17. Januar 2013

Mali Naturbelassener Konflikt oder mit AFRICOM-Zusätzen?

Wie von internationalen Beobachtern erwartet, strahlt das Nachkriegschaos in Libyen nun auf benachbarte Länder ab.

Beim Konflikt in Mali handelt es sich zuvörderst um schon seit Jahrzehnten schwelende ethnische Auseinandersetzungen, die auf den ersten Blick von ausländischen Einflüssen völlig frei scheinen. Im Zusammenhang gerade mit dem Libyen-Krieg sowie den schon vor Jahren angekündigten Plänen zur geopolitischen „Neuordnung“ der Welt, vor allem den Plänen auch für den afrikanischen Kontinent sollte man allerdings fragen, inwieweit sie durch das militärische Eingreifen in Libyen möglicherweise verschlimmert wurden, mehr noch: Ob es eventuell auch in Mali eine verdeckte Beeinflussung durch westliche Kräfte gegeben haben könnte.

Autsch, das muss zunächst mal wie glühender Antiamerikanismus oder antiwestliche Propaganda klingen. Jetzt sollen sie auch noch für das Blutvergießen in Mali mitverantwortlich sein? Die sind ja an allem schuld!? Gemach. Wie eingangs bereits erwähnt, handelt es sich um ethnische, teils auch religiöse und regionale beziehungsweise territoriale Spannungen, die man ganz gewiss nicht vollumfänglich „dem Westen“ anlasten kann. Man muss angesichts der nun schon länger dauernden Präsenz des US-Militärs in der Region, die in hiesigen Massenmedien leider nicht diskutiert wird, sowie einiger anderer Vorfälle allerdings fragen dürfen, ob der Konflikt möglicherweise genutzt wird, um die langgehegten Pläne für den Kontinent, gebündelt durch das „African Command“ (AFRICOM), weiter vorantreiben zu können. Damit ist noch nichts gegen humanitäre Einsätze zum Schutz von Menschenleben gesagt, vor allem dann, wenn durch ihr Ausbleiben tatsächlich die landauf, landab beschworene Terrorgefahr „vor der Haustür“ Europas entstehen könnte. Zu fragen bleibt aber, ob auf diesen schon seit langer Zeit bestehenden innerafrikanischen Konflikt über verdeckte Operationen womöglich nicht doch etwas Tabasco geträufelt wurde, um ihn anzuschärfen und dadurch wieder einmal eine Legitimation für ein militärisches Eingreifen zu haben. Gibt es dafür denn wenigstens Indizien? Ja, gibt es. Dazu später mehr.

In Zusammenhang mit dem Phänomen des „Terrorismus“ wurde bereits mehrfach – auch hier auf ef-online – auf die höchst zwielichtigen Verbindungen zwischen sogenannten „Freiheitskämpfern“ oder „Rebellen“ und der US-Außenpolitik sowie westlichen Geheimdiensten hingewiesen. Unstrittig ist heute, dass es in Libyen, danach in Syrien eine aktive Beteiligung – Finanzierung, Ausrüstung und Ausbildung – anarchischer Kräfte gab, um in diesen Ländern für Unruhe zu sorgen. Das Rezept: Chaos stiften, um dann als edler Helfer einschreiten zu können. Die geopolitischen Pläne zur „Neuordnung“ der Welt, besonders im Rahmen des „New American Century“, sind beileibe nicht neu; zum einen brauchte man nach dem Ende des Kalten Krieges dringend einen neuen Feind, ein allgegenwärtiges Feindbild, mit dessen Hilfe sich die Ausdehnung eigener globaler Machtansprüche beziehungsweise geostrategischer Ziele rechtfertigen ließ. Vor allem nach dem 11. September 2001 nahm die Umsetzung dieser von den „Neocons“ entworfenen Strategie gehörig an Fahrt auf. Zum anderen waren auch die Pläne für die „Umgestaltung“ des Mittleren Ostens eigentlich keine Neuheit; es sei als kleines Beispiel nur daran erinnert, dass niemand geringerer als Henry Kissinger in einer Ausgabe der von Günther Jauch moderierten Sendung sternTV bei RTL unmittelbar nach dem 11.9. bereits von einem System von Staaten sprach, das es zu bekämpfen gelte: „Ich glaube, man muss jetzt nach dem System gehen, Druck ausüben und man kann es nicht erlauben, dass Länder wie Syrien, vielleicht der Iran und sicher Afghanistan eine sichere Zuflucht für diese Terroristengruppen gewähren.“ Auch wenn das noch keine eindeutigen Rückschlüsse erlaubt, so ist es doch erstaunlich, dass einer der führenden Köpfe hinter der US-Außenpolitik schon damals, vor mehr als einem Jahrzehnt, von Ländern wie Syrien und dem Iran sprach (übrigens ohne dass der Weltöffentlichkeit jemals auch nur der allergeringste Beweis für eine Beteiligung dieser Länder an den Anschlägen vorgelegt worden wäre).

