18. Februar 2013

Itavia-Flug 870 Flugkatastrophe aufgrund Politikversagens

Italienisches Gericht verurteilt Staat zu Schadensersatz nach fast 33 Jahren

Mit hoher Wahrscheinlichkeit habe am Abend des 27. Juni 1980 eine verirrte Rakete während eines parallelen NATO-Einsatzes die Verkehrsmaschine DC-9 der italienischen Fluglinie Itavia nahe der Insel Ustica zum Absturz gebracht. Zu diesem Schluss kam am 28. Januar 2013 das römische Kassationsgericht. In letzter Instanz verpflichtete es den italienischen Staat, den Hinterbliebenen der 81 getöteten Passagiere und Besatzungsmitglieder insgesamt 110 Millionen Euro Schadensersatz zu zahlen. Die Nachricht vom Urteil ging wie ein Blitz durch die Welt.

Sie haben nichts davon gelesen? Die deutschen Medien verschwiegen das Urteil, nach dem ein befreundeter NATO-Staat und nicht etwa eine Bombe an Bord der Maschine, wie es italienische Regierungsvertreter lange behaupteten, mitverantwortlich für den Tod von 81 Menschen ist.

Am 27. Juni 1980 um kurz vor 20 Uhr bestiegen in Bologna 77 Passagiere die DC-9 mit dem Ziel Palermo. Viele von ihnen wollten die Ferien auf Sizilien verbringen. Ihr Flug hatte zwar eine Verspätung von zwei Stunden, verlief aber bis vor der Landung unspektakulär. Um kurz vor 21 Uhr hatten die Lotsen zum letzten Mal Kontakt zu den Piloten. Um 21:06 Uhr lösten sie Flugalarm aus. Anfangs wurde im italienischen Fernsehen eine Flugzeugentführung vermutet. Doch schon am kommenden Morgen herrschte Gewissheit. Im Tyrrhenischen Meer wurden die Trümmer der Maschine und 39 Leichen gefunden. 42 Menschen blieben verschwunden.

In den folgenden 32 Jahren wurden die Ermittlungen durch Falschaussagen und das „Verschwinden“ von Beweismaterial und zahlreichen Zeugen systematisch behindert. Die beteiligten Fluglotsen hatten von Anfang an Materialermüdung und Pilotenfehler energisch ausgeschlossen. Der Pilot habe bis zur letzten Minute des Fluges mit ihnen kommuniziert, technische Daten durchgegeben. Auch blieb ein Hilferuf der Crew aus, der bei einem Defekt üblich und möglich gewesen wäre. Aus Sicht der Fluglotsen verschwand Itavia 870 um 20:59 Uhr ohne Vorankündigung vom Radar. Der Journalist Andrea Purgatori wurde wenige Stunden nach dem Absturz von einem römischen Fluglotsen angerufen: „Am Telefon erfuhr ich, dass Itavia 870 abgeschossen worden sei. Der Anrufer wollte aber aufgrund der Telefonüberwachung keine Details verraten. Er besuchte mich am folgenden Morgen.“ Auch mehrere Fluglotsen vermuteten sofort, dass das Flugzeug von Militärmaschinen abgeschossen worden sei, die sie zur gleichen Zeit auf dem Radar beobachtet hatten.

Untersuchungsrichter Rosario Priore wurde der Fall Ustica übertragen. Seine Ermittlungen stießen jedoch auf wenig Gegenliebe. Die NATO-Flugbasen Trapani und Sigonella auf Sizilien sowie Bagnoli bei Neapel verweigerten die Herausgabe ihrer Radarbilder. Andere Militäreinrichtungen gaben ihre Daten nur lückenhaft heraus. Rückschläge erfuhren die Ermittlungen auch durch Todesfälle zahlreicher Zeugen. Angebliche Verkehrsunfälle, Selbstmorde und Herzinfarkte rafften zehn Offiziere der italienischen Luftwaffe und einen Geheimdienstoffizier dahin. Mögliche Todesursache: Sie alle hatten am Abend des 27. Juni 1980 Dienst in Luftwaffenstützpunkten und Radarstationen im Umkreis von Ustica.

