24. September 2012

Antiwestliche Proteste Woher diese Wut?

Ist das „Mohammed-Video“ tatsächlich die Hauptursache?

Eine alte Volksweisheit sagt, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es aus dem Kochtopf springt. Das gilt insbesondere für die unter Politikern beliebte Unsitte, sich bei jeder thematisch geeigneten Gelegenheit als aus Titan geschmiedete ethische Instanzen und absolut sturmfeste moralische Leuchttürme  zu gerieren, um nach einigen Popularitätspunkten zu speicheln. Heutzutage ist schließlich jeder „Populist“, der mit Zeitgeistdogmen nicht 100-prozentig konform geht. Leider wird dabei oft vergessen, dass Politiker zu 99 Prozent und schon von Berufs wegen die mit Abstand übelsten Populisten sind.

Im Falle des momentan immer noch vieldiskutierten „anti-islamischen“ Videos könnte man auch sagen: Es ist nicht alles in so heißem Aufruhr, wie Massenmedien es bekanntlich gerne aufkochen. Vielleicht war es ja diese mal wieder etwas hysterisch und alarmistisch aufgebretzelte Berichterstattung, die manchen Politikern die Sporen gab und zu Dummheiten hinriss.

Denn ein Verbot einer öffentlichen Aufführung des sogenannten „Schmähvideos“ wäre schon deshalb dumm, weil, wie Wolfram Weimer, Kolumnist beim „Handelsblatt“, ganz richtig anmerkte, das Video auf Youtube längst öffentlich zugänglich ist. Weimer: „Diese Debatte ist lächerlich. Der Film wird in jeder Sekunde öffentlich aufgeführt, im Internet mit millionenfachen Downloads. Der Staat sollte gar nichts verbieten, was im Rahmen der Meinungs- und Kunstfreiheit geschieht. Alles andere wäre eine Anbiederung an religiösen Fundamentalismus.“

Dem ersten Teil stimme ich vorbehaltlos zu. Das unselige Verbotsgeschrei ist völlig kontraproduktiv und vor allem überflüssig. Es darf in diesem Punkt kein Einknicken geben. Wenn eine kleine Minderheit von Muslimen hierzulande allen Ernstes mit „Straßenschlachten“ droht, so haben wir ausreichende rechtliche Möglichkeiten, gegen solche Radikalinskis vorzugehen. Aber davon einmal abgesehen: Ist es wirklich ausschließlich religiöser Fundamentalismus, der sich in den Protesten gegen das Video zweifelhaft-zwielichtiger Herkunft entlädt? Dietmar-Dominik Hennig eröffnete in einem Facebook-Beitrag eine andere, nachdenkenswerte und diskussionswürdige Perspektive: „Der Nichtwesten attackiert den Westen nicht, weil er Westen ist, sondern der ehemalige Westen, der das individualistische Erbe des Westens ausschlug (‚auch bei uns Markt- und Meinungsfreiheit nicht schrankenlos‘ blablafaselsülz) und damit selbst zum kriegerischen Imperium, also Nichtwesten mutierte, der keine geistigen Waffen mehr hat, die dem Nichtwesten überlegen sind.“

Man sollte in der Tat nicht den Fehler machen, „die“ Muslime für komplett unterbelichtet zu halten, als verstünde keiner von ihnen, was im Westen gerade vor sich geht. Ebenso wenig sollten von ihren Massenmedien gerade bei diesem Themenkomplex eher ver- statt aufgeklärte, sich überlegen wähnende Westerner nur von sich ausgehen beziehungsweise dem, was man ihnen seit dem 11. September 2001 unablässig in die Köpfe gießt. Dass es Muslime gibt, neben deren Toleranzschwelle für Religionskritik sich eine Schwalbe ausnimmt wie ein Flugkörper in erdnaher Umlaufbahn, sollte man natürlich nicht leugnen. Dass aus westlicher Perspektive ein Großteil der islamischen Welt in bestimmten Punkten rückständig wirken muss, geht auch noch an. Da gibt es nichts schönzureden. Wir genießen hier trotz aller Kritikpunkte Rechte und Freiheiten, nach denen Menschen in vielen anderen Ländern der Welt sich die Finger lecken.  

