23. Mai 2013

Kurt Schumacher, das Gegenbeispiel Porträt eines Aufrechten

Kungelei war seine Sache nie

Es ist der 25. September 1949. Ein Zwischenruf des Bundestagsabgeordneten Kurt Schumacher in Richtung Konrad Adenauers sorgt für Tumulte in der umgebauten Pädagogischen Akademie in Bonn: „Sie sind der Bundeskanzler der Alliierten!“ Schumacher wird von Bundestagspräsident Ehlers zur Ordnung gerufen. Doch er war Härteres gewohnt.

Seit zwei Jahren Reichstagsabgeordneter, antwortete er am 23. Februar 1932 auf Goebbels rhetorischen Angriff auf die SPD mit einer Rede aus dem Stegreif, die noch heute als eine der bedeutendsten Attacken gegen die Braunsozialisten im Parlament gilt: „Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen. Wenn wir irgendetwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, dass ihm zum ersten Mal in der deutschen Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist.“ Das legendäre „Nein“ des SPD-Vorsitzenden Otto Wels zum Ermächtigungsgesetz Hitlers am 23. März 1933 hatte Kurt Schumacher dann ebenfalls mit vorbereitet.

Auch nach Hitlers Machtübernahme blieb Schumacher seinen Ideen und Idealen treu. Ohne Kompromisse. Auch gegenüber den anderen Totalitären lehnte er jedes Zurückweichen oder gar Bündnis ab, denn: „Die Kommunisten sind nichts anderes als eine rot lackierte Doppelausgabe der Nationalsozialisten.“ Am 6. Juli 1933 wurde der steckbrieflich gesuchte Kurt Schumacher in Berlin verhaftet. Viele seiner Parteigenossen hatten sich ins Ausland abgesetzt oder versuchten mit der neuen politischen Führung zu kooperieren. Nicht so Kurt Schumacher.

Nach Gefängnisaufenthalten in Berlin und Stuttgart folgte ein mehr als zehnjähriger Leidensweg durch mehrere Konzentrationslager. Überlebende Leidensgenossen konnten sich noch viele Jahre später daran erinnern, welch starken Eindruck Kurt Schumachers Auftreten und Haltung auf sie gemacht hatten. Er war der, an dem sie sich aufrichten konnten.

Schumacher, der schon im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte, hat Folter und Erniedrigungen seiner Peiniger ebenso mit stoischer Ruhe und unermüdlichem Stolz ertragen wie Anwerbeversuche kommunistischer Mithäftlinge. Als seine Cousine ihn kurz nach seiner Entlassung aus Dachau traf, erschrak sie über sein Aussehen. In seinen Briefen hatte er zuvor nie über seinen schlechten Gesundheitszustand geklagt. „Diese zehn Jahre haben keinen großen Eindruck auf mich gemacht“, sagte er auch später noch.

Politisch zeigte sich Kurt Schumacher in der Stunde Null dann kämpferischer denn je. Umgehend begann er den Neuaufbau der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Bereits am 6. Mai 1945, als die Gründung politischer Parteien von den alliierten Siegermächten noch verboten war, wurde Schumacher in Hannover zum Vorsitzenden der örtlichen SPD gewählt. Nun verschärfte er seinen Ton gegenüber den Kommunisten sogar noch und erklärte sie zur reinen Interessenvertretung einer auswärtigen Macht. Für Schumacher war die SPD weniger eine Arbeiterpartei als eine Partei der nationalen Freiheit. Der Patriotismus auch und gerade nach Hitler sollte Schumachers prägende politische Grundhaltung bleiben.

Administrative Macht errang er nie, da ihm das politische Mittel mitsamt der dazugehörigen Kungelei, der Kompromisssuche und dem Intrigenspiel wesensfremd blieben. Schumacher weigerte sich strikt, zu taktieren, Chancen für Kooperationen auszuloten, die Türen für Koalitionsverhandlungen offen zu halten. Er kannte weder professionelle Berater noch demoskopische Experten oder erfahrene Redenschreiber, sondern vertraute nur seinen eigenen intellektuellen Fähigkeiten. Sarkasmus und Spott, Bitterkeit und Hohn prägten seine stets selbstverfassten Reden.

Welch Gegensatz zur Führungsriege der heutigen SPD! Mit ihr wäre der letzte, vielleicht der einzige wirkliche Charakterkopf der deutschen Sozialdemokratie hart ins Gericht gegangen. Wenn er sie überhaupt bemerkt hätte. Denn in der SPD eines Kurt Schumacher flögen Steinbrück, Gabriel und Nahles mit Sicherheit unter dem Radar.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. April erschienenen Mai-Ausgabe  eigentümlich frei Nr. 132


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