25. Februar 2013

Europa Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Gegenentwurf zur Rede Joachim Gaucks

Soviel EU war nie! Das sagt jemand, der als 1969 Geborener große Dankbarkeit empfindet dafür, die schrecklichen humanitären Katastrophen, die verheerenden politischen Irrtümer und ideologischen Todesfallen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht miterlebt haben zu müssen, der das Glück hatte, in Frieden und Wohlstand aufwachsen zu können. Ich mache mir jedoch aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung innerhalb der EU große Sorgen um unsere gemeinsame Zukunft, um die Erhaltung eben dieses Friedens und Wohlstandes, Sorgen, die ich Ihnen im Folgenden schildern möchte.

Um es gleich zu Beginn klarzustellen: Da ich hier vor einem gebildeten Publikum spreche, vor Hochleistungsträgern unserer Gesellschaft, werde ich Ihnen, geehrte Exzellenzen, selbstverständlich die rostigen, verlogenen moralischen Daumenschrauben ersparen, die rücksichtslosen Erpressungsversuche, mit deren Hilfe man auch heute noch den Deutschen immer mehr Geld für die EU und zur „Rettung“ des Euro aus der Nase zu ziehen versucht. Immer wieder hält man den jungen Menschen dieses Landes, derer einige ich heute in diesem Saal ebenfalls begrüßen darf – herzlich willkommen, liebe Schülerinnen und Schüler! –, eine Liste mit den Verbrechen ihrer Großväter und Urgroßväter vor die Nase, um ihre Zweifel an einer angeblich alternativlosen Europolitik zu ersticken, um ihnen das Gefühl zu geben, sie trügen bis in alle Ewigkeit eine Schuld auf ihren Schultern, die sie nur durch bedingungslosen Gehorsam gegenüber dieser Politik, nur durch bereitwilliges Zahlen immer höherer Rettungsgelder zum Erhalt der Einheitswährung abtragen könnten. Immer wieder höre und lese ich, Deutschland habe aufgrund seiner Historie eine besondere Verantwortung für ein „gemeinsames Europa“. Prinzipiell stimme ich dem zu, lehne aber die skrupellose und unethische finanzpolitische Ausschlachtung der in geschichtswissenschaftlicher Hinsicht übrigens nicht unumstrittenen Alleinschuldthese ab.

Immer wieder lese ich, Deutschland hätte doch gefälligst zu zahlen, weil von ihm so viel Tod und Zerstörung ausgegangen beziehungsweise über Europa gekommen ist. Dieser Logik zufolge hätten sich auch die USA an der „Griechenland-Rettung“ beteiligen müssen, da nicht nur deutsche Konzerne, sondern auch große US-Unternehmen in die massive Aufrüstung Deutschlands in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verstrickt waren, da sie dem Dritten Reich und seinen Streitkräften, Hitler und den Nazis enorme finanzielle und materielle Mittel, Wahlkampfspenden, technisches Know-How und großindustriell-produktionstechnische Expertise bereitstellten. Man muss schon blind sein, zu glauben, man habe sich dort überhaupt nicht denken können, welchem Zweck diese gewaltige Aufrüstung diente. Lassen Sie mich eine den Rahmen dieser Rede sprengende, überaus komplexe geschichtswissenschaftliche Diskussion, die auch weiterhin geführt werden wird – und auch geführt werden muss, wollen wir aus der Geschichte jemals wirklich etwas lernen –, durch ein Zitat aus einer 1949 erschienenen Schrift des englischen Publizisten und Zeitgeschichtlers Montgomery Belgion abkürzen: „Ich habe nicht die Absicht, zu behaupten, dass die deutschen Führer von jeglicher Verantwortung für diesen Krieg frei seien. Aber ich bin nicht naiv genug anzunehmen, die Großmächte seien alle nur Lämmlein gewesen und nur eine einzige von ihnen ein großer, böser Wolf.“  Er sprach außerdem eine Warnung aus, die gerade hinsichtlich der Gefahren zentralistischer Machtkonzentration, somit auch mit Blick auf die EU, von großem Interesse sein dürfte, ja uns eigentlich aufschrecken müsste. Belgion warnte 1969 vor einer „Weltregierung“, die, wie er sarkastisch anmerkte, nur dann zum Besten der Menschheit sein könne, wenn sie in den Händen völlig unzweifelhafter und tadelloser Charaktere, ja übermenschlich weiser Geister läge; es stünde wohl eher zu erwarten, dass sie schnell zu einem Machtmonster mutiert, das jede Freiheit unter sich begräbt. Ich befürchte jedoch, dass solche Worte hierzulande, wo immer noch ein ungebrochener, fast mystischer Glaube an die Allheilkräfte des Staates und der Politik gepflegt wird, wohl auf überwiegend taube Ohren fallen werden.

Da wir in einem politisch korrekt hyperventilierenden Land leben: Ich habe diesen kurzen historischen Exkurs keinesfalls zur Parfümierung und Beschönigung unserer Geschichte unternommen, unserer großen Mitverantwortung, erst recht nicht derjenigen am Holocaust. Ich will diese Worte nicht verstanden wissen als Ventil für dumpfes, ressentimentistisches oder revanchistisches Unterholzgeraschel etwaiger unverdauter, unverarbeiteter und verdruckster Schuldgefühle. Von solchem Gedankengut distanziere ich mich aufs Schärfste. Ich wehre mich allerdings gegen die europolitische Instrumentalisierung dieses Geschichtsbildes, die den Bürgern dieses Landes eine historisch-moralische Pflicht vorhält, wo es in Wahrheit nur um leere Kassen geht, um mehr Geld zum Zukleistern der Konstruktionsfehler des Euro; ich wehre mich gegen die skandalöse Schändung von Millionen von Leichnamen des Zweiten Weltkriegs, insbesondere der Millionen von Juden, die man hierzulande rhetorisch hübsch um das gescheiterte Euro-Experiment drapiert, um mehr Geld eintreiben zu können. Verzeihen Sie mir den kleinen emotionalen Ausbruch, verehrte Damen und Herren, aber das ist völlig indiskutabel und eine unglaubliche Schweinerei. Die Opfer des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust können nichts für die Uneinsichtigkeit, die Borniertheit und ideologische Verblendung von Eurokraten. Jeder Politiker, der so argumentiert, müsste eigentlich – sofern noch genug Anstand und Selbstachtung vorhanden – sofort freiwillig zurücktreten.

Ich bin auch kein „Anti-Amerikanist“, wie manche Zeitgenossen mir sicher sofort vorwerfen möchten. Ich sage es noch einmal: Natürlich bin ich dankbar dafür, dass dieses Land von der Hitlerdiktatur befreit wurde. Natürlich empfinde ich Hochachtung sowie Schmerz und Trauer für die gefallenen Soldaten auf allen Seiten, die armen Teufel, die das ausbaden durften, was ihre elitären Führungskräfte – einige davon vom Wahn getrieben, religiös illuminiert zu sein – durch ihre Kontroll- und Machtpsychose angerichtet haben. Da man es sich aber auch nicht zu einfach machen sollte – Schuld verteilen ist bekanntlich die leichteste Lebensübung –, möchte ich zu dieser keinesfalls zu unterschätzenden, äußerst schwierigen philosophischen Materie nur noch so viel sagen: Der Fisch stinkt zwar vom Kopfe her, aber ohne Flossen wäre er bewegungsunfähig. Oder auch: Wag the dog! Und mit Blick auf Europa: Fragt nicht, was Planquadratschädel und „Mad Scientists“ aus dem technokratischen Gesellschaftslabor, ob nun auf nationaler oder internationaler Ebene, für Euch tun können, fragt lieber, was Ihr für Euch selbst tun könnt, damit Ihr auf ihre Lenkung nicht mehr angewiesen seid. Ob diese schreckliche Dialektik von Herr und Knecht jemals enden, sich jemals anders entladen wird als konfliktreich?

Ich habe das Augenmerk natürlich auch deshalb auf Amerika gerichtet, da wir Deutschen uns an seiner Seite sowie im Rahmen sogenannter „europäischer Sicherheitsinteressen“, trotz unserer Vergangenheit, obwohl gerade wir es eigentlich besser wissen sollten, heute, gerade mal wenige Jahrzehnte später, schon wieder an Angriffs- und Beutekriegen in anderen Ländern beteiligen. Kriegen, die, wie auch der jüngste in Mali, auf Lügenpropaganda beruhen. Das ist beschämend, das ist für Deutschland eine Schande. Bündnispartnerschaft kann nicht bedeuten, jedes noch so dumme Verhalten des Partners stumm abzunicken und gutzuheißen. Freundschaft bedeutet nicht, kräftig mitzutreten, wenn der große, muskulöse Freund in Rage Schwächere ins Koma tritt, weil er glaubt, ihr Spielzeug stünde eigentlich ihm zu. „Nie wieder Krieg!“, diese oft gehörte Losung, diese Essenz aus dem extremen Nationalismus und Bellizismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die doch einen der Grundsteine der EU bilden soll, wird momentan leider mit Füßen getreten; die EU verrät durch ihre Beteiligung an einem ganz ähnlichen Bellizismus ihre Grund- beziehungsweise Gründungsprinzipien. Auch das trägt nicht gerade zu ihrer Glaubwürdigkeit bei, geschweige denn zur Verbesserung ihres angeschlagenen Rufes. Manche bösen Zungen frotzeln schon, man habe dem nationalen Sozialismus vergangener Tage lediglich ein „Inter-“ vorangestellt. Mit echter kosmopolitischer Gesinnung, mit philanthropischen Absichten und einem auf Frieden abzielenden Internationalismus oder Globalismus hat der aggressive imperialistische, kolonialistische und korporatistische Interventionismus der jüngsten Zeit ja genau so viel gemeinsam wie ein streng katholisches Mädcheninternat mit der Reeperbahn. Obwohl... ach, lassen wir das.

So viel EU war nie: Sie werden sich bestimmt gefragt haben, warum ich nicht von Europa spreche. Ich tue dies aus dem einfachen Grund, weil die Milchmädchengleichung „EU + Euro = Europa“ falsch ist, weil es unzulässig ist, ein politisches Konstrukt , das nach der Maxime „Koste es, was es wolle“ und, wie von einem der ranghöchsten Beamten dieses Planspiels bereits ganz unverhohlen zugegeben, hin und wieder auch mit Hilfe vorsätzlichen Lügens zum „Besten“ der Menschen durchgesetzt werden soll, mit einem ganzen Kontinent gleichzusetzen, einem Kontinent, der sich aus vielen verschiedenen, reichhaltigen Kulturen, Ethnien, Mentalitäten und Sprachen zusammensetzt. Noch einmal: Brüssel und Euro sind nicht gleich Europa. Lassen Sie sich das von niemandem einreden, erst recht nicht von den Drückerkolonnen für verbale Flüssigseife, die heute gerne mit politischen Eliten verwechselt werden, eine Kaste von Abnickern, Unterschriftensetzern, Opportunisten, Konformisten und Karrieristen, die kaum noch mehr zustande bringt, als die immer gleichen Worthülsen auszuspucken, als sprächen sie nicht selbst, sondern etwas durch sie – nämlich die intellektuelle Leichenstarre eines Paradigmas von Herrschaft, von politischer Machtausübung, ein autistischer Zentralismus und Etatismus, über dessen Zukunftsfähigkeit sich ganz gewiß streiten lässt. Ein Paradigma, das ständig von „Einheit“, „Integration“ und „Freiheit“ spricht, wo es bisher eher auf Spaltung, Ungleichgewichte und Konflikte hinauslief.

Zugleich aber möchte ich etwaige Bedenken zerstreuen, indem ich die Frage, ob wir mehr Europa brauchen, mit einem aus tiefstem Herzen kommenden „Ja!“ beantworte. Ich gehe sogar noch weiter: Wir brauchen mehr Welt! Das heißt: mehr kosmopolitischen Geist.

Das sind schöne Worte – wie aus dem „Wort zum Sonntag“. Sie könnten auch von einem bekifften Priester stammen oder einem überdrehten Duracell-Häschen; man findet sie auch in Glückskeksen im asiatischen Schnellimbiss um die Ecke oder in Massage- und Friseursalons, während gewaschen, gelegt und gefönt wird. Man begegnet ihnen auf ecstasyschwangeren Technopartys und in New-Age-Bewegungen: Alle haben sich lieb! Damit wollte ich diese Worte keinesfalls inhaltlich entkräften  oder lächerlich machen, im Gegenteil. Ich glaube jedes einzelne davon und werde auch bis an mein Lebensende an dieser noblen, erstrebenswerten Idee festhalten. Allerdings spielt die Urheberschaft dabei durchaus eine Rolle, das Motiv und die Ernsthaftigkeit dahinter, der Anlass. Und viel entscheidender als die gerade im Verlauf der derzeitigen, unter dem Schlagwort „Krise“ subsumierten politischen, wirtschaftlichen, vor allem aber fundamental geldsystemischen Verwerfungen bereits gefühlt trillionenfach und papageienhaft nachgeplapperten Wellnessfloskeln in Endlosschleife, die nicht das geringste verändern, nichts bewegen, nichts verbessern, außer dem Zuhörer ein kurzfristiges Gefühl von moralischer Überlegenheit, von Gut- und Liebsein, von Nettigkeit und Charme, von Tralala und Heititei zu geben, wäre doch ein nüchtern-realistischer Blick auf das bisher Erreichte. Viel wichtiger als all das sicher gut gemeinte Lachsschnittchen- und Sektnipper-Gesäusel unter kammermusikalischer Begleitung – Haydn, Vivaldi oder Mozart betten die ausgefeilt glattgeschliffene Rhetorik in warme Streicherklänge, man rückt kurz die Fliege zurecht, streicht sich durchs distinguiert ergraute Haar, während im Hintergrund die Schuldenuhr durchtickert – ist doch die Frage, wie man einen solchen Zustand, nennen wir ihn ruhig „Weltfrieden“, herbeizuführen gedenkt. Es stellt sich also die Frage nach der geeigneten zielführenden Methode.

Und wenn die Methoden lauten: Abzocke, Lug und Betrug, fortgesetzte Täuschung der Bürger, schleichende Enteignung von Millionen von Europäern durch Umverteilung von Steuergeldern, noch dazu von unten nach oben, vom „einfachen Mann auf der Straße“  in ein System weniger, höchst kriminell und unverantwortlich agierender Großbanken auf beiden Seiten des Atlantiks, die mit der Einschüchterungsformel „too big to fail“ marktwirtschaftliche Prinzipien völlig aushebeln – Sozialisierung von Schulden statt Abwicklung –, um ihre Vormachtstellung aufrechterhalten zu können, dann lehne ich solche Methoden rundherum ab. Das Beispiel Island zeigt auf nachahmenswerte Weise, dass es durchaus Alternativen zu dieser vermeintlich alternativlosen Politik gibt: Statt mit Steuergeldern Bankerboni zu retten, ließ man die entsprechenden Institute pleite gehen und stellte den verantwortlichen Geldfälschern und -entwertern, den Schieberbanden volkswirtschaftlicher Vermögen, Haftbefehle zu.

Wenn die Methoden lauten, dass mehrfach europäisches Vertragsrecht gebeugt und gebrochen wird, dann wirft ein solches Verhalten sicher kein sehr helles Licht auf diese EU, weder nach außen für potentielle Beitrittskandidaten der Zukunft, noch nach innen für das Vertrauen der Menschen in ihre politischen Institutionen. Kein Wunder also, dass in einigen EU-Ländern die Skepsis wächst, dass Rufe nach Referenden über einen Verbleib in der Zone lauter werden; kein Wunder, dass Polen jüngst erklärte, sich einen Euro-Beitritt lieber noch einmal überlegen zu wollen. Vielleicht, weil sie auf die ungedeckten Versprechen nicht hereinfallen. Vielleicht, weil sie den angebrannten Braten riechen.

Viel von dem Ungemach, das heute so lautstark beklagt wird, hätte übrigens definitiv vermieden werden können. Diejenigen aber, die beispielsweise vor einer Aufnahme Griechenlands in die Währungsunion rechtzeitig warnten, bekamen von oben – politisch erwünscht – den Mund zugenäht, wurden niedergerüffelt. Warum? Es sollte doch von vornherein um Stabilität und Ordnung, um wirtschaftliche Prosperität und Frieden gehen – warum also berechtigte Bedenken einfach beseite wischen? Hätte die Währungsunion denn Schaden genommen, wäre Griechenland nicht aufgenommen worden? Ganz im Gegenteil. Auch ein rechtzeitiger „Grexit“ hätte keinesfalls das Ende „Europas“ bedeutet, wie uns immer wieder vorgelogen wurde. Und warum auf volkswirtschaftlich irrationale Weise eine Rettungsmilliarde nach der anderen versenken – obwohl vor Griechenlands Küsten Bodenschätze lagern, deren Förderung Tausende von Arbeitsplätzen im Land hätte schaffen und die Regierung dazu befähigen können, ihre Schulden zu begleichen? Warum wurde immer nur über „Rettung“ diskutiert und von einem Krisengipfel zum nächsten dilettiert, obwohl diese Ressourcen dem Land wirklich wieder auf die Beine hätten helfen können? Warum dieser Tunnelblick?

Wenn die Jugendarbeitslosigkeit in Europa, so wie im Augenblick der Fall, über 20 Prozent klettert, bekommt die Rede von der angeblich erfolgreichen wirtschaftlichen Integration, Verflechtung und Verschmelzung einen beinahe höhnischen Beiklang. Die Realitätsverweigerung politischer Scheuklappenträger und Redenvorleser geht mittlerweile sogar schon so weit, zu behaupten, erst der ESM, ein euphemistisch „Stabilitätsmechanismus“ genanntes Völkerplünderungsgesetz, das seinem Personal rechtliche Immunität und diktatorische Vollmachten garantiert, habe die Schieflage etwas korrigieren können. Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, warum Leute, die solchen Unsinn verzapfen, nicht erst die Gelben Seiten fragen. Denn Tatsache ist: Nicht nur ist der ESM kein geeignetes Instrument, um den Konstruktionsfehler des Euro zu beheben – also die Hauruck-Vereinigung unterschiedlich leistungsfähiger Volkswirtschaften unter einem vorschnell aufgespannten Währungszelt –, sondern immer mehr stellt sich heraus, dass die in ihm bereitgestellte Summe nicht annähernd ausreichen würde, um die tief in den Büchern von Staaten und Banken mit Hilfe von Bilanzierungstricks sowie anderem Schönwetter-Voodoo versteckte Finanzfäulnis in europäische Duftbäumchen zu verzaubern.

Wobei man sogleich hinzufügen sollte, dass es sich dabei freilich um kein spezifisches Problem des Euro handelt, sondern unseres Geldsystems im Allgemeinen. In den USA zum Beispiel leiden die Bürger derzeit ja unter denselben Problemen: Schöngelogene Bilanzen, Arbeitsmarkt- und Realwirtschaftsdaten, die kurz vor der letzten Wahl kräftig frisiert und als „zarter Aufschwung“ deklariert wurden – unnötig zu erwähnen, aus welchem Grund –, gigantische Schuldenkloaken, die ihrer Bereinigung harren, ausufernder Gouvernantenstaat, militärischer Größenwahn, Manipulationen der Finanzmärkte durch dieselben Global Player, die auch in Europa Schlüsselpositionen mit ihrem Personal besetzten (EZB), um hinter verschlossenen Türen einen zukünftigen Betrugsskandal nach dem anderen anleiern zu können. Ein gigantischer Geldstaubsauger mit dem Zweck, die Früchte der Arbeit der Menschen abzusaugen und in den Händen einer kleinen Machtelite zu konzentrieren. Das ist die bittere Wahrheit; geben Sie mir dafür Namen, so viele Sie wollen. Lassen Sie sich dabei aber bitte etwas Neues einfallen: Spinner und Verschwörungstheoretiker bin ich schon, außerdem Mitglied einer rechtshetzenden Medienfront – kein Wunder, Glatzenträger! – ebenso Antisemit, weil ich Wörter wie „Hochfinanz“ in den Mund nehme, zudem Rebell, Anarchist und Abweichler. Es wird langweilig. Ich freue mich über jeden kreativen Neuzugang! Auch originelle Neologismen sind herzlich willkommen!

Der französische Philosoph Raymond Aron sagte einmal, kein Mensch wisse, ob ewiger Frieden auf dieser Erde möglich sei. Und fügte hinzu: „Dass die Beschränkung der Gewalt in diesem gewaltsamen Jahrhundert unsere gemeinsame Pflicht geworden ist, darüber gibt es keinen Zweifel.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Leider aber nimmt die Gewalt im frühen 21. Jahrhundert nicht ab, sondern stetig zu. Wenn die Methoden also außerdem lauten, wie bereits erwähnt: Sprich von Frieden und friedenssichernder wirtschaftlicher Vernetzung, während die EU, die sich den Friedensnobelpreis einfach frech selbst zuschanzte, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bei Auslandseinsätzen mitwirkt, die nicht der Friedenssicherung oder der europäischen „Sicherheit“, sondern der Wahrung von Interessen einzelner Mitgliedsländer oder den geostrategischen Plänen vom Niedergang bedrohter Supermächte dienen, dann nennt man solches Gerede in einem Wort: Heuchelei. Es kann nicht Aufgabe einer „friedensstiftenden“ EU sein, Stellvertreterkriege zu führen oder auf Kosten anderer Völker um sich zu schlagen, weil daheim die Pleite droht.

Wenn diejenigen Fachleute, die sich auf Grundlage der Bände sprechenden realwirtschaftlichen Entwicklungsdaten im Euroraum ernste Gedanken über den Zustand und die Richtung Europas unter EU und Euro machen und ihre Zweifel auch argumentativ gut belegen können, statt mit billigem politischem Dirnendiesel zu gurgeln und rhetorische Karamelle zu werfen, sich diffamieren lassen müssen durch infame Unterstellungen wie diejenige, „Euroskeptiker“ würden die „europäische Ebene“ am liebsten reduzieren, dann zeugt das nicht gerade von Anstand und Charakter der Ankläger. Statt wohlbegründeter, stichhaltiger und realwirtschaftlich belastbarer Gegenargumente gibt es – welch Wunder – nur verbale Nebelkerzen, einen diffusen, plüschigen „Europa“-Begriff zum Knuddeln und Liebhaben sowie Beschuldigungen ohne jede sachliche und nachvollziehbare Unterfütterung.

Manche wollen den Schuss offensichtlich nicht hören: Sollte ein größeres Mitgliedsland wie Frankreich demnächst in Not geraten, was von Tag zu Tag wahrscheinlicher wird, dann wird kein ESM, kein Fiskalpakt, kein noch so brillant an der Realität vorbeigedachter Rettungsmaßnahmenkatalog mehr greifen. Dann wird es statt endlosen Schuldensaufens und rücksichtsloser Belastung der Menschen Europas und ihrer Kinder eine kalte Ausnüchterungsdusche geben. Dann wird die ruinöse Planwirtschaft ihr Ende finden und die Währungsunion auseinanderfallen. Immer mehr Menschen wollen Freiheit von der Diktatur der Energiesparbirnen in Brüssel, den Duschkopfkommissaren und Wärmedämmungsdilettanten. Sie sind nicht alle „Populisten“, „Nationalisten“ oder „Europa-Skeptiker“, wie ihnen manche an die ganz kurze politische Leine genommene, zwar auf dem Grundgesetzpapier freie, im Kopfe aber unfreie Presstituierte und Auftragslügner einzubleuen versuchen, sondern zu recht besorgte, auch dringend benötigte Bedenkenträger; trotz aufziehenden Unwetters strahlend lächelnde Bannerträger hatten wir in der Vergangenheit ja schon genug. Wir brauchen dringend mehr europäische „Aaron Russos“ oder „Ron Pauls“; wir brauchen eine libertäre Evolution, keine totalitäre Revolution; wir brauchen kritische Filme wie „Europe – From Freedom to Fascism“, keine peinlichen Propagandafilmchen für 700.000 Euro.

Lassen Sie uns wieder für mehr Freiheit streiten, mehr Freiheit für – Europa.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige