04. Oktober 2012

Frank Stronach Bolschewik und Spätkapitalist

Feuchte Alpträume des demokratischen Fernsehens

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einer Märchenstunde, die niemals endet und in der man ihnen so lange das Geschichtchen vom bösen Kapitalisten erzählt, bis Stalin und Molotow erbost den Saal verlassen, weil ihnen das alles zu einseitig ist. Nach weiteren 500 frechen Wiederholungen nimmt Jesus die Alice Schwarzer an die Hand und beide gehen versöhnt aus dem Raum; sie strahlt mit roten Wangen, weil auch Er das so schön erkannt hat, dass sie erkannt hat, dass es übertrieben ist. Von oben herab tropft der Bolschewismus; am Ausgang nimmt man Ihnen 70 Prozent Ihres Bargeldes aus Gründen des guten Willens weg und vor dem Ausgang treffen Sie böse, aber komplexzerfressene Banker, die schon länger in Problemen mit dem Selbstwert stecken, weil sie vor lauter Wohltätigkeit impotent geworden sind. Einer, ein Anzugträger mit Rolex und peinlichem Mitteilungsbedürfnis, gesteht Ihnen, dass er weder Tod noch Teufel fürchtet aber eine Scheißangst vor den deutschen Rentnern hat, die ihn lähmt und daran hindert, rationale Entscheidungen zu treffen. Ein Neoliberaler kommt um die Ecke und erklärt Ihnen, dass er sich nur noch in Afrika bös sein traut, und auch das nur, indem er die Förderungen der EU für seine billigen Afro-Mehlsäcke akzeptiert, um Arbeitsplätze in der belgischen Biobauernindustrie zu retten.

Sie wachen kurz auf und denken an den Lohnzuwachs, den sie im kommenden Geschäftsjahr trotz Umsatzrückgang auszahlen müssen; ängstlich hasten Sie ins Nebenzimmer hin zum Wandschrank und nehmen einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Ihr Gesicht läuft hochrot an. Da steigt aus der Couch ein Geist: Alt, mit hochrotem Gesicht, radebrechend, in stumpfer Verweigerung demokratischer journalistischer Zumutungen kommt er klotzend auf Sie zu. Er packt Sie am Kragen und erklärt Ihnen, dass Sie doch Gutes tun sollen und steigt in den Fernseher.

Der kanadische Austro-Milliardär Frank Stronach erklärt Ihnen im Fernsehen, dass es ihm so gut wie scheißegal ist, was die Journalisten sagen und dass die bekanntesten unter ihnen bestochene Trottel sind. Er kann kaum noch Deutsch, aber mit dem bisschen, das er noch kann, ist er immerhin noch so sprachmächtig, kein Journalistendeutsch zu können. Die Moderatorin wirft ihm daraufhin vor, Journalistendeutsch zu sprechen. Wie ein Roboter tut er alles nicht, was der Spätkapitalist und der Staatsprofiteur von ihm erwarten. Er ist zu beschränkt, um den Anforderungen des Fernsehens zu genügen. Man vergleicht ihn mit Verbrechern, hält ihm die sinnvollen Aussagen von Professoren vor, er sei kein Demokrat. Hinter der abgebrannten Fassade des Chairman aber leuchtet kurz eine bolschewistische Energie auf, und er erzählt minutenlang vom Zusammenhalt einer Gesellschaft und von Arm und Reich. Am Ende verdächtigt man ihn dann, konservativ zu sein und einen Haufen Geld zu besitzen.

Trotzdem müssen Sie morgen früh aufstehen, weiter arbeiten und dafür sorgen, dass die anderen von Ihnen sicher das Geld bekommen, das sie für die maßlose Fortsetzung ihres abhängigen, angsterfüllten Lebens brauchen. Zumindest bis das alles untergegangen ist, tragen Sie ja noch Verantwortung, auch in einem todkranken System, in dem wie im späten Byzanz sogar die berufliche Selbständigkeit und das Geschlecht der Engel gesetzlich geregelt sind, wenn auch schon jeder weiß, dass der Kaiser ein Hochstapler ist und die Türken über den Bosporus sind.


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Fritz Gstättner

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