07. Juni 2013

Öko Die Welt von oben

Deutsche Landschaften verschandelt

Neulich wieder mal im Öffentlich-Rechtlichen: „Deutschland von oben“ in drei Lieferungen. Wann hat diese „von oben“-Masche eigentlich angefangen? Nach meiner Erinnerung vor zwanzig Jahren, als der „Fotograf und Umweltschützer“ (Wikipedia) Yann Arthus-Bertrand mit reichlich Unesco-Knete sein Projekt „Die Erde von oben“ begann. Seine spektakulären Luftaufnahmen, für die er Mutter Erde leider einen tiefen, hässlichen carbon print aufdrückte, gingen in Bildbände und in eine vielbesuchte Wanderausstellung ein. Welche deren Betrachter in der Tat baff machte. Später drehte er zusammen mit dem Filmemacher Luc Besson Dokumentarfilme derselben Machart.

Aber Arthus-Bertrand wollte natürlich von Anfang an mehr zeigen als nur tolle Bilder (ohne einen zünftigen Save-the-earth-Überbau hätte er die Unesco-Mittel wohl nie bekommen). Nämlich uns kleine, gemeine carbon printers mahnen, warnen, wachrütteln: „Wir leben in einer alles-entscheidenden Zeit. Wissenschaftler sagen uns, wir hätten nur zehn Jahre um unsere Lebensweise zu ändern, um das Aufzehren von Rohstoffen zu verhindern und um eine katastrophale Entwicklung des Weltklimas zu verhindern.“

Inzwischen sind die zehn Jahre um. Unsere Lebensweise hat sich nicht wirklich geändert, Rohstoffe gibt es dennoch in Fülle. Und das verstockte Weltklima hält sich auch nicht an das, was ihm Katastrophen-Szenarien zugedacht hatten. Eh bien. Wenn ein Meister wie Arthus-Bertrand derart gutes Bildmaterial abliefert, kann man getrost über sein angehängtes Alarmisten-Gedöns hinweghören.

Leider hat der Franzose eine Lawine von Filmen losgetreten, die alle irgendwie „von oben“ daherkommen. Das nervt allmählich.

Der Tier- und Landschafts-Fotograf Michael Poliza, begabter Autodidakt und (wie alle von oben-Filmer) ein Liebhaber schnittiger, wenn auch nicht gerade umweltfreundlicher Helikopter, legte mit der schönen Bilderserie „Afrika von oben“ nach. Dann setzte es Schlag auf Schlag: „Die Elbe von oben“, „Die Nordsee von oben“, „Die Ostsee von oben“ und so fort. Selbst die Alpen, die ja teilweise schon ziemlich oben liegen, kann man auf Fotos oder in Filmen nun von noch weiter oben betrachten. Bis zu „Kleinkleckersdorf von oben“ ist es auch nicht mehr weit. Man müsste aber einen Weiler finden, dessen Dächer noch nicht mit Solarpanels zugepflastert sind.

Möglich wurde die „von oben“-Filmschwemme unter anderem durch die Verkleinerung und Verbilligung hochwertiger Steadycams. Nötig ist sie mitnichten. Die meisten der Werke, die Arthus-Bertrands Arbeit abkupfern, sind nämlich sterbenslangweilig. Spannender ist ja allemal das, was auf der Erde passiert. Aber dazu braucht es mehr als Hubschrauber, Sponsorengelder und pflichtschuldigst aus dem Off gejaunerte Öko-Weisheiten.

Eine frische Idee vielleicht? Wie wäre es zum Beispiel, ihr lieben, unserer Umwelt und den Kindern verpflichteten Filmschaffenden, mit einem Streifen zum Thema „Deutschland von unten – wie uralte Kulturlandschaften durch Mais- und Raps-Anbau für Biogasanlagen und Biosprit-Raffinerien zerstört werden“? Landschaften, die noch dazu von den Rotoren der Windkraftindustrie flächendeckend verschandelt werden?

Titelvorschlag: „Deutschland am Bio-Arsch“.

Um diesen Titel zu belegen, müsst ihr nicht gleich permanent in die Luft gehen. Aber ein paar Aerial views würden das Elend noch anschaulicher machen. Wenn ihr denn mal was aus dem Heli drehen wollt.

Das funktioniert nicht? Für ein solches Projekt tun ARD und ZDF kein Geld raus?

Haben wir uns fast gedacht.

PS: Hätte ich einen kleinen Wunsch frei, dann diesen: Lasst mich bitte mit diesem ganzen öden, grün getünchten Welt-von-oben-Quark in Ruhe. Wenigstens so lange, bis ich mir die roten Radieschen von unten anschauen kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der "Achse des Guten".

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