politische Bewegungen wie die erst sechs Jahre alte Piratenpartei und die sich neu formierende libertäre Bewegung positionieren werden. Denn nicht zuletzt leben wir auch in einer Zeit, die voller neuer Ideen, Chancen und Möglichkeiten steckt, die auf der anderen Seite aber auch umgesetzt werden müssen.


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Michael Sprick

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