06. Oktober 2012

Athanasios die Glosse Grundgesetz in Dithyramben

Das Menschenbild des Torso

Das Grundgesetz hatte zeitlebens eine Neigung zur Poesie. Was früher Normen gewesen waren, wurden Werte, aus Abwehrrechten gegen den Staat wurde ein „Menschenbild“. Heute, wo es seine große Zeit hinter sich hat, scheint es der Neigung zum Gedichtbuch nachzugeben. Zum Tag der Deutschen Einheit ist es vom „Malerfürst“ Markus Lüpertz illustriert bei ‚Bild‘ und ‚Bertelsmann‘ erschienen. „Das Ergebnis“, so die ‚Bild‘, ist "ein prachtvolles Buch, das einen völlig neuen Zugang zu unserer Verfassung ermöglicht."

Kann man wohl sagen. Entstanden ist das erste bebilderte Gesetzbuch seit dem Mittelalter, nur sollen die Miniaturen hier keine Theokratie, sondern eine Homokratie fundieren. Weil das dem Wissensdurst des kritisch-modernen Untertanen nicht genügt, gibt es zu den Emblemen jeweils Erläuterungen. Zu Artikel 2, dem Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung, ist eine Marmorstatue zu sehen. Der linke Arm ist über, der rechte Arm unter dem Ellbogen abgebrochen. Das soll illustrieren, dass der seine Persönlichkeit entfaltende Mensch „noch in der Phase seiner Selbstwerdung“ ist. Zu Artikel 3, Gleichheit vor dem Gesetz, ist wieder ein Statue ohne Arme zu sehen, graues Gesicht auf grauem Körper wirkt verängstigt. Davor ein Boot, das aussieht wie eine Polizeimütze. Zu Artikel 4 links der arme Armlose, rechts eine „Landschaft mit einem Kahn, der eigentlich nicht auf die Landstraße gehört, wo er zu sehen ist.“

Soll die Religion im Grundrecht der Religionsfreiheit sein wie der Kahn auf der Straße: es sitzt sich bequem, aber man kommt keinen Meter vorwärts noch rückwärts? Der exzentrische Maler will den Mensch in seiner Exzentrizität zeigen: als Torso, der erst noch zu vervollständigen ist. Nur hat er beim Bezug auf die Antike vergessen, dass die Statuen von den Griechen mit Armen gemacht wurden. Es ist nämlich unwahrscheinlich, dass abgebrochene Gliedmaßen nachwachsen. Außer – es greift der Restaurator ein.


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