Die spektakulärsten Todesfälle waren sicherlich die der Piloten Ivo Nutarelli und Mario Naldini. Beide starben beim verheerenden Flugtagunglück von Ramstein im August 1988, eine Woche bevor sie im Fall Itavia 870 vor dem Untersuchungsausschuss aussagen sollten. Nutarelli und Naldini waren am 27. Juni 1980 in der Luft, kreuzten bei Florenz auch den Weg der DC-9. Auf „Befehl von oben“ sollten sie ihre Identifikationscodes ausschalten und die Aufzeichnungen ihrer Flugbewegungen löschen. In italienischen Medien wurde Nutarelli kurz vor dem Unglück in Ramstein mit den Worten zitiert: „Nun kann ich endlich aussagen.“

1997 war die NATO dann zur Kooperation bereit. Gutachter untersuchten Radarbilder der sizilianischen Radarstation Marsala. Sie beschrieben in ihrem Bericht eine zeitliche Lücke von zwölf Minuten, in denen die Geschehnisse kurz vor und nach dem Absturz nicht aufgezeichnet wurden. Enrico Pinto, General der italienischen Luftwaffe, erklärte die mangelnde Radarüberwachung mit der Radarübung Synadex, die um 21 Uhr in Marsala begonnen haben soll. Auf Nachfrage von Richter Priore gab die NATO lediglich zu, dass zum Zeitpunkt des Unglücks massiver Luftverkehr, ausgehend von einem Flugzeugträger nicht genannter Herkunft, zu beobachten gewesen sei. Am 27. Juni 1980 waren zwei Flugzeugträger im Mittelmeer stationiert. Die USS Saratoga lag in Neapel vor Anker. Ihr damaliger Kommandeur James H. Flatley berichtete über dichten militärischen Flugverkehr in Richtung Sizilien an diesem Tag. Zweiter Flugzeugträger war die französische Clemenceau. Die französischen Militärs verweigern bis heute jede Aussage über die Aktivitäten der Clemenceau am fraglichen Abend. In das Bild eines Luftkampfes passt der Fund einer libyschen Mig-23 in Kalabrien am 18. Juli 1980. Der Tod des Piloten soll laut Obduktionsbericht am 27. Juni eingetreten sein. Alle Raketen der Mig wurden vor ihrem Aufschlag am Boden abgefeuert. Traf eine dieser Raketen auch Itavia 870?

Geheimdienstler Fulvio Martini bezeichnete zumindest die Verwicklung der Mig-23 in die Geschehnisse, die zum Absturz der DC-9 führten, als „allgemein anerkannten Befund“. Auch die Phosphorspuren an zahlreichen Trümmerteilen der DC-9 sind Indizien für einen Raketeneinschlag. In der Wohnung des pensionierten Geheimdienst-Generals Demetrio Cogliandro fanden die Ermittler Notizen zum Ablauf des Unglücks. Danach sei Itavia 870 in einen Luftkampf zwischen libyschen, amerikanischen und französischen Militärjets geraten. Ziel der NATO-Operation sei der Abschuss der Tupolew-Maschine Muammar al-Gaddafis und damit die Provokation eines Putsches in Tripolis gewesen. Italiens ehemaliger Staatspräsident Francesco Cossiga berichtete 2008: „Als ich Präsident Italiens war, informierten unsere Geheimdienste den damaligen Untersekretär Giuliano Amato und mich, dass es die Franzosen waren. Die Franzosen wussten, dass das Flugzeug von Gaddafi in der Luft war. Gaddafi konnte sich retten, weil ihn der italienische Geheimdienst warnte. Kurz nach dem Start entschied er sich, zurückzufliegen.“ Gaddafi selbst rühmte sich später, am 27. Juni 1980 einem Attentatsversuch entkommen zu sein. 1996 verwies Martini in seiner Anhörung durch eine parlamentarische Kommission darauf, dass zahlreiche ungelöste Terroranschläge ihre Wurzeln in der „doppelgleisigen Politik Italiens gegenüber Libyen“ besäßen. Das NATO-Mitglied ließ Gaddafi in italienische Unternehmen investieren und schickte militärische Ausbilder nach Libyen. Frankreich unterstützte die Regierung des Tschads im Konflikt mit Libyen. Zudem kooperierten die USA und Ägypten für Luftangriffe gegen Libyen.

Mit Sicherheit genügend Potenzial für ein verhängnisvolles militärisches Abenteuer über dem Mittelmeer am Abend des 27. Juni 1980. Wer nun die Rakete abfeuerte, konnte Italiens Kassationsgericht genauso wenig klären wie die Details des NATO-Einsatzes am Abend dieses Tages. Einigkeit besteht knapp 33 Jahre nach der Tat nur darin: Die mörderische Rakete trug Staatsfarben.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 25. Februar erscheinenden März-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 130


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