Axel B.C. Krauss

Axel B.C. Krauss, Jahrgang 1968, ist freier Journalist und lebt in Berlin.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef-Einkaufspartner

Wenn Sie ef-online unterstützen möchten, starten Sie bitte Ihre Amazon-Einkäufe mit Klick auf diesen Button:

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

ef Television

Mal was Allgemeines: Völker, seht das Fatale

von Axel B.C. Krauss

Sozialismus als Key(nes) zum Erfolg?

Woher rührt eigentlich die je nach Urheber mal bauchgefühlig-mulmig vermutete, mal bewusst und eloquent ausgesprochene Empfindung vieler Menschen, es gäbe eine besorgniserregende Marschrichtung hin zu mehr Kollektivismus, zu mehr Staat und weniger individuellen bürgerlichen Freiheiten? Hin zu einer politik- und wirtschaftsgeschichtlichen Angina, einer intellektuellen Ebbe, einer zivilisatorischen Blickverengung, die alles, was abseits der tiefen Spurrillen in den Hauptstraßen konventionellen Denkens liegt, abseits der Mainstream-Hermeneutik zur Entzifferung des Welttextes, der sich momentan wie eine Horrorgeschichte liest, belächelt, ignoriert oder, je nach Thematik, gar kollektiv niederschreit? Denn aus der Luft gegriffen ist dieser Eindruck keineswegs.

Es gibt – innerhalb der EU – de facto eine deutlich wahrnehmbare Tendenz zu mehr Sozialismus und Planwirtschaft statt wirklich freier Märkte sowie mehr Kontrolle und Gängelung der Bürger. Und das bis hinein in den Häuslebau – eine fragwürdige, angeblich ökologisch motivierte Bauvorschrift nach der anderen – und sogar ins Wohnzimmer: Glühbirnenverbot, Einführung von „Energiesparlampen“ mit leckerem Quecksilber und Lichterkältung oder, für 2014 geplant, Kaufentscheidungshilfen für Duschköpfe und Wasserhähne. Auch scheint man emsig an Plänen zur „Qualitätssicherung“ der Informationsströme zu arbeiten. Meister Brüssel – und in Kopf und WC ist alles okay. Die Vereinigten Staaten wiederum, einst als Vorbild für die Welt gefeiert, als Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Leuchtfeuer der Freiheit, stiefeln mit großen Schritten in einen monströsen, repressiven und autoritären Wohlfahrts- und Überwachungs-Leviathan und, mit diesem eng verzahnt, einen Korporatismus, gesteuert von einer im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung winzigen Gruppe elitistischer Globalisten, einer finanz- und wirtschaftsaristokratischen Oligarchie, deren bekannteste, mächtigste Vertreter sich bereits mehrmals öffentlich über die angebliche Notwendigkeit einer „Weltregierung“ ausließen, aus ihren Absichten also  schon gar keinen Hehl mehr machen.

Kein Wunder, dass besorgte US-Bürger in Foren, Blogs oder auf Portalen wie Youtube – so überzogen das auch wirken mag – schon Vergleiche zwischen dem heutigen Zustand ihrer Nation und dem Aufstieg des Dritten Reiches ziehen. Dahinter steckt in den meisten Fällen keinesfalls politische Hetze gegen den amtierenden Präsidenten Barack Obama, der, wie zum Beispiel in einem „Trends in the News“-Video des berühmten Trendforschers Gerald Celente, schon mal in Hitler-Uniform und mit Oberlippenbärtchen porträtiert wurde, sondern eine große, berechtigte Angst vor dem wirtschaftlichen  und – damit automatisch immer einhergehend – politischen Niedergang ihrer Heimat, vor dem Verfall „politischer Sitten“. Wenn eine Regierung sich das Recht herausnimmt, Staatsbürger im Ausland ohne jedes rechtsstaatliche Verfahren per Drohnenangriff einfach zu töten mit der Begründung, es habe sich um Terroristen gehandelt (wo bleiben die Beweise?), darf man sich – so provokant, schwer verdaulich und unbotmäßig es Außenstehenden auch erscheint – über entsprechende Vergleiche nicht mehr wundern. Wer das bezweifelt, lese sich bitte sowohl den Patriot Act als auch den NDAA noch einmal aufmerksam durch. Die Ähnlichkeiten zum Ermächtigungsgesetz sind unverkennbar.

