05. Oktober 2012

Überschuldungskrise Brot heute, Hunger morgen

Sowohl Inflation als auch Deflation

Vor einigen Tagen besuchte mich eine Gruppe von Anlegern in Berlin und wollte meine Sicht der Überschuldungskrise von Staaten und Banken erfahren. In der anschließenden Diskussion kam dabei die Frage auf, ob die aktuelle Entwicklung eher zu Deflation oder Inflation führe.

Um diese Frage beantworten zu können, muss ich erst darlegen, was ich unter Inflation beziehungsweise Deflation verstehe. Die Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomie, denen ich zuneige, verstehen darunter ein Anwachsen (Inflation) oder eine Schrumpfung (Deflation) der Geldmenge. Der breite Anstieg oder Verfall von Preisen für Konsum- und/oder Vermögensgütern ist lediglich die Folge der falschen Geldmengenpolitik der Notenbanken. Aber wozu führt die aktuelle Entwicklung – zu Inflation oder Deflation? Zu beidem!

Die derzeitige Überschuldungskrise im Euroraum ist durch eine Ausweitung der Geld- und Kreditmenge in den ersten zehn Jahren des Euro entstanden. Alleine die Geldmenge (M3) ist in dieser Zeit um fast 130 Prozent gestiegen, die Kreditmenge sogar um fast 160 Prozent. Im Euroraum selbst hat dies zu einer Erhöhung des realen Bruttoinlandsprodukts von 20 Prozent geführt. Mit immer mehr Kreditschulden und damit Geld wurde ein bescheidenes Wachstum erreicht.

Diese 20 Prozent waren zudem sehr ungleich verteilt. Während Deutschland stagnierte, führte der Kreditsegen zu einem Immobilienboom in Spanien. Die Preise stiegen in immer neue Höhen. Es wurde immer mehr gebaut, doch diese Immobilien finden keine Nachfrager. Die Preise sind zu hoch und werden sich mittelfristig korrigieren. Kredite werden dadurch notleidend und müssen abgeschrieben werden. Der Aufschwung in Spanien wurde auf dem Sand des billigen Geldes gebaut. Reduziert sich die Kreditsumme durch den Ausfall der Schuldner, führt dies zu einer Schrumpfung der Geldmenge, denn Kredit ist nichts anderes als Geld. Es kommt zur Deflation, deren Folge ein Rückgang der Wirtschaftsleistung und damit auch ein Anstieg der Arbeitslosigkeit ist.

Doch was werden die Rettungseuropäer in dieser Situation tun? Werden sie eine Korrektur der Übertreibungen zulassen? Nein, mit Sicherheit nicht. Schon heute demonstrieren Zehntausende auf den Straßen Spaniens. Die Arbeitslosigkeit ist die höchste in Europa und die Jugendarbeitslosigkeit sogar die höchste der Welt. Der Ruf nach der Notenbank als Krisenretter wird deshalb immer lauter.

Die EZB wird daher die Geldmenge ausweiten. Sie wird Geld drucken, um eine Schrumpfung der Kreditmenge zu verhindern. Die Notenbankzinsen werden weiter reduziert werden, sogenannte „unkonventionelle Maßnahmen“ der EZB werden noch abenteuerlicher eingesetzt werden. Die Regierungen werden neue Konjunkturprogramme auflegen, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Folge wird eine noch höhere Verschuldung sein. Die notwendige Korrektur der Vermögenspreise, etwa bei den spanischen Immobilien, wird nicht stattfinden, da sie von den Rettungseuropäern nicht zugelassen wird.

Das billige Geld wird einen erneuten Boom auslösen. Sehr wahrscheinlich werden wir diesen Boom bei den Rohstoffpreisen erleben, der sich dann auch in die Lebensmittelpreise frisst. Wie Ketchup aus der Flasche wird die Erhöhung der Preise nicht sofort und gleichmäßig, sondern mit einem „Plupp“ aus der Flasche kommen.

Viele Ökonomen haben vor der Politik des billigen Geldes gewarnt. Die Auswirkungen waren schon vor Jahren bekannt. Aber die Regierungen Europas haben die Warnungen ignoriert. Letztendlich ist es eine Auseinandersetzung zwischen Wirtschaftsklempnern auf der einen Seite und Marktwirtschaftlern auf der anderen Seite. Und diese Auseinandersetzung ist uralt. Schon in der großen Depression haben John Maynard Keynes und Friedrich August von Hayek um den richtigen Weg aus der Krise gestritten. Klempner Keynes wollte die Krise mit Gelddrucken bekämpfen und wischte die Gefahren mit den Worten „langfristig sind wir alle tot“ beiseite. Hayek antwortete ihm darauf: „Brot heute, Hunger morgen“.


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