06. Februar 2013

Ökonomie Besserwisserei – ein Produkt des Marktes?

Zwischen Hayek und Smith

Jeder Liberale stellt sich gegen staatliche „Lebensvorschläge“. Manche sind hierbei sehr strikt in ihrem Dogma und widersprechen jeglichen Gesetzen, die nicht dazu dienen, Freiheit, Leben und Eigentum eines anderen zu schützen. Für sie gibt es keine meritorischen und demeritorischen Güter, vor denen der Mensch geschützt werden muss oder zu deren Konsum er angehalten werden muss.

Diese Formen von Gütern, die erstmals von Robert Musgrave charakterisiert wurden, sind einerseits solche, die vermeintlich als zu unwichtig vom Konsumenten gesehen werden (meritorische Güter) und andererseits solche, die vermeintlich eine zu große Nachfrage abbekommen (demeritorische Güter).

Oft wird behauptet, dass Pflegeversicherungen in die erste Kategorie fallen: Die Betroffenen sind zu kurzsichtig. Eine Versicherung, die erst in 50 Jahren greift, wird heute als unwichtig angesehen, obwohl man schon beginnen müsste, diese aufzubauen, bevor es zu spät ist.

Auf der anderen Seite scheint es einige Konsumenten zu geben, die eine irrational hohe Neigung zu Drogen und Glücksspiel verspüren.  Der Staat greift hier ein und versucht entweder die Nachfrage durch Werbeprogramme zu senken oder das Angebot zu verknappen und dadurch den Preis auf eine Höhe zu treiben, bei der der Konsum stark eingeschränkt ist.

Liberale wie auch viele Ökonomen werden gegenüber solchen Maßnahmen den Zentralismusvorwurf erheben. Wie kann ein Staat, ein Regulator, sich anmaßen zu wissen, was für das Individuum das Beste ist? Wie kann er sich anmaßen, die Millionen von Informationen über individuelle Präferenzen zu kennen? Wie kann er überhaupt in den Besitz der Informationen kommen? Nicht jeder gibt diese preis oder ist kommunikativ in der Lage, dies zu tun.  Andererseits kann man sie sich auch nicht aus dem Handeln erschließen. Ein Mensch handelt nur nach dem Wissen, das für eine entsprechende Situation benötigt wird. Oftmals nicht mal das: Ankereffekte und ähnliche Spielereien sorgen für einen kurzzeitigen Standby-Modus bei eigentlich rationalem Denken.

Wie der Hayekianer sagt, man kennt nicht die richtigen Lösungen von vornherein, man muss experimentieren.

Man muss jedoch zugestehen, dass die Konsequenzen eines Mangels an einer Ver- oder Absicherung, die in 50 Jahren gespürt werden, kapital sind.

Ist denn aber aus der Perspektive der Effizienz ein zentraler Planer besser im Abschätzen von Wahrscheinlichkeiten und Risiken?

Ja.

In einem effizienten Planungssystem hat ein solcher Zugang zu Informationen und Statistiken, über die der Einzelne nicht verfügt. Der Planer kann sich auf seinen Fachbereich spezialisieren und die korrekten Handlungen herausfinden und Regelwerke optimieren.

Das ökonomische Problem, das sich jedoch auftut, ist das der Ungewissheit.

Wer entwickelt ein effizientes Planungssystem? Das könnte nur evolutorischer Wettbewerb sein. Wer weiß, wie die Welt in 50 Jahren aussieht, wenn sich der Mangel an Absicherung erkennbar macht – oder vielleicht auch nicht? Wer weiß, wie sich das Individuum angesichts einer solchen Tatsache verhalten würde? Für einige wird Suizid eine willkommene Option darstellen, wenn sie dafür in der Gegenwart nicht sparen müssen. Liquidität ist für sie wichtiger als Absicherung. Und welcher Planer kann sich schon anmaßen, die Nutzenfunktionen aller Menschen zu kennen?

Ungewissheit ist die nicht quantifizierbare Kennzahl, die man in sein Handeln mit einberechnen muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Münzwurf „Zahl“ oben liegt beträgt 50 Prozent (unter der Annahme, dass „Kante“ nicht denkbar ist). Das Risiko, falsch zu liegen, ist quantifizierbar und Erwartungswerte berechenbar.

Spielen wir deshalb nun einmal das Spiel durch. Nehmen wir mal an, Dir wird angeboten, einen Euro einzusetzen, auf „Zahl“ zu wetten und bei einem entsprechenden Ereignis drei Euro zu gewinnen, ansonsten alles zu verlieren. Fällt die Münze also auf den Boden und zeigt dem Betrachter „Zahl“, so gewinnt man zwei Euro, sonst verliert man einen Euro. Der Erwartungswert beträgt ein Euro. In einem durchschnittlichen Spiel würde man erwarten, einen Euro zu gewinnen.

Doch nun kommt Unsicherheit ins Spiel. Was, wenn die Münze manipuliert wurde? Diese Unsicherheit ist durch A-priori-Überprüfen eliminierbar. Doch was, wenn die Gegenpartei die Münze mit der Hand auffängt? Sie würde nicht auf den Boden fallen und könnte nicht „Zahl“ zeigen. Das Spiel wäre verloren. Auch dieses Problem wird man durch einen entsprechenden Versuchsaufbau eliminieren. Zum Wohle des Autors denken jedoch nicht viele in einer solchen Weise. Sie haben diese noch nicht kennengelernt. Ihre Gedanken sind von ihrer individuellen Erfahrung geprägt, die eine solche Trickserei noch nicht beinhaltet. Nachdem sie jedoch das ein oder andere Mal so ihr Geld losgeworden sind, werden sie versuchen, eine Wahrscheinlichkeit für solches Verhalten ihres Gegenspielers zu approximieren beziehungsweise dieses von vornherein auszuschließen.

Das ist der Lerneffekt. Unsicherheiten sollen quantifiziert werden. Sie werden in die wahrscheinlichkeitstechnische Betrachtung mit einbezogen.

Man muss jedoch erkennen, dass es eine nicht abzählbare Menge an solchen Unsicherheiten gibt und diese in ihren Effekten einerseits noch nicht quantifiziert wurde und andererseits veränderlich ist.

In unserem Handeln sind wir pragmatisch. Wir vernachlässigen Unsicherheiten und zahlen Lehrgeld für Fehler. Möglicherweise ist das der richtige Weg – zumindest ist das der Weg, bei dem man letztlich „handelt“.

Da die Wahrscheinlichkeiten jedoch nicht vollständig in das Handeln mit einbezogen sind, ist jede Handlung eine ungewisse Wette darauf, dass die Wahrscheinlichkeiten von unsicheren Ereignissen vernachlässigbar sind.

Jede Planung ist ungewiss. So verhält es sich auch mit jedem Plan. Das Effizienzargument ist denkbar, aber nicht zu verifizieren. Was dann noch bleibt, das sind Prinzipien: protektionistische wie auch freiheitliche. Wie man sich entscheidet, hängt von philosophischen Betrachtungsweisen und logischen Kompetenzen ab.

Doch auch bei dieser Entscheidung wird man Unsicherheiten und Unwissenheit haben. Keine Idee ist jemals vollständig zu Ende gedacht. Dies zu behaupten wäre nicht verifizierbar.


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Alexander Czombera

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