Aber wenn ein intelligenter, gebildeter Muslim – ja, sowas gibt‘s tatsächlich, auch wenn die Dauerberieselung mit Bildern wutschnaubender, US-Flaggen verbrennender Demonstranten das viehische Gegenteil suggerieren soll – erfahren muss, dass derselbe Staatenbund, der doch nur Demokratie und Freiheit in die Welt tragen möchte, erstens daheim eben diese Errungenschaften sukzessive abbaut und zweitens den eigenen Intentionen zufolge, etwas gegen den sogenannten internationalen Terrorismus unternehmen, die arabische Welt etwas freiheitlicher gestalten und Diktaturen den Garaus machen zu wollen, eigentlich auch Saudi-Arabien geheimdienstlich durchkneten und bombardieren müsste, was sich aus ölströmungsdynamischen Gründen wohl aber verbietet, könnte ein solcher Muslim durchaus auf den Gedanken kommen, dass es mit den hehren PR-Motiven nicht allzu weit her sein kann.

Wenn er sich weiterhin überlegt, dass im aufgeklärten, der islamischen Welt weit überlegenen Westen momentan einer der größten, skandalösesten Raubzüge der Geschichte auf Kosten des „kleinen Mannes“ stattfindet; dass der journalistische Mainstream trotz aller längst vorliegenden Beweise für eine massive Einflussnahme und Kontrolle der zur Rettungspolitik umgelogenen Umverteilungs- und Volksverarmungs-Kleptokratie durch einige der größten Banken der Wall Street diese Beweise immer noch überwiegend ausblendet, als existierten sie nicht; dass trotz der vorliegenden Fakten die schweigenden Lämmer sich in breiter Mehrheit anscheinend widerstandslos scheren lassen, denn bisher habe ich noch keine Millionen gesehen, die auf die Straße gingen, um gegen diese Schmähung ihrer Zukunft, diese historisch beispiellose Schmierendramödie wütend zu protestieren; dass durch die Adern der schon lange nicht mehr wirklich freien Marktwirtschaft längst ein giftiges geldsozialistisches, planwirtschaftliches Blut fließt, kontrolliert von politischen und finanzaristokratischen Großmuftis, die ironischerweise einer quasireligiös-fundamentalistischen Geldpolitik folgen – dann könnte ein solcher Muslim eventuell ein Jucken auf der Kopfhaut verspüren und sich fragen, was genau denn nun westliche Überlegenheit bedeuten soll.

So zu argumentieren heißt noch nicht, wesentliche Unterschiede und Fortschritte der heutigen westlichen gegenüber der islamischen Welt nivellieren, beide Sphären gleichmachen zu wollen, wie es derzeit von manchen Kommentatoren wieder unterstellt wird. Man stellt damit lediglich die berechtigte Frage, ob das „Mohammed-Video“ tatsächlich die Hauptursache der Wutentladungen ist, oder vielleicht nur der berühmte Tropfen, der das Fass dauerhafter westlicher Einmischung zum Überlaufen brachte.

Denke ich an die widerwärtige, menschenverachtende Kriegstreiberei, die völkerrechtswidrigen Überfälle, die Beutezüge in Ländern wie Afghanistan und Libyen auch mit deutscher Beteiligung, muss ich mir eingestehen: Solange diese Außenpolitik, die bisher mehr Schaden als Nutzen stiftete und die auf Dauer nur böses Blut hervorrufen kann, fortgesetzt wird,  bin ich von antiwestlichen Ressentiments nicht sonderlich überrascht.

Es gilt, klar zu unterscheiden zwischen einem Islamismus, der Hass und Gewalt schürt, was man ohne jedes Wenn und Aber verurteilen sollte, – und einer Wut, die sich aus der Bigotterie und den Lebenslügen westlicher Politik speist. Und die es beileibe nicht nur in der islamischen Welt gibt.

Link:

„Handelsblatt“: „Das Klima der Angst zeigt Wirkung“


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