28. Mai 2013

Friedhof der Illusionen Wir werden sie nie vergessen

Fiktive Interviews am Grabesrand

„Herzlich Willkommen zum festlichen Abschluss der dreitägigen Beerdigung der Illusionen. Staatsmänner und Staatsfrauen, Würdenträger und Würdenträgerinnen, Politiker und Politikerinnen, Bürger und Bürgerinnen, Freunde und Freundinnen – sie alle werden heute die Urnen in Mutter und Vater Erde hinablassen und so zur ewigen Ruhe betten. Ich begrüße zu diesem feierlichen Akt Persönlichkeiten und Persönlichkeitinnen, die sich in den letzten Jahren durch besonders hohe moralische Werte hervorgetan haben.“

DF.: „Sehr geehrter Herr Barroso, als EU-Kommissions-Präsident haben Sie die große Ehre die Urne  mit dem Inhalt 'Ehrlichkeit und Moral' zu Grabe zu tragen. Wie fühlen Sie sich dabei?“

MB.: „Ach wissen Sie, es war doch lange eine sehr anstrengende Angelegenheit, den Menschen und Menschinnen weiszumachen, dass wir uns in Brüssel diesen angeblichen Tugenden verpflichtet fühlen. Nachdem wir nun aber die entsprechenden Gesetze verabschiedet haben, um der Bevölkerung das letzte Hemd völlig legal auszuziehen, haben wir endlich freie Bahn und müssen uns nun auch nicht mehr nur im Entferntesten derart dilettantisch verstellen. Einstimmig wurde die Anhebung diverser Steuersätze und Abgaben beschlossen und weil wir hier so effektiv und harmonisch zusammengearbeitet haben, konnten wir die Steuersätze für EU-Beamte von zuletzt zwölf Prozent auf einen halben Prozentpunkt herabsetzen. Wir hätten die Steuer für uns auch ganz streichen können, aber das wäre moralisch nicht einwandfrei gewesen.  Zudem bin ich sehr glücklich, dass wir die Ehrlichkeit endgültig ad acta legen können – bedeutet hat sie uns nie etwas. Wobei ich hier sagen muss, dass dies natürlich nur für mich und meine Freunde gilt. Von der Bevölkerung ist unbedingte Ehrlichkeit und eine hohe Moral einzufordern, das kontrollieren wir streng und bestrafen die Nichteinhaltung gnadenlos. Die Menschen und Menschinnen können nicht selber denken und schon gar nicht für sich sorgen. Sie sind ohne uns absolut aufgeschmissen! Als Erziehungsberechtigte aller Bürger und Bürgerinnen wissen wir am besten, was gut für sie ist!“

DF.: „Soso, nun gut, oh, da kommt ja auch Herr Steinbrück. Lieber Herr Minister für Arbeit und Soziales, Sie versenken heute die Urne „Wohlstand“ – fällt Ihnen dies schwer?

PS.: „Nein, nein, gar nicht, unseren Wohlstand betrifft das ja nicht. Und den Menschen und Menschinnen haben wir erklärt, dass das Leben für sie viel einfacher wird, wenn sie alle weniger haben.  Mein Freund Francois und ich sind sehr stolz auf das, was wir geleistet haben. Wir haben den ganzen kleinen und mittleren Unternehmen den Garaus gemacht und dem ohnehin kaum noch vorhandenen Wettbewerb endgültig die Luft abgeschnürt. Jetzt ist alles viel übersichtlicher und die Gewinne fließen gerechterweise unseren Freunden aus Big Business und Politik zu.“

JT.: „Dem kann ich nur zustimmen. Endlich kassieren wir jeden ab, der sich nicht unseren Regeln beugt und das rechtlich vollkommen einwandfrei. Wir haben nach erstaunlich kurzer Gehirnwäsche der Menschen und Menschinnen die Deutungshoheit über Recht, Moral und Anstand erlangt. Wir haben auf die absolute Staatsmacht gesetzt und uns als den ehemaligen Antiautoritären hat man geglaubt, dass das, was wir da tun, dem Wohle der Bevölkerung dienlich ist.“

DF.: „Lieber Herr Trittin, als Finanzminister und zusammen mit Ihrem guten Freund Herrn Draghi tragen Sie heute die Urne „Vermögen“ zu Grabe.“

JT.: „Ja, es ist uns eine Ehre. Durch die Strafandrohung auf Schmoren in der Hölle beim Versuch der Steuerhinterziehung ist es uns gelungen, dass nur noch ganz Verzweifelte den Versuch wagen, auch nur 1,50 Euro ihres Eigentums zu unterschlagen.“

MD.: „Wir haben ein Gesetz erlassen, dass auf jeden nichtversteuerten Euro zehn Jahre Straflager stehen. Es ist Bürgerpflicht dafür zu sorgen, dass es uns mit dem Geld der anderen blendend geht. Wir sind höhere Wesen, wir sind die direkten Handlungsbeauftragten des Herrn. Das hat ja auch schon mein ehemaliger Kollege Mr. Blankfein festgestellt – wir tun Gottes Werk und das kostet nun einmal Geld!“

CR.: „Dem kann ich nur zustimmen. Als Außenministerin bin ich von meiner Tätigkeit absolut hingerissen. Sonst ist dies niemand – ich aber umso mehr. Ich bin schon immer verkannt worden aber seitdem ich Ministerin bin, stoppt mich niemand mehr. Endlich, endlich können wir die Deutschen und Deutschinnen vollständig an den moralischen Pranger stellen. Ich konnte dieses Volk noch nie leiden, es passt auch gar nicht zu mir. Vor allem dieses Gefasel von der Achtung vor Geleistetem ist mir extrem auf die Nerven gegangen. Man sieht doch an mir, dass es auch ohne anständige Ausbildung geht. Jetzt ist auch dem letzten intelligenten Menschen aufgegangen, dass Wissen, Fleiß und Anstrengung nur hinderlich sind. Im letzten Monat habe ich dafür gesorgt, dass jeder Deutsche und jede Deutschin verpflichtet ist, mindestens fünf mediterrane Nachbarn bei sich aufzunehmen, diese zu unterhalten, deren Sprache zu lernen, deren Gepflogenheiten zu verinnerlichen und der eigenen Nationalität endgültig eine Absage zu erteilen.“

DF.: „Frau Roth – Sie tragen ja auf eigenen Wunsch die Urne „Stolz und Achtung vor Geleistetem“ zu Grabe.“

CR.: „ Ja, sie passt am besten zu mir! Zum einen, weil ich noch nie wirklich etwas geleistet habe und zum anderen, weil den Deutschen und Deutschinnen in letzter Konsequenz vor Augen geführt wird, wie sich ihre Heimat in Luft auflöst. Schon mein guter Kollege Herr Trittin sagte vor einigen Jahren, dass Deutschland verschwindet und das sehr zu begrüßen sei. Wir sind jetzt auf dem besten Weg dahin – und das ist fabelhaft!“

DF.: „Was ist nicht verstehe – wie können die Menschen und Menschinnen vergessen, was sie alles auf die Beine gestellt haben. Wo ist denn deren Stolz?“

FH.: „ Mon ami, welcher Stolz? Wann hatten die Deutschen und Deutschinnen jemals Stolz, den wir nicht binnen kürzester Zeit zunichte gemacht hätten? Jeder Franzose, jeder Italiener, jeder Spanier wäre vor Entrüstung zu Recht an die Decke gegangen, wenn er permanent für Verfehlungen längst vergangener Zeiten zur Verantwortung gezogen worden wäre. Das konnten wir nur mit den Deutschen und Deutschinnen machen – die lassen sich alles bieten.  Wissen Sie, sogar die 75-Jahr-Feier des Automobilkonzerns Volkswagen wurde im letzten Jahr ausgelassen – den Deutschen und Deutschinnen ist der eigene Erfolg peinlich.

Mit der Adolf-Hitler-Keule kriegen Sie alles von den Deppen. Der eine oder die andere muckt manchmal noch auf und behauptet, er oder sie könne doch nichts dafür, was vor vielen Jahrzehnten passiert sei. Dummes Geschwätz, jeder Deutsche und jede Deutschin ist solange verantwortlich bis kein Geld mehr zu holen ist. Das ist doch nun wirklich nicht schwer zu verstehen.“

DF.: „Monsieur Hollande, Sie sind in diesem Jahr Europapräsident geworden. Herzlichen Glückwunsch!“

FH.:  „Merci! Das wurde auch Zeit – jetzt kann ich im Namen sozialer Gerechtigkeit „umverteilen“ und das ohne jede Einschränkung oder Kontrolle. Wir haben auch nur ganz winzige Problemchen – so ein paar unpatriotische Verräter sind ausgebüxt und leben jetzt unter anderem in Russland oder China. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es denen da gut geht – das sind doch so menschenverachtende Systeme!“

DF.: „Lieber Herr Hollande, als Europapräsident begraben Sie heute die besonders gewichtige Urne „Individualität, Vielfalt und Freiheit“.“

FH.: „Ja, endlich! Alles völlig überbewertet. Braucht niemand außer uns und unseren Freunden. Es gab bis zuletzt noch so ein paar Irre, die für diese Dinge eingetreten sind. Wir haben dafür gesorgt, dass sie stationär behandelt werden, die Armen. Das machen wir mit allen, die nicht begreifen wollen, was gut für sie ist. Mit der richtigen Medikation kriegen wir die schon wieder hin.“

DF.: „Liebe Hörer und Hörerrinnen, wir kommen nun zum Ende unserer Interviews – es ist alles gesagt. Wir wünschen Ihnen ein frohloses Leben in einer Gesellschaft der beerdigten Illusionen. Bleiben Sie politisch korrekt – alles andere wäre schlecht für Ihre Gesundheit. Auf Wiederhören!“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.

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