22. Februar 2013

Börsenkrach Warum sich Tulpe auf Schulden reimt

Erste Finanzblase platzte vor 376 Jahren

Ein Hinweis vorneweg: „Kollegkrach“ müsste es korrekterweise lauten, denn mit „Kolleg“ wurden die Treffen der niederländischen Tulpenhändler in Wirtshäusern bezeichnet, bei denen Wertpapiere für Tulpenzwiebeln gehandelt wurden. Das Kolleg war die Börse der Tulpenfreunde. Doch Krach ist Krach und staatlich provozierte Geldmengenausweitung war damals wie heute der Auslöser.

Am 5. Februar 1637 schien die Geschäftswelt in Alkmaar noch in Ordnung zu sein. Bei einer Auktion wurden alle 99 angebotenen Tulpenzwiebeln versteigert und 90.000 Gulden, umgerechnet 900.000 Euro, in die Kassen der Händler gespült. Mehr als 9.000 Euro pro Tulpenzwiebel. Und auch die Käufer spekulierten noch mit einem sicheren Weiterverkaufsgewinn vor Lieferung der soeben erworbenen Zwiebeln. Nicht die ausgewachsenen Tulpen wurden versteigert, sondern die sich noch im Boden befindlichen Tulpenzwiebeln. Sie galten in den Niederlanden als sicheres Geschäft, entsprechende Wertpapiere als gute Anlage. Das nahende Desaster hatte jedoch schon am 3. Februar die Nachbarstadt Haarlem erreicht. Bei einem Kolleg am 3. Februar 1637 konnte dort keine einzige Zwiebel zum erwarteten Preis verkauft werden. Die Neuigkeit von der ersten geplatzten Spekulationsblase der Finanzwelt benötigte mehr als zwei Tage, um die 33 Kilometer bis nach Alkmaar zurückzulegen. Die grundlegenden Ursachen für das Platzen der Blase lagen nicht in einer psychotischen Manie der breiten Bevölkerung, die die niederländische Regierung kurz nach dem Crash noch als medizinisch behandlungswürdig erachtete. Keine irrationale Massenhysterie hatte die niederländische Küste erfasst. Vielmehr war es die Geldflut der 1630er Jahre.

Zu Anfang des 17. Jahrhunderts erlebte die Niederlande den Beginn eines „Goldenen Zeitalters“. Der Handel mit dem fernen Osten florierte, niederländische Schiffe dominierten die Weltmeere und allerlei europäische Kaufleute brachten ihr Geld in die zahlreichen Wechselstuben der Handelsstädte. Amsterdam, Alkmaar, Middelburg und Rotterdam wuchsen zu bedeutenden Handelsmetropolen. Großes Problem dieser Zeit war jedoch die grassierende Münzverschlechterung in Europa. Schon seit dem Zerfall des römischen Reiches nutzten alle Machthaber des Kontinents ihre Möglichkeiten, um werthaltige Gold- und Silbermünzen einzuschmelzen und in allerlei wertgeminderten Legierungen wieder auf den Geldmarkt zu werfen. Kupfer und Zink waren begehrte Beimischungen. Viele vormals goldene Gulden schimmerten zunehmend bläulich aufgrund ihrer immer höheren Silberbeimischung. Der sogenannte Horngulden besaß zum Ende seiner Umlaufzeit nur noch einen Goldgehalt von 415 Promille. Sein Name wurde schnell zu einem geflügelten Wort für minderwertiges Geld. Die niederländischen Handelsplätze gerieten dabei zum Sammelpunkt all der unüberschaubaren Spielarten minderwertiger Geldmünzen. Ein erdrückender Regen schlechten Geldes prasselte auf die niederländischen Handelsplätze ein. Auf diesem Weg wurde die Inflation befeuert, ohne dass Papiergeld zunächst in Umlauf war.

Dies änderte sich jedoch 1609, als die Stadtverwaltung von Amsterdam dem minderwertigen Geld Einhalt gebieten wollte. Sie gründete die Wechselbank von Amsterdam. Edelmetalle und nicht mehr umlauffähige Münzen konnten auf dortige Girokonten eingezahlt und nach individueller Wertmessung gegen entsprechende Wertpapiere, „Bankgulden“ genannt, eingetauscht werden. Die Stadtverwaltung versprach dabei eine hundertprozentige Wertdeckung mittels des eingelagerten Edelmetalls. Das Amsterdamer Bankgeld erlangte schnell große Bedeutung als gültiges Zahlungsmittel und stabilisierte das europäische Münzchaos. Aufgrund der garantierten Wertdeckung konnte man an diesem Punkt noch nicht die Ursache für das Wachsen der Tulpenblase erahnen. Damit diese zu ihrer vollen Pracht gelangen konnte, musste erst ein weiteres Mosaiksteinchen hinzustoßen.

Mit Beginn des 16. Jahrhunderts wurden enorme Mengen von Gold und Silber aus Südamerika nach Europa verschifft. Vor allem das spanische Königshaus profitierte zunächst von diesen Importen. In Folge der wertorientierten Geldpolitik explodierte in den 1630er Jahren dann aber auch die Edelmetallmenge in den Niederlanden. Dort waren spanische Edelmetallbesitzer auf der Suche nach sicheren Depots fündig geworden. Die Amsterdamer Wechselbank sog förmlich das in Übersee geförderte Edelmetall an. Hier konnten es ihre Besitzer in wertbeständige und umlauffähige Banknoten tauschen. Während zwischen 1630 und 1632 noch 9,2 Millionen Gold- und Silbergulden niederländische Prägeanstalten verließen, wurden von 1633 bis 1635 über 17 Millionen Gulden in Umlauf gebracht. Dementsprechend rasch stiegen auch die Güterpreise, bis zu guter Letzt eben auch Tulpenzwiebeln in allerlei Variationen zum begehrten Anlageobjekt wurden. Allein im letzten Jahr vor Platzen der Tulpenblase schwoll die Bilanzsumme der Amsterdamer Wechselbank um 42 Prozent auf einen Wert von nahezu 5,7 Millionen Gulden an.

Die Tulpenblase von 1637 war trotz feiner Unterschiede zur heutigen Schuldenblase von modernem Schlage. Trotz mancher Ansätze werterhaltender Geldpolitik wurde das Qualitätsmerkmal einer stabilen Geldmenge sträflich missachtet. Der Inflation, auf dem Wege von Edelmetallimporten, wurde Tür und Tor geöffnet. 1637 gibt 2013 ein warnendes Beispiel. Politische Großmannssucht, den Geldwert zu verschlechtern, die Geldmenge auszudehnen, damit die Inflation und schließlich die Preisinflation immer weiter anzuheizen wird keineswegs in einer Stabilisierung der Lage enden. Damals genauso wenig wie heute.


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