21. Februar 2013

Meinungsfreiheit Hexenjagden, Hetzkampagnen, Hysterien

Nicht die Laune verderben lassen

Ende der 1990er Jahre habe ich eine Magisterarbeit über Christa Wolfs Haltung zur DDR geschrieben. Als Student fiel es mir damals allzu leicht, den Stab über die mittlerweile verstorbene DDR-Dichterin zu brechen. Es mangelte mir an Verständnis dafür, dass man in Diktaturen zwischen den Zeilen schreiben muss. Sonst kann man nicht überleben. Selbstverständlich war ich damals der Meinung, in der Bundesrepublik könne jeder seine Meinung sagen, ohne dass er mit Sanktionen rechnen müsse. Was für ein süßer Kinderglaube! Irgendwie haftete der damaligen Naivität etwas Unschuldiges an. Die Welt ließ sich so einfach in Schwarz und Weiß unterteilen.

Mittlerweile sehe ich die Dinge entschieden anders. Ich bringe mehr Verständnis für Christa Wolf auf, auch wenn ich noch immer keinen großen Gefallen an ihrem literarischen Werk finden kann. Auch wenn ich die These, bei der Bundesrepublik handele es sich um eine Art „DDR light“, für überzogen halte, denn hiermit verhöhnt man indirekt die Maueropfer, bin ich nicht mehr der Meinung, dass dieses Land besonders frei sei. Meinungen, die vom Mainstream abweichen, werden manchmal noch nicht einmal geduldet.

Die neue Spießigkeit – so meine Beobachtung – wird heutzutage vor allem von denjenigen gepflegt, die sich gestern noch besonders antibürgerlich zeigten. Der stellvertretende Chefredakteur und Inlandschef der Schweizer „Weltwoche“, Philipp Gut, hat jüngst in einem hervorragenden Artikel über „Die neuen Jakobiner“ auf diesen bedenklichen Zustand hingewiesen. Er schreibt von „selbsternannten Linienrichtern der politischen Moral“ und der „Schere im Kopf“, die „zur Schere am Papier geworden“ sei. „Aus ‚Korrektheit’ wird Zensur“, so Gut.

Vom Bürgerschreck zum Spießer

Warum ist der Diskurs in diesem Land so unfrei geworden? Wer bestimmt die Regeln, was gesagt werden darf und was nicht? Warum trauen sich viele Leute nicht, ihre Meinung zu vertreten, weil sie vielleicht als anstößig gilt, aber letztlich von 80 oder 90 Prozent der Bevölkerung geteilt wird? Warum schreiben manche Leute am Anfang ihrer Karriere nicht in Zeitungen oder Zeitschriften, weil diese als „rechtskonservativ“ oder „neoliberal“ gebrandmarkt werden?

Gut zufolge haben wir die Unfreiheit im Sprechen und Schreiben den Hütern der öffentlichen Moral zu verdanken, „die so virtuos die Grenze des Erlaubten abzirkeln“. Diese entpuppen sich letztlich aber zumeist als „Hüter der Doppelmoral“. Man kann dem Schweizer Journalisten nur zustimmen: Wir brauchen dringend mehr Gelassenheit und den Geist echter Freiheit.

Die Hoffnung, dass die Medien bei diesem Prozess mitwirken können, habe ich (fast) aufgegeben. Natürlich gibt es Nischen. Allerdings ist es bedenklich, dass ein Großteil unserer Medienleute einseitige politische Präferenzen zugunsten der Grünen hegt. Dies drückt sich dann auch in der Berichterstattung aus. Nur sehr wenige Journalisten tendieren zur FDP. Kein Wunder also, dass man den Liberalen – so wie es gerade beliebt – immer neue negative Debatten zuschreibt. Mal geht es um den Einzug der FDP in die Parlamente. Der ist angeblich immer gefährdet. Am Ende ist die Partei dann doch recht deutlich über die Fünf-Prozent-Hürde gesprungen. In diesem Fall haben sich dann selbstverständlich nicht die Meinungsforscher et cetera vertan, denn die Kommentatoren finden die entlastende Erklärung, es habe sich ja nur um „Leihstimmen“ gehandelt. Mal liefern die Liberalen Stoff für Sexismus-, Vorsitzenden- und Rassismusdebatten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und etwa glaubt, man wolle eine bestimmte Partei bewusst ins Jenseits schreiben.

