05. November 2012

EU-Vorweihnachtsmänner Wärmflaschenrhetorik statt Aufklärung

Wie man die Aura des politischen Grandseigneurs zur Einschüchterung missbraucht

Nach Fischerjoschkas und Helmut Schmidts schauprächtig moralisierendem Remake von Zweitem Weltkrieg und Holocaust als Motivationstraining für transfermüde deutsche Armutsrentner und jüngere Frischgeldautomaten stieß nun auch Dietrich Genscher erwartungsgemäß in dasselbe Horn.

Während manche Bürger sich noch verdutzt fragen, warum ein Kanzlerkandidat pro Tüte akustischer wahrnehmbarer Atemluftschwingungen, die bisher nichts bewegt haben außer Sauerstoff-, Stickstoff- und Kohlendioxidmolekülen, 15.000 Euro erhält, wo in ihren eigenen Geldbeuteln trotz echter Arbeit am Monatsende immer weniger Mäuse traurig piepsen – was sie auch der volkswirtschaftlichen Genialität ihrer politischen Aufführer und -rührer zu verdanken haben –, steigt auch schon ein Genschman aus dem UFO und drischt dasselbe Phrasenstroh wie Helmoschka. Wärmflaschenrhetorik für den wohl bald einbrechenden europäischen Winter. Ob das reicht?

Also nochmal: Deutschland überwies Milliarden an Steuergeldern an Südländer, damit diese deutsche Exporte kaufen und in einer von der eigenen Wirtschaft ungedeckten Wohlstandsillusion leben können? Ich meine mich zu erinnern, dass man sowas als krasse Fehlallokationen mit relativ leicht auszumalenden Folgen bezeichnen könnte, aber solche Vokabeln kommen im heutigen EU-Neusprechdiktionär nun mal nicht vor. Der Ausverkauf Europas an Vomackermacher und andere kriminelle Elemente in den oberen Stockwerken einer Finanzindustrie, die Realwirtschaft nur noch aus Erzählungen von Omi und Opi kennt? Herr Genscher?

Stattdessen gibt‘s Fritten mit Majo: „Die Legende vom angeblichen Preis für die deutsche Einheit ist deshalb so gefährlich, weil sie für das neue Europa eine Wirkung entfalten könnte wie die Dolchstoßlegende nach dem Ersten Weltkrieg.“ Husch husch, ihr „Hardcore-Euroskeptiker“ und „Beckmesser“ („FAZ“kenblabla), ab in die rechtsradikal-geschichtsrevisionistische Ecke. Es folgt abgestandener Sekt: Eines der Motive für die Gemeinschaftswährung sei ihre ökonomische Bedeutsamkeit gegen Kursmanipulationen gewesen. Das glaube ich Libor nicht. Dann spricht er Dalí: Der Eurubel sei die logische, ökonomisch sinnvolle Schlussfolgerung aus der politischen Annäherung zwischen Ost und West in der zweiten Hälfte der 80er Jahre gewesen. In der Tat: Europa hat die Sowjetunion vorbildlich beerbt. Untergang der UdSSR? Iwo, die spukt in Form der EU munter weiter.

Die Polonnaise torkelt fort: „Ein Zweifel an Europa darf nicht geschürt werden, auch nicht aus finanziellen Gründen. Aus denen zu allerletzt.“ Ach, Politiker haben keine Probleme damit, das Geld anderer Leute auszugeben? Ganz was Neues. Warum denn um ökonomische Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten kümmern? Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass auch Genscher natürlich EU und Euro mit Europa verwechselt. Kennt man ja.

Was mich an dieser Taktik so stört? Der Versuch, die Aura des Dorfältesten zur Einschüchterung des Volkes und Fortsetzung einer desaströsen Lügenpolitik zu missbrauchen.

Link:

„Die Welt“: An Deutschland darf Europa nicht scheitern!


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