22. März 2013

Ethik Letztbegründung, Logik und Intersubjektivität

Vom Vorteil und Nachteil der Ethik für das Leben (Teil 1)

Die üblichen Begründungen von Normen

Das sind weit verbreitete Begründungen dafür, warum etwas auf eine bestimmte Weise sein soll: Weil etwas immer schon so war. Weil der Gott oder die Götter es wollen. Weil ich persönlich es so will. Weil die Mehrheit es will. Weil eine politische Autorität es so will. Ich kann Handlungen durch Tradition, Religion, persönliche Vorlieben, Mehrheitsentscheidung und Autorität begründen. Die Witwe solle verbrannt werden, weil man das seit jeher so praktiziert habe. Schwule und Ehebrecherinnen sollen gesteinigt werden, weil Gott es so wolle. Tanz und Musik sollen verboten werden, weil mich beides persönlich stört. Der Brillenträger solle erschlagen werden, weil die Mehrheit keine Brillenträger mag oder weil die höchste politische Autorität keine Brillenträger mag. Diese Argumente sind nicht unbedingt überzeugend, aber sehr schlagkräftig. Dazu passt, dass im Nachhall der Studentenrevolte Pflastersteine liebevoll als „Argumente“ bezeichnet wurden. Diese Argumente sind tatsächlich die historisch vorherrschenden.

Ethik als Begründung von Normen

Daneben gibt es ein zartes Pflänzchen der Begründung für Normen, das besonders lieblich an den Hängen des wissenschaftlichen Elfenbeinturmes blüht – die Ethik. Ethik ist die Übertragung der logischen Argumentation und der Intersubjektivität in den Bereich der Normen und Werte. Argumente sollen für jeden nachvollziehbar und hinterfragbar sein und widerspruchsfrei aufeinander aufbauen, sie sollen so weit wie möglich von Willkür durch persönliche Vorurteile und Geschmacksurteile befreit sein. Die Ethik folgt in der Regel folgendem Aufbau: Es werden ein oder mehrere normative Grundsätze formuliert. Diese Grundsätze werden dann auf den Einzelfall angewendet, und es wird überprüft, ob in diesem Einzelfall etwas so sein soll oder nicht sein soll. Wenn etwas so sein soll, dann heißt es nicht, dass es auch so ist. Zwischen Sein und Sollen gibt es einen Graben. Aus dem Umstand, dass in der Sahelzone Menschen hungern, kann ich nicht einfach ableiten, dass ich persönlich verpflichtet bin, Nahrung herbeizuschaffen. Dies kann ich nur aus einer normativen Aussage ableiten, die ich dann auf den Fall anwende. Aus der Norm, dass man hungernden Menschen helfen soll, kann man nicht folgern, dass auch tatsächlich geholfen wird. Die Ethik ist schwach in der Hinsicht, dass ihre normativen Forderungen in der Wirklichkeit oft nicht eingehalten werden. Sie ist stark in der Hinsicht, dass die Nichteinhaltung der Norm die Gültigkeit der Norm nicht widerlegen kann.

Das Hinterfragen ethischer Begründungen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Soll-Aussagen direkt zu hinterfragen. Ich kann bestreiten, dass eine bestimmte Aussage zu einem konkreten Fall korrekt aus der Grundaussage abgeleitet wurde. Man kann bestreiten, dass die Grundaussage vollständig und ausreichend ist und eine Erweiterung des Grundprinzips durch Zusatzannahmen vorschlagen, so dass für den konkreten Einzelfall sich die normative Schlussfolgerung verändert. Oder ich kann am Ende das Grundprinzip selbst bestreiten, wodurch auch die Schlussfolgerungen hinfällig werden und eine alternative Grundaussage vorschlagen. Solche Grundprinzipien oder Grundaussagen stoßen unumgänglicherweise auf das Problem des Münchhausen-Trilemmas. Dieses besagt, dass eine Letztbegründung eigentlich nicht möglich ist, da jede Begründung entweder  eine weitere Begründung voraussetzt und deshalb einen unendlichen Regress zur Folge hat, oder in Form einer Tautologie vorgetragen wird oder als selbst nicht mehr hinterfragbar angenommen wird.

Ethik ist eine Methode zu denken und zu argumentieren

Es gibt also verschiedene Formen der ethischen Letztbegründung und es können alternative Letztbegründungen vorgeschlagen werden. Innerhalb der vorhandenen Formen ethischer Letztbegründung – Utilitarismus, Naturrecht und so weiter – können unterschiedliche  Schlussfolgerungen gezogen werden. Ethik ist in dieser Hinsicht weniger ein feststehendes System, sondern eine Methode zu denken und zu argumentieren. Ethik ist eine Diskursgrundlage, die aufgrund ihres Anspruchs auf universell intersubjektiv nachvollziehbare Begründungen und logische Kohärenz sich einer Kritik auf Basis dieser Kriterien nicht entziehen kann. Die Notwendigkeit der Begründung und der logischen Ableitung der Schlussfolgerungen aus dieser Begründung ist ebenso wichtig wie die Begründung selbst. Unabhängig davon, ob man sich über die ethischen Grundaussagen einigen kann, kann man die Schlussfolgerungen aus einer Grundaussage auf ihre logische Konsistenz und die Konsequenzen überprüfen und Paradoxien aufzeigen.

Die Stärke der Ethik ist die Schwäche der alternativen Begründungen

Ethik ist leicht angreifbar und hat viele Schwächen. Ihr abstrakter, formaler Charakter macht es leicht, sie als lebensfremd und blutleer abzutun. Die Stärke der Ethik ist die Schwäche der alternativen Methoden der Argumentation.  Die alternativen Argumentationsformen – der Verweis auf Tradition, Glaube, Mehrheit und Autorität –  setzen entweder Konsens oder Macht voraus. Der Herrscher des kommunistischen Nordkorea wird selbst mit der Aussage „Zwei und zwei ist drei“ noch auf breite Zustimmung stoßen. Die Inhaber absoluter Macht oder die Vertreter von 90-Prozent-Mehrheiten brauchen sich zur Begründung ihres Standpunktes keine große Mühe geben. Oder wie Mao sagte: Die Macht kommt aus den Läufen der Gewehre.

Macht und Ohnmacht apodiktischer Aussagen

Apodiktische Aussagen ohne jede Begründung oder Beweis sind oft von besonders suggestiver Kraft: Es gibt nur einen Gott und Allah ist sein Prophet. Alle Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Frage nicht, was dein Land für dich, frage, was du für dein Land tun kannst. Das Problem bei solchen in Stein gemeißelten Aussagen liegt darin, dass in der Regel jemand den Finger hebt und die Gültigkeit bestreitet, es sei denn, man hackt ihm den Finger ab und schneidet ihm die Zunge heraus. Das führt dann in der Regel zum gewünschten Konsens. Sobald man gezwungen ist, jemanden zu überzeugen, der den eigenen Glauben und die eigene Tradition nicht teilt, und man nicht willens oder in der Lage ist, ihn mit Gewalt zur Übernahme der eigenen Auffassungen zu zwingen, bleibt gar nichts anderes übrig, als logisch-intersubjektiv zu argumentieren. Dafür ein Beispiel:

Ein Beispiel für die Suche nach intersubjektiver Argumentation

Ein gläubiger Christ kann erklären, dass zum Beispiel Abtreibung verboten sein soll, weil Gott es so wolle. Eine solche Argumentation würde ein Atheist kaum als einleuchtend empfinden und sie wäre von ihm leicht zu entkräften. Er bräuchte nur entgegnen, dass Gott nicht beweisbar ist und er nicht glaubt, dass es Gott gibt, und schon ist der Forderung die Grundlage entzogen. Wenn es keinen christlichen Staat gibt, der diese Auffassung auch gegen den Willen des Atheisten durchsetzt, ist die Forderung passé.

Der nächste Schritt besteht in der Suche nach einer intersubjektiven ethischen Begründung, die die Existenz Gottes nicht voraussetzt. Der christliche Gegner der Abtreibung würde nach bestimmten normativen Aussagen suchen müssen, die auch der Atheist teilt, und versuchen zu belegen, dass aus diesen normativen Aussagen eben auch logisch ein Schutz für das ungeborene Leben folgt. Er würde danach suchen, dem Atheisten zu beweisen, dass es einen logischen Widerspruch gibt zwischen dessen normativen Überzeugungen in anderen Fragen und seinem Standpunkt in dieser Frage. Woraufhin dieser entweder die Konsistenz seiner Schlussfolgerungen mit seinen Annahmen verteidigen kann oder die Annahmen korrigieren muss oder die Schlussfolgerung im Sinne der Kritik korrigieren muss. Umgekehrt verhält es sich natürlich genauso.

Da ein gemeinsamer Glaube, Konsens oder Geschmacksurteil nicht vorhanden ist, und das ist in Europa spätestens seit der Reformation nicht mehr der Fall, ist die abstrakte logisch-intersubjektive Argumentation der einzige Boden, auf dem  man sich argumentativ begegnen kann.


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