10. Dezember 2012

Opel-Schließung Danke, EZB!

Über die Aushebelung des Gewinn-Verlust-Systems

Im Europageschäft machte der Automobilkonzern General Motors allein 2011 knapp 750 Millionen Dollar Verlust. Das Opel-Management des Konzerns plant nun die Schließung von zwei Werken in Europa. Die Produktionskapazitäten sollen um 30 Prozent gesenkt werden. Gefährdet sind vor allem der Standort Bochum und das britische Ellesmere Port. In Bochum stehen rund 3.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Der Betriebsratsvorsitzende Einenkel hat angekündigt, dass die Mitarbeiter gegen eine Schließung der Fahrzeugfertigung vorgehen würden. „Die Aussage kann nur lauten: In Bochum werden weiter Autos gebaut. Eine andere Antwort können wir nicht akzeptieren“, sagte er.

Die Pkw-Neuzulassungen in der EU sind im September 2012 den zwölften Monat in Folge geschrumpft. Die Verkäufe sind im Vergleich zum Vorjahresmonat um 10,8 Prozent gesunken. Im Gegensatz zu Großbritannien (plus 8,2 Prozent) verzeichneten Frankreich (minus 17,9 Prozent) und Italien (minus 25,7 Prozent) teils herbe Einbrüche. Der spanische Markt brach sogar um 36,8 Prozent ein. Auch in Deutschland ging es mit einem Minus von 10,9 Prozent nach unten.

Damit ist Deutschland in einer ähnlichen Lage wie 2009, als die Konzerne mit sinkenden Absatzzahlen durch Rettungspakete und fünf Milliarden Euro Abwrackprämie gestützt wurden. Schon damals sagten Kritiker voraus, dass es sich lediglich um eine teure Verschleppung des Problems handelte. Offenbar hatten sie recht. Mit Sicherheit wird es aber nicht mehr lange dauern, bis ähnliche Rufe erneut laut werden. Die EU will beispielsweise Gelder für Entwicklungen in der Autoindustrie von derzeit einer auf zwei Milliarden Euro verdoppeln.

Dabei ist der Standort Bochum offenbar erst durch hohe Subventionen zustandegekommen. Die Landesregierung und die Stadt Bochum haben damals über 250 Millionen D-Mark aufgebracht. Dadurch kam es in der Region zu einem Zechensterben. „Teilweise war die Schließung von Bergwerken in der Ruhrgebietsstadt direkte Folge der Ansiedlung des Autoherstellers“, schreiben die Autoren der Broschüre „Opel kommt ...“. Insgesamt seien dadurch 13.000 Arbeitsplätze vernichtet worden. Im neuen Opel-Werk fanden zunächst 11.600 Arbeiter eine Anstellung. Aber nur 2.564 von ihnen stammten direkt aus dem Bergbau. In Aussicht gestellt wurden damals 30.000 Arbeitsplätze. Heute sind es inklusive Partnerbetriebe noch rund 5.000.

Besonders tragisch ist auch, dass sich im Gegensatz dazu niemand aufregt, wenn kleine oder mittlere Firmen Entlassungen vornehmen müssen. Aber wehe, die Zahl der künftigen Arbeitslosen kommt in den vierstelligen Bereich. Dann wird der ganze Staatsapparat ins Rollen gebracht. Das ist natürlich nie kostenlos. Die Zeche zahlt der Steuerzahler, der damit eigentlich nichts zu tun hat. Die großen Konzerne können sich zudem Lobbyisten und Anwälte leisten, um Schlupflöcher zu finden und von staatlicher Umverteilung zu profitieren. Kleine und mittlere Unternehmen können das nicht. Sie werden gemolken. Das ist aber leider wenig medienwirksam, da man es nicht auf den ersten Blick sieht.

Aushebelung des Gewinn-Verlust-Systems

Seltsam ist vor allem, dass heutzutage der Profit genauso verdammt wird wie der Verlust. Gewinn wird weitgehend weggesteuert, Verluste subventioniert. Dabei erfüllt beides eine unglaublich wichtige Funktion. Zunächst einmal sind Gewinn und Verlust gar nichts Selbstverständliches. In einer Welt ohne Unsicherheit gäbe es weder das eine noch das andere. Im ökonomischen Gedankenkonstrukt, welches Ludwig von Mises als die „gleichmäßig rotierende Wirtschaft“ bezeichnet hat, gibt es keinerlei Unsicherheit. Die Zukunft ist bekannt. Alle Unternehmen wechseln in profitable Geschäfte und verlassen unprofitable. Wenn das Angebot in den profitablen steigt, sinkt aber auch der Gewinn. Gleichzeitig verringert sich der Verlust in den unprofitablen Geschäften. Das geschieht so lange, bis beides bei Null angekommen ist. In anderen Worten: Sowohl Gewinn als auch Verlust entstehen aus Unsicherheit über die Zukunft. Derjenige, der in der echten Wirtschaft die Nachfrage der Zukunft besser abschätzen kann, gewinnt. Unternehmen, die schlecht vorhersehen, fahren Verluste. Die Wirtschaft tendiert also immer in Richtung eines Gleichgewichts mit möglichst geringem Profit/Verlust.

Wenn es, wie momentan in der Autoindustrie, zu weitreichenden Verlusten kommt, ist folgendes geschehen: Es wurde aus Sicht der Konsumenten zu viel in diese Industrie (und zu wenig in einen anderen Bereich) investiert. Um das zu ändern, müssen Unternehmen pleite gehen können und erfolgreiche Unternehmen ihren Gewinn behalten dürfen, um ihn reinvestieren und die gefragten Bereiche ausbauen zu können. Alles andere verzögert die Anpassung der Wirtschaft lediglich – zum Leidwesen der Konsumenten. Und das sind wir alle. Statt einer schnellen Anpassung werden aber für gewöhnlich die einen subventioniert und die anderen in höchstem Grade besteuert.

Zinssenkung als Ursache der Fehllenkung

Das massenhafte Fehlinvestment der Autoindustrie ist vermutlich vor allem durch die niedrigen Leitzinsen der Europäischen Zentralbank zustandegekommen. Nach der Konjunkturtheorie von Ludwig von Mises führen staatlich gesenkte Zinsen zu einem Boom in Wirtschaftsbereichen, die kapitalintensiv sind und lange brauchen, bis sie konsumfertige Güter abwerfen. Die Auto- und die Baubranche sind Musterbeispiele für solche Bereiche. Durch die extrem niedrigen Zinsen nach der Euroeinführung expandierten solche Branchen mit dem billigen Geld.

Genau die gleiche Ursache hatten die Immobilienblasen in Spanien oder den USA. Daher macht es Sinn, das Gleiche für die Autobranche anzunehmen. Alle Automobilfirmen mussten im Boom mitziehen. Wenn ein Unternehmen nicht mit Hilfe des billigen Geldes expandiert hätte, wäre es von der Konkurrenz vereinnahmt worden. Am Ende ist jedoch viel zu viel Kapital in den Bereich geflossen. Es sind mehr Fabriken und Autos entstanden, als die Konsumenten bereit sind, für den Preis zu kaufen. Der Absatz bricht ein, die Preise fallen und die Unternehmen fahren Verluste. Normalerweise sollten sie pleite gehen und die Ressourcen in andere Bereiche fließen, die dem Konsumenten besser dienen. Nach dieser Anpassungsphase wäre die Krise überwunden. Wenn das aber nicht zugelassen wird, dann folgt Fehlinvestment auf Fehlinvestment und die Lage wird immer schlimmer. Natürlich gibt es auch in einer freien Wirtschaft Anpassungen und Entlassungen. Aber ohne manipulierten Zins und eine künstliche Verzögerung durch die Politik wären diese nicht so abrupt, zahlreich und schmerzhaft. Und selbstverständlich spielen noch andere Faktoren eine Rolle – Opel hat unabhängig von all dem sicherlich hausgemachte Probleme. Es ist tragisch, wenn Menschen ihre Arbeit verlieren, aber an der Realität führt nichts vorbei. Politiker und Opel-Mitarbeiter sollten nach Frankfurt gehen und vor der EZB protestieren, und nicht subventionieren oder um staatliche Geschenke betteln.


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