Ähnliches gilt – auf dem europäischen Kontinent – für die Rede von der „EUdSSR“, für die bekannten Scherze von „Warum gab Gorbatschow die Sowjetunion auf? Weil er um ihre EU-Westerweiterung wusste!“ bis „McDonalds schaltet Stellenannonce in Brüssel: Bürgerwender gesucht!“. Man kann sich freilich darüber streiten, ob nicht auch in der EU statt von sozialistischer Planwirtschaft eher von einem politisch-plutokratischen und merkantilistischen Gebilde gesprochen werden sollte, einem korrupten System, angetrieben von technokratischer Überspannung und einer finanz- und konzernindustriellen Cliquenwirtschaft, die über massive Lobbyarbeit im EU-Parlament ihre Interessen durchzudrücken versucht. Und das bis in die nationalen Parlamente hinein, denn, um nur ein weiteres Beispiel zu geben, nicht nur auf Brüsseler Ebene, sondern auch im Deutschen Bundestag sind bekanntlich Vertreter von Großbanken wie zum Beispiel JPMorgan oder Goldman Sachs als politische Berater aktiv. Vermutlich aus reinem Altruismus. Also, was ist es denn nun? Sollte man – bevor man sich in überkommenen ideologischen Lagerkämpfen und Begrifflichkeiten verliert, deren einstige deskriptive und definitorische Macht in politischen Diskussionen über den Status quo immer mehr zu schwinden und zu verschwimmen scheint – lieber etwas allgemeiner von einem unheilvollen Machtkonzentrat aus Politik und Großindustrie sprechen, einem politisch-ökonomischen Feudalsystem mit eindeutig autokratischen beziehungsweise autoritären, gar totalitären Tendenzen? Sozialismus? Kommunismus? Neofaschismus? Neofeudalismus? Kein Durchblick mehr?

Wenn das der Fall wäre, warum bleibt dann selbst bei größtmöglicher politischer Unvoreingenommenheit der seltsame Eindruck zurück, es handele sich dabei um einen linken Zeitgeist, eine Entwicklung hin zu – eben doch mehr Sozialismus, mehr Planwirtschaft, einem starken Zentralstaat mit, wie es im Kommunistischen Manifest gefordert wird, einer starken Zentralbank? Wie es bisher aussieht, scheint Hayek leider richtig gelegen zu haben mit seiner Warnung vor dem „Weg in die Knechtschaft“. Ebenso Roland Baader mit seinem Begriff des „Geldsozialismus“ – sobald man die Politik von Fed und EZB unter die Lupe nimmt. Warum schreibt der Journalist und Publizist Henry M. Broder, Deutschland sei „durchsozialdemokratisiert“, warum vergleicht die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld den Bundestag mit der DDR-Volkskammer? Was bewegt den Philosophen Peter Sloterdijk zu der recht harschen Kritik der hiesigen politischen Kultur, wer in Deutschland nicht sozialdemokratisch sei, lande entweder im Irrenhaus oder im Ausland? Liegt es nur an ihrer persönlichen Perspektive, ihren subjektiven politischen Präferenzen? Alles nur Einbildung? Gar Paranoia? Alles nur rebellisch-rechtspopulistische, abweichende Spinnerei?

Und was sollte das Gerede von „wirklich freien Märkten“ im ersten Absatz? Kann man nicht Woche für Woche in Zeitungen lesen, nicht nur das Ungemach in der Eurozone, sondern die weltwirtschaftlichen Verwerfungen unserer Tage insgesamt seien doch gerade diesen Märkten geschuldet, einem fatalen Glauben an ihre „selbstheilenden Kräfte“, einem rücksichtslosen „Raubtierkapitalismus“? Ist das alles nicht eher „rechts“? Ja, liest und hört man regelmäßig. Entweder von Leuten, die aus irgendeinem Grund eine starke Aversion gegen historische Studien über Ursprung und Funktionsweise des modernen Geldsystems haben, gegen Fragen danach, zu welchem Zweck es konstruiert wurde, wem es nützt und vor allem, welcher politischen Ideologie ihre Gründer überwiegend anhingen. Nämlich, ob der geneigte Leser es nun glaubt oder nicht, eben nicht dem Kapitalismus oder freimarktwirtschaftlichen Vorstellungen, im Gegenteil. Oder von Medienpapageien, die von den immergleichen gedanklichen Kreisbahnen im Keyneskäfig irgendwann wohl einen Sprung in der Platte erlitten. So rauscht es überwiegend auch aus der schier unendlichen Flut massenmedial erbrochener „Top-Ökonomen“ und „Experten“, die nicht selten aus derselben ökonomischen Denkschule – nämlich besagtem Keynesianismus – stammen (oder von diesem geprägt wurden, ohne es selbst zu wissen, und deshalb ratlos vor der Krise stehen), also auf dem wirtschaftspolitischen „Common Sense“ unserer Zeit treiben, somit das „Deficit Spending“-Mantra, die Schuldenkultur beziehungsweise das Dogma vom volkswirtschaftlichen Leben auf Pump nachbeten.

