08. November 2012

Robert Kagan im „FAZ“-Interview Surreale Geschichtsstunde auf Falkenflügeln

Der ganz normale Wahnsinn unserer Zeit

Am 6. November erschien im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein Interview mit Robert Kagan, den das Blatt verharmlosend als Historiker, Politikberater und einen der „einflussreichsten Intellektuellen der Vereinigten Staaten“ vorstellte. Schade, dass man dabei gewisse andere politische Beziehungen und Aktivitäten Kagans zu erwähnen vergaß, die Lesern einen besseren Eindruck darüber verschafft hätten, mit welcher Art von Intellektuellem man es bei ihm zu tun hat. Diese nicht ganz unwichtigen Zusatzinformationen  – Kagan war unter anderem Mitbegründer der sogenannten „neokonservativen“ Denkfabrik „PNAC“ („Project For A New American Century“) – erleichtern das Verständnis so mancher grotesken Falschdarstellung, Schönfärberei und frommen Geschichtslüge Kagans ganz erheblich. Als seriöser Historiker kann er nach diesem Interview eigentlich nicht mehr gelten.

Robert Kagan ist Koautor des Geostrategiepapiers „Rebuilding America's Defenses: Strategies, Forces and Resources for a New Century“, das eine globale Dominanz amerikanischer Werte („Pax Americana“), mithin eine „unipolare Welt“, fordert und dessen Verfasser ganz unverblümt über ein von den USA etabliertes und geführtes „world-wide command-and-control system“ („weltweites Kommando- und Kontrollsystem“) sowie über rassenspezifische Biowaffen (kurz: Genozidwaffen) als „politisch nützliches Werkzeug“ schwadronieren.  

Was letzteren Punkt betrifft, dürfte der Einwand, die Autoren sprächen ja gar nicht explizit von einem tatsächlichen Einsatz solcher Waffen, sondern deuteten „nur“ einen politischen Gebrauch zum Beispiel als Drohkulisse an, wohl ein extrem schwacher Trost sein. Ebenso gut könnte man sich über das Verhalten eines Pyromanen dadurch zu beruhigen versuchen, er sei nicht zu 100, sondern nur zu 50 Prozent verrückt.

Der Tenor des Papiers ließe sich auch wie folgt zusammenfassen: Am amerikanischen Wesen soll die Welt nach Ansicht der „Neocons“ genesen. Diese größenwahnsinnige und – Schluss mit Hirnwäsche und feuilletonistischer Tagträumerei, Augen auf, Klartext reden – faschistische Agenda mit ihren wohlbekannten Folgen – völkerrechtswidrige, auf Falschbehauptungen basierende Kriege im Irak, in Afghanistan und Libyen im Interesse eines rücksichtslosen Heuschrecken-Korporatismus und seine Monopolstellung brachial verteidigenden Geldsystems sowie die kontinuierlichen Einmischungen in die Affären anderer Länder mit geheimdienstlichen und paramilitärischen Methoden oder über von Washington aus operierende und Wall-Street-finanzierte „Nichtregierungsorganisationen“ – ist auch bekannt unter dem Namen „NWO“, „New World Order“.

Die „Neue Weltordnung“ schließt allerdings nicht nur militärischen, sondern auch geld- beziehungsweise finanzpolitischen Interventionismus, Handels- und Währungskriege ein – was sich momentan besonders „schön“ am Verhalten des ehemaligen Vizepräsidenten von Goldmann Sacks, Mario Draghi, studieren lässt, der als NWO-Blasebalg auf dem Chefsessel der EZB Europas durch den Brandbeschleuniger Euro verschärftes Schuldenfeuer mittels ruinöser „Hilfsmaßnahmen“ weiter kräftig anfacht.

(Randnotiz: Übrigens auch hier bitte den inneren Hans-guck-in-die-Luft endlich überwinden. Draghi, Mitglied der „G30“, einer Lobbyorganisation der Hochfinanz, ist kein Verzweiflungs-, sondern Überzeugungstäter, kein Getriebener, sondern Treibsatz, kein Überforderter, sondern Überfordernder. Als Professor der Wirtschaftswissenschaften – Lehrtätigkeit unter anderem an den Universitäten Florenz und Harvard – kennt er seine Wirtschaftsgeschichte. Und weiß sehr genau um die absehbaren Folgen seines Handelns.)

Kagan im Interview: „Die Vereinigten Staaten dominieren die internationale Arena, und den zweiten Rang nehmen mehrere bedeutendere Mächte ein. Aber die Mächte, die das internationale System bilden, sind einander nicht ebenbürtig, im Unterschied zu den Ländern, die im 19. Jahrhundert das europäische Konzert bestimmten. Und das ist gar nicht schlecht. Eine multipolare Welt ist weder stabil noch friedlich und wäre letztlich eine Gefahr für den Frieden zwischen den Großmächten. Solch eine Konstellation spielt in der Regel den Autokratien in die Hände, da es keinen Polizisten gibt, der sie davon abhält, ihren Einflussbereich auszudehnen.“

Meint er das wirklich ernst oder handelt es sich um einen Anflug von Selbstironie? Zeigt doch gerade die amerikanische Außenpolitik der letzten zwei Jahrzehnte, was passieren kann, wenn echter Widerstand gegen recht temperamentvolle autokratisch-weltpolizeiliche Ambitionen ausbleibt. Und das ist gar nicht gut. Überall, wo man sich in diesem Zeitraum einmischte, herrschte danach mehr Chaos als vorher; statt „Demokratie“ und „Frieden“ zu bringen, waren die Folgen mehr Blutvergießen, mehr Tod und Leid. Man braucht überdies kein Historiker oder elitärer Ökonom zu sein, um die negativen weltwirtschaftlichen Effekte einer aus technokratischen Allmachtsphantasien geborenen Papierschnitzeljagd verstehen zu können – sie lassen sich gerade heute aus nächster Zeitnähe betrachten.

Kagan behauptet weiter, die Verfassungsordnung würde schon seit dem Unabhängigkeitskrieg nicht in Frage gestellt – womit er sich als ernstzunehmender Historiker selbst diskreditiert. Hat doch die Regierung unter Bush junior die Verfassung durch den „Patriot Act“ mit Füßen getreten und Präsident Barack Obama durch die Unterzeichnung des höchst umstrittenen „NDAA“ („National Defense Authorization Act“) diese innenpolitische Entwicklung hin zu einem Polizei- und Schnüffelstaat fortgesetzt.

Wer eine multipolare Welt ernsthaft als Bedrohung für den Frieden bezeichnet, der darf sich nicht wundern, mit gewissen historischen Persönlichkeiten auf eine Stufe gestellt zu werden. Von Weltherrschaft träumten schließlich schon andere – und scheiterten. Zum Glück.

Link:

„FAZ“-Interview mit Robert Kagan: „Wir herrschen auch morgen noch“


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