27. März 2013

Geschichtsphilosophie Wie kommt die Ethik in die Geschichte?

Vom Vor- und Nachteil der Ethik für das Leben (Teil 3)

Ethik ist ein System normativer Aussagen, die logisch aufeinander aufbauen und es am Ende erlauben, entsprechend der Annahmen des Systems Handlungen von Menschen als ethisch oder unethisch zu beurteilen. Das ethische System erlaubt darüber hinaus die Ableitung ethisch begründeter Forderungen in Form von Soll-Aussagen, es soll etwas getan werden oder etwas soll nicht getan werden. Geschichte ist hingegen die Gesamtheit der Handlungen aller Menschen, die je gelebt haben oder, da der Prozess fortschreitet, noch leben werden. Geschichtswissenschaft ist die Erforschung dieser Handlungen. Es geht dabei nach Leopold von Ranke um die Beantwortung der Frage, wie es tatsächlich gewesen ist. Es geht darüber hinaus um den Versuch, zu verstehen, warum es so gewesen ist, das heißt, warum Menschen so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben, und welche Wirkungen das auf die Handlungen anderer Menschen hatte. Geschichte beschreibt also das, was war. Ethik beschreibt das, was sein soll.

Der Ethiker und der Historiker

Während Ethik einer binären Logik folgt, jede Handlung in der Welt ist entweder ethisch oder unethisch, gut oder böse, schwarz oder weiß, will der Historiker Handlungen aus ihrem jeweiligen Kontext heraus erklären, für ihn ist die Welt nicht schwarz oder weiß, sondern es dominieren verschiedene Grautöne. Dem Ethiker geht es um das Urteilen, dem Historiker geht es um das Verstehen. Dabei geht es hier um Idealtypen. Mit den Begriffen des Ethikers und des Historikers ist nicht zwangsläufig die Profession gemeint, sondern eben ein bestimmter Zugang zur Welt der Erkenntnis. Dabei sind Geschichte und Ethik einfach unterschiedliche Quellen der Erkenntnis und der Argumentation, und man tut gut daran, eine Sache von beiden Perspektiven aus zu betrachten. Der Ethiker kann die faktenbasierte Forschung des Historikers nicht widerlegen und der Historiker mit seinen Fakten nicht die logischen Systeme der Ethiker.

Ethische Systeme können historisch nicht widerlegt werden

Die Gültigkeit ethischer Aussagen ist unabhängig davon, ob sich je ein Mensch in der Geschichte entsprechend der normativen Forderungen des ethischen Systems verhalten hat. Es ist möglich, ein in sich schlüssiges ethisches System auszuarbeiten, wonach 100 Prozent aller Menschen, die je gelebt haben, sich unethisch verhalten haben, das heißt sich nicht an die Forderungen, die sich aus dem ethischen System ableiten lassen, gehalten haben. Eine aus der Tierethik abgeleitete Annahme, dass Fleisch essen unethisch ist und zu der ethischen Forderung führt, dass man kein Fleisch essen soll, gilt oder gilt auch nicht unabhängig davon, ob Milliarden von Menschen kein Problem damit hatten und haben, Fleisch zu essen. Das Antigewalt-Axiom, das von den Naturrechtsliberalen vertreten wird, wonach jede Form von Aggression gegen den Körper und das Eigentum anderer Menschen unethisch ist und nicht geschehen soll, gilt unabhängig von dem Umstand, dass sich die Weltgeschichte als eine permanente Folge von aggressiven Akten, Gewalt und Gewaltandrohung, brutaler Herrschaft, territorialer Eroberung und Zwangsorganisationen darstellt.

Weltgeschichte ist eine Abfolge unethischer Zustände

Nimmt man ihre ethischen Systeme zum Maßstab zur Beurteilung der Menschheitsgeschichte von den ersten Aufzeichnungen bis heute, muss man zu dem Ergebnis kommen, dass sich der überwiegende Teil der Welt in den längsten Phasen der Geschichte in einem unethischen Zustand befunden hat, nämlich in einem Zustand, in dem das Nichtgewaltaxiom im Sinne des Naturrechts nicht nur nicht praktiziert wurde, sondern sogar den gängigen Vorstellungen widersprach. Eroberer, Feldherrn, Herrscher, Politiker, für sie alle wurden gerade für ihre Missachtung dieser Regel Denkmäler errichtet und sie galten als die eigentlich großen Persönlichkeiten in der Geschichte ihrer Völker. Die große Mehrheit der Römer hat Cäsar nicht vorgeworfen, die Grundrechte der Gallier zu missachten, und die Hunnen warfen König Attila nicht vor, ein Plünderer zu sein. Eine der frühesten politischen Darstellungen überhaupt zeigt den ersten Pharao Ägyptens, wie er Gefangene mit einem Stock schlägt, und die Darstellung dient der Preisung des Pharaos. Es lässt sich kaum bestreiten, dass die Welt, wie sie heute ist, zum großen Teil das Ergebnis von unethischen, gewaltsamen Handlungen ist.

Wie kommt die Ethik in die Geschichte?

Ethische Systeme und historische Fakten sind durch eine dicke Wand voneinander getrennt. Gibt es eine Tür, durch die die Ethik in die Geschichte eintreten kann, oder bleibt sie das rein abstrakte Spiel mit Begriffen jenseits der historischen Wirklichkeit? Der Träger der Ethik ist das kognitive System des Menschen, also banal gesagt sein Gehirn. Ethische Forderungen zielen auf Handlungen von Menschen ab, also auf das, was Menschen mit ihrer Stimme, ihren Armen und Beinen tun können. Geschichte ist die Geschichte der Handlungen der Individuen. Allein Individuen können deshalb auch die Adressaten ethischer Forderungen sein. Adressaten einer Forderung können nicht Gesellschaften oder Völker sein, da diese kein Ohr haben, um zu hören, oder einen Arm, um zu handeln. Ein Appell an die Gesellschaft ist in der Regel ein Appell an die Individuen, die die Regierung stellen, oder an die Angehörigen bestimmter einflussreicher Gruppen.

Das Individuum ist das Nadelöhr

Individuen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Interessen haben, die sie mit begrenzten Informationen, begrenzten Ressourcen und begrenztem Handlungsspielraum verfolgen. Die Kommunikation, mit der einzelne Individuen oder eine kleine oder große Gruppe von Individuen erreicht werden, ist also das Nadelöhr, durch das die Ethik in die historische Wirklichkeit eindringt. Eine ethische Forderung muss, um in der Realität anzukommen, an ein Individuum herangetragen werden, das zum einen in der Lage ist, die Forderung zu verstehen, zum anderen bereit ist, die Gültigkeit der Forderung zu akzeptieren, und zum Dritten bereit ist, die Umsetzung der ethischen Forderung zu seinem persönlichen Interesse zu machen. Da die Handlungsspielräume jedes Menschen begrenzt sind, ist auch der Handlungsspielraum eines Menschen begrenzt, der für sich eine ethische Forderung akzeptiert und diese umsetzen möchte. Er muss sich dabei mit Menschen auseinandersetzen, die diese ethische Forderung nicht akzeptieren und nicht umsetzen möchten.

Die Hürden für den Eintritt der Ethik in die Geschichte

Anhand dieser banalen, aber doch oft vernachlässigten Erkenntnis, dass abstrakte Ideen nur durch Menschen in die Welt kommen, können wir auch die Hürden aufzeigen, die die historische Wirkung eines ethischen Systems be- oder verhindern. Die ethische Forderung kann das Individuum nicht erreichen, wenn die dafür nötigen Kommunikationskanäle nicht bestehen. Das Individuum wird dann nicht erfahren, dass es eine bestimmte begründete ethische Forderung überhaupt gibt. Viele Menschen, wahrscheinlich die Mehrheit, haben grundsätzlich kein Interesse an abstrakten ethischen Argumenten, oder die Argumente übersteigen ihren eigenen Wissens- und Bildungshorizont. Selbst wenn eine ethische Forderung das Individuum erreicht, wird sie in vielen Fällen zurückgewiesen werden oder ihre Begründung wird keine Anerkennung finden. Ablehnung und Desinteresse sind gebirgshohe Hürden, an denen ethische Forderungen abprallen.

Die Motivation, ethische Prinzipien anzunehmen

Wenn eine ethische Forderung das Individuum erreicht und das Individuum die Begründung dieser Forderung akzeptiert, heißt das allerdings noch nicht, dass das praktische Auswirkungen hat. Das Interesse, sich gemäß bestimmter ethischer Forderungen zu verhalten, wird von starken anderen Motiven überlagert, der Bewältigung der Alltagsprobleme, dem Streben nach persönlichem Glück, dem Wunsch, sich sozial konform zu verhalten, ökonomischen Zielen und Machtinteressen und so weiter. Sich unethisch zu verhalten hat in vielen Bereichen keine unmittelbaren persönlichen Konsequenzen. Umgekehrt kann es ausgesprochen schwerwiegende negative persönliche Konsequenzen nach sich ziehen, wenn man sich ethisch verhält. Im Gegensatz zur Religion verspricht die Ethik für die Einhaltung ihrer Regeln keine Belohnung in Form eines Lebens nach dem Tod oder der Wiedergeburt in eine höhere Kaste oder dergleichen mehr. Allenfalls vermag Ethik das Gefühl von Erhabenheit zu erzeugen, das Kant so beschrieb: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Ethik und der Handlungsspielraum des Menschen

Wenn ein Mensch die ethischen Forderungen verinnerlicht und ihnen eine starke Priorität bei seinen Handlungen einräumt, kann er diesen ethischen Prinzipien auf verschiedene Weise dienen: Indem er versucht, sich an diese Prinzipien im eigenen Leben zu halten, indem er die Kenntnis dieser Prinzipien weiterverbreitet und indem er sich politisch im Sinne dieser Prinzipien betätigt. Die Wirkungen, die davon ausgehen,  hängen von den Handlungsspielräumen und dem sozialen Einfluss des Einzelnen ab. Da die Handlungsspielräume jedes einzelnen Menschen begrenzt sind und zwar vom Ottonormalbürger bis hin zum Staatsführer, ist auch niemand in der Lage, ein ethisches System im Ganzen Wirklichkeit werden zu lassen. Mit den Handlungen des Einzelnen sind auch die Prinzipien, die diese Handlungen hervorbringen, dem Auf und Ab der Geschichte unterworfen.  Indem ein Mensch oder eine Gruppe im Sinne ethischer Vorstellungen agiert und damit eine Wirkung erzielt, tritt die Ethik in den historischen Raum ein.

Ethik als Teil der Ideengeschichte

Sobald Ethik in den historischen Raum eintritt, lässt sie sich nach historischen Maßstäben beschreiben. Ethik ist als intellektuelles System zuerst einmal ein Teil der Ideen- und Geistesgeschichte. Sie entsteht historisch in Form von Schriften und Debatten. Sie ist Teil eines Diskurses in bestimmten sozialen Gruppen, unter Theologen, Philosophen, Ökonomen, Publizisten. Ethische Systeme  werden publiziert, besprochen, kritisiert und lösen Kontroversen aus, stoßen auf Ablehnung oder Unterstützung. Schulen von Denkern bauen ihr ethisches System weiter aus, verwerfen es, erneuern es oder verschmelzen es mit anderen philosophischen Systemen. Sie befinden sich im Wettbewerb mit anderen philosophischen Schulen,  Geisteshaltungen und Ideologien. Von der Ideengeschichte können Impulse für die politische Geschichte ausgehen, was im folgenden Abschnitt beschrieben wird.

Ethik und politische Geschichte

Ethik erweitert erst einmal das Arsenal der politischen Argumentation, es wird damit Teil der Geschichte der politischen Rhetorik und Programmatik. Ethische Systeme werden allerdings von Politikern nur selektiv aufgenommen und verbreitet. Bestimmte Teilaspekte des ethischen Systems entfalten Wirkung auf den politischen Diskurs, andere fristen ein Schattendasein. Kein Politiker wird sich allein auf die Kraft der Ethik zur Überzeugung seiner Anhänger und zur Argumentation mit seinen politischen Gegnern verlassen. Er wird so viele Argumente wie möglich aus verschiedenen Bereichen heranziehen, die bei den Zuhörern auf Interesse stoßen und überzeugen können. Daher werden ethische Argumente immer in einer Kombination mit politischen und ökonomischen Argumenten, Hinweisen auf die traditionellen Moralvorstellungen und persönlichen Zu- und Abneigungen der Zuhörer erfolgen. Ethische Gesichtspunkte können bei der Ausarbeitung politischer Programme berücksichtigt werden, politische Utopien einer besseren Welt können die Autoren der Programme inspirieren. Doch geschieht dies nicht ohne Rücksicht auf die „Realpolitik“ und konkrete politische Ziele.

Ethik und Rechtsgeschichte

Über die Rechtssetzung und Rechtsprechung können ethisch inspirierte Ideen in das Recht einfließen. Recht ist aber nicht einfach die Übertragung ethischer Prinzipien in juristische Grundsätze. Nicht alles, was im ethischen Sinne böse ist, ist auch verboten, nicht alles, was im ethischen Sinne gut ist, ist auch erlaubt. Recht hat zwei Aspekte, auf der einen Seite ist es ein normatives System, das über richtig und falsch urteilt, zum anderen ist Recht das Ergebnis der Rechtsgeschichte und die Folge von historischen Kompromissen.  Recht ist auch ein Spiegelbild der moralischen Vorstellungen und Vorurteile der Epoche, in der es entstanden ist. Das Recht folgt stets auch der Notwendigkeit, in bestimmten historischen Kontexten zu praktischen Lösungen zu kommen und einen Konsens zu erreichen. Im Recht spiegeln sich auch die Erfahrungen vergangener Konflikte wider. Es soll Frieden schaffen, was mitunter auch heißt, dass Ansprüchen entsprochen wird, die sich nur politisch und historisch, nicht aber ethisch rechtfertigen lassen.

Ethik und andere Quellen der Begründung

Ethik ist eine Quelle der Begründung politischer und gesellschaftlicher Grundsätze. Sie ist aber bei weitem nicht die einzige und sie war historisch bei weitem nicht die wirkmächtigste Quelle der Begründung sozialer Regeln. Die Religion und die Tradition waren ohne Zweifel wirkmächtiger als die ethische Begründung, was natürlich nicht heißt, dass sie besser sind. Ethik ist in so weit universalistisch, als sie auf eine intersubjektive Argumentation abzielt. Das heißt, sie kann, anders als das Sittengesetz, nicht mit Gefühlen oder unter dem Hinweis, dass es schon immer so war, begründet werden. Das macht sie einerseits intellektuell sehr viel anspruchsvoller, komplexer und durchdachter, auf der anderen Seite aber auch schwerer zu verstehen und zu verbreiten. Ethik ist eng an die Logik angebunden, daher ist sie – auch anders als das Sittengesetz – nicht an ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Region gebunden.

Ethik und das Sittengesetz

Ethik ist Anwendung allgemeiner Grundsätze auf den Einzelfall. Lautet die allgemeine Aussage, Vertragsfreiheit sei ethisch und die Einschränkung der Vertragsfreiheit unethisch, dann sind Tarifverträge unethisch, weil sie die Vertragsfreiheit einschränken. Da Ethik abstrakt und formal ist, kommt sie fast zwangsläufig mit den sittlichen Gefühlen und der überlieferten Ordnung in Konflikt. Lautet die allgemeine ethische Aussage, jeder Mensch ist Eigentümer seines Körpers und darf über seinen Körper frei verfügen, dann folgt daraus auch logisch, dass er diesen Körper auch verletzen und schädigen darf. Daraus lassen sich Aussagen über Drogenkonsum, Freitod, Prostitution, Pornographie oder Organhandel ableiten, die den vorherrschenden sittlichen Empfindungen widersprechen können. Die Anwendung ethischer Grundsätze wird von Menschen deshalb oft als unmoralisch empfunden. Viele Menschen handeln unethisch, weil sie in der festen Überzeugung sind, in Übereinstimmung mit dem Sittengesetz ihrer Gesellschaft zu handeln. Während das religiöse Gesetz in vielen Ländern etwa das Verbot des außerehelichen Geschlechtsverkehrs vorsieht, folgt aus dem Recht auf Selbstbesitz und Vertragsfreiheit, dass ein solches Verbot bei Gültigkeit dieser Annahmen unethisch ist.

Ethik und kulturelle Evolution

Die Gültigkeit einer ethischen Aussage lässt sich unabhängig von den historischen Rahmenbedingungen beantworten, die Frage nach der Wahrscheinlichkeit, eine ethische Forderung durchzusetzen, aber nicht. Bestimmte soziokulturelle, machtpolitische und institutionelle Rahmenbedingungen beschränken oder verstärken die Möglichkeit, verschiedene ethische Grundsätze zu verwirklichen. Wenn das Sittengesetz einer Gesellschaft universellen ethischen Prinzipien konsequent widerspricht, ist es ein Kampf gegen Windmühlen, universelle ethische Prinzipien ohne Abstriche durchzusetzen. In der politischen Praxis muss man sich vor dem rationalen Konstruktivismus hüten, den Hayek zu Recht scharf kritisiert hat. Soziale Ordnungen entstehen nicht in der Retorte der Theorie, sondern Theorien selbst sind Teil einer kulturellen Evolution; um ethische Prinzipien zu verwirklichen, müssen sie selbst Teil dieser kulturellen Evolution werden.

Ethische Ziele und Politik

Wenn ethische Prinzipien in eine politische Konzeption einfließen, dann ist auch politische Klugheit und ein Sinn für das Machbare gefragt. Mitunter ist es zweckmäßig, sich auf bestimmte Reformen zu konzentrieren, auf zentrale Weichenstellungen, die nicht sofort alles zum Guten führen, aber die langfristige Entwicklung der Gesellschaft beeinflussen. So können zum Beispiel rein ökonomisch motivierte Reformen den Weg für eine Entwicklung freimachen, in deren Verlauf die Diskussion über ethische Prinzipien und einen größeren Einfluss dieser Prinzipien überhaupt erst möglich wird. Ethik ohne Geschichte verführt zur politischen Blindheit. Der jakobinische Ansatz, die Gesellschaft nach den Prinzipien der Vernunft durch eine Revolution quasi über Nacht neu zu formen, hat oft in die Katastrophe geführt. Zwischen dem Wünschbaren und dem Möglichen besteht in der Geschichte eine Kluft. Ethisch fundierte Politik besteht nicht darin, gegen Wände zu laufen oder sich in den Abgrund zu stürzen, sondern darin, steinige Wege zu gehen und Etappe für Etappe einen in der Summe ethisch besseren Zustand zu erreichen.

Ethik als Kompass im Dschungel der Geschichte

Ethik ist keine Matrix, nach der man in dieser Welt eine Eins-zu-eins-Abbildung ihrer Grundsätze im sozialen Raum erschaffen kann. Gesellschaften, Wirtschaftssysteme, historische Zustände sind nicht das Ergebnis rein intellektueller Planspiele, sondern historischer Entwicklungen, die sich zum größten Teil dem Einfluss bewusster intellektueller Planung entziehen. Ethik ist aber ein Wegweiser, so etwas wie der Kompass im Dschungel. Ein ethisch orientiertes Leben ist in den meisten Fällen ein schwieriger Kompromiss zwischen Prinzipien und Grundüberzeugungen auf der einen Seite und den Zwängen und Erfordernissen der Gesellschaft, in der man lebt, und nicht zuletzt auch der eigenen Schwächen auf der anderen.  Adorno sagte, es gebe kein richtiges Leben im falschen. Das sind aber apodiktische Behauptungen, die von der Wirklichkeit permanent widerlegt werden.

Geworfenheit und universelle ethische Prinzipien

Der Zufall des Lebens wirft einen Menschen in irgendeine Region und irgendeine Epoche der Weltgeschichte. In einer chaotischen Welt, oft beherrscht von Willkür, Gewalt und einem barbarischen Sittengesetz, müssen Menschen die alltäglichen Herausforderungen meistern. Geworfen in diese Welt, konfrontiert mit den eigenen Grenzen und der eigenen Unvollkommenheit,  sich an ethischen Prinzipien zu orientieren erhebt einen ein Stück weit über das Geröll der Geschichte hinaus. Wenn der Einzelne erfüllt davon in den Sternenhimmel blickt, dann kreuzt sich über Orte und Zeiten hinweg sein Blick mit den Blicken jener anderen, die ebenso erfüllt waren von der Ehrfurcht vor dem bestirnten Himmel und vor der Logik, Ordnung und Harmonie universeller ethischer Prinzipien.


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