Auch über unfaire und tendenziöse Berichterstattung über die Linke oder die Piraten ärgere ich mich oft. Ich reagiere verstimmt, wenn ich den Eindruck habe, Medien wollten Politik machen. Es ist primitiv, die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Linken zu scheuen und auf reine Antikommunismus-Rhetorik aus dem Arsenal des „Kalten Krieges“ zurückzugreifen oder die Partei gleich ganz totzuschweigen, weil man sie unappetitlich findet.

Für einen tabufreien Blick auf die Wirklichkeit

Redeverbote und Tabus verstellen uns zusehends den Blick für die Wirklichkeit. Da hat Gut recht. Haben wir nicht andere Probleme, als uns Monate lang mit den Honoraren des SPD-Kanzlerkandidaten, seinen Vorlieben für nicht ganz billigen Wein, seinem missglückten Peerblog oder seinen Gehaltsvorstellungen als Kanzler zu beschäftigen? Sicher, all diese Dinge werfen vielleicht kein schmeichelhaftes Bild auf Peer Steinbrück, aber gegebenenfalls ist uns die moralische Erregung und Erhöhung lieber und bequemer als die Auseinandersetzung mit seinen politischen Zielen.

Es ließen sich unzählige Beispiele dafür aufzählen, wie humorlos und intolerant sich die neuen Jakobiner verhalten. Wenn diese Gesellschaft wirklich so „offen“ sein will, dann muss es auch erlaubt sein, zu Themen wie Europa, Kernkraft, Energiewende, Abtreibung, homosexuelle Partnerschaften, Managergehälter, Banker, Kapitalismus, Zuwanderung et cetera Meinungen zu vertreten, die nicht dem entsprechen, was uns die veröffentlichte Meinung vorgibt. Es darf auch nicht entscheidend sein, ob jemand seine Meinung im „Neuen Deutschland“ oder in der „Jungen Freiheit“ artikuliert. Es kommt auf die Inhalte an. Wichtig ist, dass man sich an die Spielregeln bürgerlichen Anstands hält, die Meinung des anderen achtet und sprechen und schreiben darf, was man denkt, ohne Sorge zu haben, dass man den Job verliert oder körperlich angegangen wird.

Leider legen wir viel zu oft die „Souveränität eines Sklaven“ (Gut) an den Tag, wenn wir das nachplappern, was alle sagen. Sicherlich gibt es zum Beispiel keine „Pogromstimmung“ gegenüber Katholiken in Deutschland. Dies ist geschichtsvergessenes Gefasel. Aber man darf schon die Frage stellen, warum selbst aus Anlass des würdigen Abgangs von Papst Benedikt XVI. so viele Kübel voller Hass und Intoleranz über der „Amtskirche“ und der Person des Papstes ausgeschüttet wurden.

Vielleicht ertragen wir „Sklaven“ einfach nicht mehr die Souveränität derjenigen, die sich noch eine eigene Meinung erlauben. Daher bezeichnen wir wider besseres Wissen die GEZ-Zwangsabgabe als „Demokratieabgabe“, obwohl das öffentlich-rechtliche Fernsehen in einträchtiger Kumpanei mit der Politik leider zu häufig verhindert, dass offen und ehrlich über gesellschaftliche Probleme diskutiert wird.

Das Peinliche an den neuen Jakobinern ist, dass sie nicht erkennen, dass sie im Käfig der politischen Korrektheit sitzen und mit ihren Ketten rasseln. Um ihr Wahngebilde aufrechtzuerhalten, reagieren sie mit Unterdrückung. „Die ‚Progressiven’, Linken, Netten verwandeln sich vor den Augen des erstaunten Zeitgenossen in Karikaturen repressiver Machtapparate“, schreibt Gut. Dieser Repression sollten all diejenigen, die sich nicht als Sklaven empfinden, mit Humor und Argumentationslust begegnen. Der Kampf gegen die Schere im Kopf lohnt sich, denn er ist lebensnotwendig für einen freien Menschen und eine freie, liberale Gesellschaft. Man darf sich von allen Hexenjagden, Hetzkampagnen und Hysterien einfach nicht die Laune verderben lassen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Ansgar Lange

Über Ansgar Lange

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige