15. Oktober 2012

Literaturnobelpreis Freie Entfaltung? Nicht mit uns!

Im Zweifel unterdrücken wir den Literaturnobelpreisträger eben selbst

Die Chinesen wieder. War ja klar. Eine repressive Diktatur lässt einfach keine freie Entfaltung der Kunst zu.

Warum müssen sie nur Diktatoren sein, die Chinamänner? Wären sie es nicht, könnten unsere Medien jetzt einfach darüber berichten, was und wie der diesjährige Literaturnobelpreisträger so schreibt. Genauso wie sie es tun, wenn sie Haruki Murakami oder Philip Roth porträtieren. Sie könnten mit Mo Yans magischem Realismus beginnen, mit seinen grotesken Figuren und kaleidoskopischen Handlungsszenarien weitermachen und anschließend noch seine Beschäftigung mit der chinesischen Geschichte, dem Boxeraufstand und der Mao-Zeit erwähnen.

Aber nein. Das geht nicht. China ist ja eine Diktatur. Deshalb muss die Schublade „Dissident“ aufgemacht werden. Da passt Mo Yan aber nicht rein, schließlich ist er in China ein Bestsellerautor. Betrüblich. In die Schublade „Staatsautor“ passt er allerdings auch nicht, schließlich schlägt er durchaus sozialkritische Töne an. Noch betrüblicher. So wird – das Schubladendenken wacker zementierend – festgestellt, dass er eben in keine Schublade passe. Dass er zwischen den Stühlen sitze.

Mal auf den Gedanken gekommen, liebe Medien, dass der Herr Mo Yan vielleicht gar nicht Euren Ikea-Einheitsschrank besitzt, sondern irgendein buntbemaltes Unikat aus Shandong, wo die Schubladen ganz anders verteilt sind? Mal in Erwägung gezogen, dass man Stühle durchaus auch anders aufstellen kann als im ewigen Stuhlkreis angstfreier Gruppendiskussionen, und dass jemand, der woanders sitzt, deshalb noch lange nicht sein Hinterteil in der Luft balancieren muss?

Anstatt sich zu freuen, dass in einem fernen Land ein Dichter originelle – und nunmehr preisgekrönte – Literatur schreibt, schwadronieren unsere Medien von Unterdrückung. Selbst wo sie gar nicht stattfindet. Ja, verehrte Diktatoren: Ihr habt gewonnen. Herrscht Ihr mit Feuer und Schwert, wir tun es mit unseren Kategorien.


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Martin Johannes Grannenfeld

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