Dasselbe gilt für den sogenannten „Arabischen Frühling“, hierzulande gerne als „Arabellion“ verniedlicht. Selbst die „New York Times“, die man ganz sicher nicht des Antiamerikanismus verdächtigen kann, veröffentlichte am 14. April 2011 einen Artikel unter der Schlagzeile „U.S. groups helped nurture Arab Uprisings“ („Amerikanische Gruppierungen halfen, die arabischen Aufstände zu nähren“), in dem es unter anderem heißt: „Während die Vereinigten Staaten Milliarden von Dollar in militärische Programme im Ausland pumpten, förderte ein kleiner Kern von US-regierungsfinanzierten Organisationen die Demokratie in autoritären arabischen Staaten. Das für diese Programme aufgewendete Geld war nur ein Klacks verglichen mit den vom Pentagon betriebenen. Wenn amerikanische Politiker und andere nun auf die arabischen Aufstände zurückblicken, müssen sie feststellen, dass die demokratiefördernden Kampagnen der USA eine größere Rolle beim Schüren der Proteste spielten als bisher bekannt war. Schlüsselfiguren der Bewegungen wurden von Amerikanern in der Kampagnenführung trainiert, organisiert mit Hilfe der Instrumente der Neuen Medien und Kontrolle der Wahlen.“

Und nun wies Nii Akuetteh, Gründer des Democracy and Conflict Research Institute, in einem Interview mit „RT“ („Russia Today“) darauf hin, der für den Coup im März 2012 in Mali verantwortliche Captain Amadou Haya Sanogo stünde seit zehn Jahren in Kontakt mit dem US-Militär, sei sogar mehrfach in den USA gewesen. Auch die „Washington Post“ schrieb in einem Artikel vom 23. März 2012, Sanogo, dem Akuetteh vorwirft, zum großen Schaden der Bevölkerung des verarmten Landes die demokratisch gewählte Regierung des Landes gestürzt zu haben, habe eine intensive militärische Ausbildung in den Vereinigten Staaten genossen: „Capt. Amadou Haya Sanogo, Anführer einer abtrünnigen Fraktion des Militärs, die am Donnerstag den demokratisch gewählten Präsidenten Malis entmachtete, besuchte laut Patrick Barnes, einem in Washington ansässigen Mitglied des U.S. Africa Command, mehrmals die Vereinigten Staaten, um dort eine professionelle militärische Ausbildung zu erhalten, inklusive Offizierstraining.“

Ebenfalls interessant in diesem Zusammenhang dürfte sein, dass der gestürzte Präsident Malis, Touré, eine größere Beteiligung an den Profiten des Uranabbaus gefordert haben soll, der im Norden von zwei französischen Konzernen betrieben wird. Mali ist zudem der drittgrößte Goldproduzent des Kontinents; außerdem sollen dort auch Öl und Gas ihrer Förderung harren. Das sind natürlich noch keine absolut hieb- und stichfesten Beweise für eine westliche Beeinflussung der jetzigen Zustände in Mali; ebenso denkbar wäre, dass Sanogo entgegen der Hoffnungen seiner Ausbilder, eine kontrollierbare und washingtontreue Führungspersönlichkeit in der Region zu haben, sich dann doch dazu entschied, lieber sein eigenes Süppchen zu kochen. Es ist aber gerade vor dem Hintergrund der langen, traurigen Tradition US-amerikanischer Einmischung in die Affären anderer Länder, besonders der zahlreichen, heute zweifelsfrei erwiesenen geheimdienstlich organisierten Regierungsstürze der Vergangenheit zumindest ein Indiz dafür, dass eben dieses interventionistische Muster verdeckter Operationen und von US-„Zöglingen“ durchgeführter Putsche auch in Mali zur Anwendung gekommen sein könnte. Zieht man obendrein die bereits bekannten und öffentlich eingestandenen US-geopolitischen Pläne für den afrikanischen Kontinent (unter anderem Sudan, Somalia) hinzu, scheint dieses Bild etwas an Dichte zu gewinnen.

Unklar ist bis heute auch der Auftrag der amerikanischen Spezialeinheit, die bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kam. Die „Washington Post“ schrieb am 9. Juli 2012: „Zumindest legte der Unfall vom 20. April offen, dass ein Team von Sondereinsatzkräften seit Monaten in Mali im Einsatz war, einem Land, das von Bürgerkrieg und wachsendem islamistischem Aufruhr gepeinigt wird. Der Unfall ermöglichte einen seltenen Blick auf US-Elitekommandos in Nordafrika, wo sie verdeckt an Antiterrormaßnahmen gegen Al-Qaida-Verbündete teilnahmen. Die Obama-Regierung hat die Existenz solcher Missionen nicht öffentlich eingestanden, sprach allerdings ganz allgemein von Plänen, im Zuge ihrer globalen Antiterror-Strategie auf Spezialoperationen zurückzugreifen.“

Ach, Sie wussten noch gar nicht, dass in Nordafrika US-Spezialeinheiten herumwuselten? Zu diesbezüglichen Wissenslücken und den Risiken mangelhafter Informationen fragen Sie bitte Ihre Qualitäts-Massenlobotomedien. Hatten diese sich ja auch schon im Libyen-Krieg zwar eifrig am Kriegsgetrommel beteiligt, die dort lebenden Menschen mit den Folgen dann aber doch lieber alleine gelassen. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, bei den etablierten Medien umfangreichere Berichte über das libysche Nachkriegschaos gelesen oder gesehen zu haben. Die Erfahrungen der letzten Konflikte und Kriege lehren außerdem, dass man bei Namen wie „Al Qaida“, vor allem beim „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ die Ohren spitzen und sich lieber darauf gefasst machen sollte, in naher Zukunft unter Umständen mit ähnlichen Enthüllungen konfrontiert zu werden wie zuvor schon im Irak, in Afghanistan, Libyen und Syrien. Überall, wo man (angeblich aus rein humanitären oder antiterroristischen Motiven) eingreifen musste, entweder offen oder verdeckt (oder beides: im Vorfeld über geheime Operationen ein bisschen zündeln, dann öffentlich die Rettungsweste überstreifen), wurden zuvor oder im Verlauf des Konflikts Al-Qaida-Soldaten gesichtet. Regelmäßig landeten eigentlich für „Freiheitskämpfer“ bestimmte Waffen versehentlich – sorry, dumm gelaufen – in den Händen von Al-Qaida-Milizen. Die nun auch im Norden Malis ausgemacht wurden – überrascht das eigentlich noch irgendjemanden?

Eric Margolis, Journalist und laut „RT“ „Afrika-Experte“, kam in einem Interview mit dem Sender zu einer interessanten Einschätzung der Lage. Er teilt zwar nicht direkt die Auffassung, ohne den Libyen-Krieg hätten die derzeitigen Konflikte in Mali verhindert werden können, sagte aber auch: „Allerdings spielte der von Frankreich und den USA angeführte Sturz des Gaddafi-Regimes eine sehr wichtige Rolle in der Mobilisierung der Tuareg, die man dann schwer bewaffnet Richtung Süden weiterschickte.“ Auf ihrem Weg von Libyen nach Mali hätten sie auch algerisches Territorium durchqueren müssen. Vor genau dieser Entwicklung wiederum versuchte der algerische Außenminister, Mourad Medelci, im April 2011 zu warnen. Er äußerte damals die Befürchtungen der algerischen Regierung, durch eine militärische Intervention in Libyen könne das Land gespalten beziehungsweise zerrissen werden und eventuell ein regionaler Waffen-Schwarzmarkt für Terroristen entstehen. Diese Instabilität könne auf benachbarte Länder abstrahlen, darunter auch Algerien. „Tagesspiegel“-Schlagzeile vom 16.01.2013: „Islamisten nehmen Ausländer in Algerien als Geiseln“. Herr Medelci dürfte nun sicher zu der Reihe von Leuten gehören, die es hassen, Recht zu behalten.

Die wichtigste, entscheidende Frage, die man sich angesichts der Situation in Mali stellen muss, ist diejenige nach der Effizienz solcher verdeckten oder offenen US-Operationen gegen den Terrorismus. Auffällig ist, dass trotz der großen Anstrengungen von US-Militär, Spezialeinheiten mit verdeckten Aufträgen und Geheimdiensten sich die Situation in den entsprechenden Ländern in schöner Regelmäßigkeit eben nicht gebessert, sondern stark verschlimmert hat – so wie jetzt eben auch in Mali. Hier mag jeder Leser selbst entscheiden, ob US-Militär und Geheimdienste ganz einfach nur völlig inkompetent und unfähig bei der Bekämpfung des „Internationalen Terrors“ sind und regelmäßig mehr Schaden anrichten als nutzen oder womöglich das Gegenteil der Fall ist: ob Terrorzellen wie al-Qaida (die noch vor kurzer Zeit auf der Webseite des Council On Foreign Relations als nützlicher, willkommener Einfluss in Syrien bezeichnet wurden) nicht einfach als „nützliche Idioten“ eingesetzt werden, um nun in Afrika einen dicken Fuß in die Tür zu bekommen. Die in diesem Artikel zusammengetragenen Informationen mögen wie gesagt noch kein „hundertprozentiger“, schlüssiger Beweis dafür sein, eines aber beweisen sie auf jeden Fall: Aggressiver Interventionismus ohne Rücksicht auf die möglichen Folgen kann nichts Gutes zeitigen.

Einige der unten verlinkten, weiterführenden Texte zur Thematik sind in Englisch und teilweise sehr umfangreich. Wovon sich englischkundige Leser aber keinesfalls abschrecken lassen sollten, da die Texte eine sehr viel differenziertere und umfassendere Sicht auf die Situation in Mali eröffnen als die erschreckend oberflächlichen Analysen in der hiesigen Presse.

Links:

Mali: U.S. Africa Command's New War?

Repeating the Libya Mistake in Mali

Mysterious fatal crash offers rare look at U.S. commando presence in Mali

U.S. Empire of Bases grows

The Geopolitical Reordering of Africa: US Covert Support to Al Qaeda in Northern Mali, France 'Comes to the Rescue'

CIA said to aid in steering arms to Syrian Opposition

NATO using Al Qaeda rat lines to flood Syria with foreign terrorists

U.S. groups helped nurture Arab Uprisings

Mali's Tuareg-Uranium Conspiracy

US drones join the war in Mali

Leader of Mali military coup trained in U.S.

Mali mayhem: French post-colonial ambition to spark African anger

Islamisten nehmen Ausländer in Algerien als Geiseln


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