Apropos – gut, dass wir gerade bei Keynes sind, einem der wohl einflussreichsten ökonomischen und politischen Denker des 20. Jahrhunderts. Vor allem im Zusammenhang mit Kollektivismus, Sozialismus, Zentralismus, Planwirtschaft und der Frage nach der Ursache des Gefühls, „durchsozialdemokratisiert“ zu sein. Gibt es da möglicherweise einen Zusammenhang? Beruhte der – zum Leidwesen nachfolgender Generationen – Siegeszug des Keynesianismus einfach nur auf der großen Attraktivität seiner Ideen? Hatte er ganz einfach das bessere Konzept? Geronnen seine wirtschaftspolitischen Ansichten deshalb zum ökonomischen Mainstream, weil sie die vernünftigeren, tragfähigeren waren? Leuchten wir doch mal schnell in Keynes‘ Biographie, um verblüfft festzustellen, dass er nicht nur Ökonom und Politiker, sondern auch Mitglied einer gewissen „Fabian Society“ war. In ihrer Namensgebung bezog sich diese Gesellschaft auf einen römischen General namens Quintus Fabius Maximus Verrucosus, auch genannt „Fabius Cunctator“ („der Zögerer“), der – statt seine Recken frontal gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Streitkräfte Hannibals ins Feld und damit ins sichere Verderben zu schicken – auf eine Strategie der Ablenkunkungsmanöver, der Sabotage und, wie man heute neudeutsch sagen würde, eine „Hit-and-Run“-Taktik setzte. Statt blindlings loszustürmen, entwickelte er einen ausgeklügelten, langfristigen Plan zur Zermürbung des Gegners.

Analog dazu schrieben sich die Fabians auf die Fahne, mit Hilfe einer langfristigen Strategie, quasi in kleinen, homöopathischen Dosen, geschickt verteilt über einen längeren Zeitraum, eine sozialistische Transformation der Gesellschaft in Gang zu setzen. Einer ihrer Leitsätze: „Reorganisation der Gesellschaft durch die Befreiung von Land und Industriekapital aus individueller und klassenbezogener Eigentümerschaft“. Mit Hilfe fortwährender Einflussnahme auf die politischen Strukturen und Institutionen eines Landes – beispielsweise über die Gesetzgebung – sowie beharrlicher Propaganda an wichtigen Schaltstellen der Nachwuchsförderung (Institutionen in Lehre und Forschung) sollte dieses Ziel erreicht werden. Sidney James Webb, einer der Mitbegründer der sozialistischen Fabian Society, war übrigens auch Mitgründer der weltbekannten London School of Economics. Schriftststeller Herbert George Wells, ebenfalls ein Fabian, kritisierte seine Gesinnungsgenossen im Jahre 1906 für ihre Geheimniskrämerei: „Ich bemerke in unserer Gesellschaft einen seltsamen, arglistigen Dünkel, eine Art Glaube, dass die Welt unmerklich in den Sozialismus gesteuert werden sollte.“

Bei diesem kleinen historischen Picknick ging es natürlich nicht um die Behauptung einer „sozialistischen Weltverschwörung“ oder ähnlichen Unsinn. Sondern um die Frage nach den ideengeschichtlichen Ursprüngen einer bis heute vorherrschenden Ideologie, eines im Kern sozialistisch geprägten ökonomischen Denkens, das nicht nur auf den Bereich der Wirtschaftspolitik beschränkt blieb, sondern auf andere gesellschaftspolitische Felder abstrahlte, sich so verfestigte, dass es „diskursbeherrschend“ wurde. Ist es da verwunderlich, wenn manchen Bürger das Gefühl befällt, er solle planwirtschaftlich zwangsbeglückt werden?

Es soll eine Zeit gegeben haben, in der es zum gesunden Menschenverstand gehörte, die Erde als Mittelpunkt des Kosmos anzunehmen, um den alle anderen Himmelskörper kreisen. Wer etwas anderes behauptete, landete entweder im Irrenhaus oder im Feuer. Die Erde soll um die Sonne kreisen? Ist das nicht Rechtspopulismus? Weiß doch jedes Kind, dass es sich um einen linksdrehenden Stern handelt.

Künftige Generationen werden uns wohl genauso beschmunzeln.

13. Februar 2013

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen