15. Januar 2013

MarsOne Stiftung will ohne Staat zum Mars

Todesmut statt Supernanny

In Ausgabe 125 berichtete eigentümlich frei von den neuen Weltraum-Pionieren, die sich abseits jeglicher staatlicher Misswirtschaft in die Tiefen des Universums begeben wollen. In Zeiten, in denen es der amerikanischen Weltraumbehörde NASA nur noch gelingt, Satelliten und Roboter ins All zu schießen und die orbitale Raumstation ISS nur mit zum Teil erheblichen Problemen in Stand gehalten werden kann, reihen sich nun auch zwei Niederländer in die Reihe der privatrechtlich organisierten exorbitalen Abenteurer und Entdecker des 21. Jahrhunderts ein.

Ingenieur Bas Lansdorp und Astrophysiker Arno Wielders gründeten 2011 die Stiftung MarsOne. Zum Ziel haben sie es sich gesetzt, bis zum Jahr 2023 vier Menschen zum Mars schicken. Diese Astronauten sollen den Planeten dann in den folgenden Jahren kolonisieren. Einen Rückfahrtschein bekommen sie nicht ausgestellt. Sie sollen vielmehr den Grundstein für eine dauerhafte Besiedlung des Mars durch den Menschen legen. Im digitalen Netz des Hier und Jetzt wird eifrig über das „Himmelfahrtskommando“ ohne Wiederkehr diskutiert. Doch die zahlreichen Kandidaten für das Projekt, die ab diesem Jahr auf Herz und Nieren überprüft werden sollen, wissen um die Charakteristika dieses Unterfangens. Im wohlig warmen Nest der staatlichen Rundumversorgung mag man sich gar nicht mehr vorstellen können, wie es sich anfühlt, sich auf die eigenen Stärken und das eigene Können verlassen zu wollen. Dort mag man es sich nicht zutrauen, in ein waghalsiges Abenteuer zu starten und den Beginn einer neuen Epoche eigenhändig einzuläuten. Wo Geld vom Staat fließt, versiegt das Selbstvertrauen. Doch einige wackere Abenteuerlustige haben sich dennoch weltweit finden lassen. Noch in diesem Jahr soll ein Prototyp der Marskolonie auf der Erde, unter möglichst marsähnlichen vegetativen und klimatischen Umständen errichtet werden. Hier soll dann das Casting der Bewerber stattfinden und weltweit televisionär ausgestrahlt werden. 40 Kandidaten werden bis 2022 bei MarsOne mitarbeiten. Vier von ihnen werden schließlich auserkoren, die lange Reise zum roten Planeten anzutreten. Geschult, begleitet und auserwählt werden sie dabei von einem Team aus Physikern, Biologen, Medizinern und Psychologen. Viele der Teammitglieder haben zuvor schon nützliche Erfahrungen durch die Arbeit mit Raumfahrtagenturen und ihren Zulieferfirmen gesammelt. Aus Deutschland engagiert sich auch der Biophysiker Günther Reitz, der früher auch die ESA unterstützte. Nobelpreisträger Gerard `t Hooft ist sicherlich der renommierteste Unterstützer der Stiftung MarsOne. Der Quantenphysiker hat vier Punkte ausgemacht, durch die sich das Projekt von Lansdorp und Wielders in positiver Weise abhebe von so manch anderen, staatlich organisierten, Weltraumunternehmungen. Das Projekt sei so simpel wie möglich geplant. Ressourcen, vor allem monetärer Art würden nicht verschwendet. Technisch sei jedes Einzelteil schon jetzt verfüg- und nutzbar. Der Umstand, keine Rückreise für die Marsbesucher planen und durchführen zu müssen, sei wesentlicher Grund für die Kosteneffizienz. Jede andere ähnlich gelagerte Mission sei bis dato an der Rückreiseverpflichtung gescheitert. Steuergelder seien nicht notwendig. Die TV-Übertragung der gesamten Mission, Tag und Nacht, die gesamten kommenden zehn Jahre lang, bei Erfolg auch weitergehend, sichere Sponsorengelder in ausreichender Höhe. Politische Einmischung könne dadurch sehr weit unterdrückt werden. Gänzlich ausschließen kann `t Hooft sie nicht, doch er glaubt, dass der privatrechtliche Charakter der Marsmission wesentlicher Grund für ihre kurze Planungsdauer sein wird.

Wielders und Lansdorp rühmen sich damit, die technischen Herausforderungen des Projekts zumindest auf dem Papier gemeistert zu haben. Für jede Komponente, vom Raumschiff, über das Marsfahrzeug, bis hin zu den kolonialen Gebäude, sei schon ein Hersteller mit Erfahrung gefunden worden. Schriftliche Bestätigungen über Lieferkonditionen lägen vor. Die Niederländer planen mutig. 2016 soll eine unbemannte Kapsel auf dem Mars landen und erste Einzelteile für die Kolonie liefern. 2018 soll das Marsfahrzeug landen und eine geeignete Landestelle für die Kolonisten finden, die dann im September 2022 zu ihrer Mission aufbrechen sollen. Bis dahin sollen sechs weitere Raumkapseln alle notwendigen Materialien zum Landepunkt geliefert haben. Sukzessive soll dann ab 2023 die Kolonie wachsen. Wielders und Lansdorp rechnen mit Rekordeinnahmen aus den TV-Übertragungen. Die gesamte Mission, vom Casting bis zur Landung, soll ein Happening in olympischen Dimensionen werden. Als sogenannter Silbersponsor hat sich mittlerweile auch Aleph Objects Inc. eintragen lassen. Das Unternehmen aus Colorado, USA, hat sich auf die Entwicklung von 3D-Druckern spezialisiert – noch so ein utopisches Projekt.

Sicherlich bestehen zu vielen Punkten der Unternehmung zu Recht kritische Fragen. Womöglich wird das Projekt an unrealistischen Kosten- und Zeitplänen scheitern. Alles ist möglich. Das Scheitern haben Lansdorp und Wielders einkalkuliert, wie es sich für Pioniere des freien Marktes gehört. Doch MarsOne verdient Aufmerksamkeit. In Zeiten staatlicher Rundumversorgung und geistiger Reduktion auf die Frage „Wie bekomme ich das?“ ganz besonders. Alle Mitarbeiter von  MarsOne entscheiden sich ganz bewusst gegen eine Nanny. Manche von ihnen nehmen gar ein Lebensrisiko in Kauf, um womöglich etwas bleibendes zu erschaffen. Schon lange nicht mehr alltäglich.


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