13. Juni 2013

NSA-Datenschnüffelei Grüße aus Absurdistan

Kein Grund zur Sorge: Die Allmachtsphantasten werden scheitern

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Nun ist das eigentlich längst Bekannte also offiziell: US-Geheimdienste, darunter auch die NSA (National Security Agency), spionieren nicht nur US-Bürger in großem Umfang aus. Eine sensationelle Meldung? Nö. Denn dass Geheimdienste – selbstverständlich nicht nur amerikanische – sich aus naheliegenden, offensichtlichen Gründen (leichte Einsehbarkeit, freiwillige Bereitstellung privater Daten durch Millionen von Nutzern, ergo kostensparend) wahnsinnig gerne sozialer Netzwerke bedienen, sich auch bei Suchmaschinen einklinken und die Daten großer Internetkonzerne ausspionieren, um Datensammlungen anzulegen, ist beileibe keine Neuigkeit. Schon 2011 gab CIA-Vizepräsident Christopher Sartinsky folgendes zu Protokoll: „Nach Jahren der geheimen Überwachung der Öffentlichkeit sind wir erstaunt, dass so viele Menschen willens sind, zu offenbaren, wo sie wohnen, was ihre religiösen oder politischen Ansichten sind, dass sie alphabetische Listen ihrer Familie und Freunde anlegen, deren E-Mail-Adressen und Telefonnummern auflisten, sowie hunderte von Fotos von sich selbst dort einstellen würden, nebst Statusmeldungen darüber, was sie in jedem Moment machen. Für die CIA ist das ein Traum, der wahr geworden ist“, so Sartinsky zur Frage nach den Verbindungen zwischen Facebook und der Behörde. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der bei der CIA unter dem Codenamen „Overlord“ geführt wird, bekam für seine Verdienste sogar eine Auszeichnung von den fleißigen Regierungsumstürzlern, Putschisten und Drogenhändlern des US-Auslandsgeheimdienstes.

Ein gefundenes Fressen also für alle Datenschnüffler. Erstaunlich an Sartinskys bereits zwei Jahre zurückliegender Äußerung war lediglich, dass er offenherzig zugab, die Öffentlichkeit sei schon seit Jahren „geheimer Überwachung“ ausgesetzt. Die von „Whistleblower“ Edward Snowden enthüllten Aktivitäten sind also wie gesagt eigentlich nichts Neues. Microsoft-Gründer Bill Gates zum Beispiel gab in einem Interview einmal zu, von der NSA kontaktiert worden zu sein und mit dem Dienst auch zu kooperieren. Auch das ist wenig überraschend, denn Windows ist nach wie vor das meistgenutzte Betriebssystem der Welt – was natürlich versteckte Begehrlichkeiten weckt. Seitdem ranken sich Gerüchte darum, ob so manche sogenannte Sicherheitslücke in Windows nicht einfach eine bewusst implementierte „Backdoor“, also ein Hintertürchen ist, um Spionage betreiben zu können – nicht nur bei Privatpersonen, sondern vor allem Wirtschaftsspionage. Was kann es denn für einen Geheimdienst Schöneres geben, als über solche „Lücken“ relativ mühelos in fremde Rechner gelangen zu können – beispielsweise ausländischer Regierungen, konkurrierender Unternehmen und Konzerne und so weiter. Sofern sie denn Windows benutzen, was aufgrund der weltweiten Verbreitung und Dominanz des Systems aber meistens gegeben ist.

Dass Snowden nun aus seinem Heimatland flüchten musste, weil er illegale, höchst fragwürdige Aktivitäten seiner Regierung offenlegte, ist tragisch. Fast noch tragischer ist, dass manche gefährlichen Qualitätsdummköpfe auch hierzulande solche staatlichen Methoden auch noch als akzeptabel bezeichnen und damit – ausgerechnet als Deutsche – einem Totalitarismus das Wort reden, von dem man doch eigentlich gehofft hatte, er sei im Sediment der Geschichte versunken. Offensichtlich haben die schlimmen Erfahrungen des letzten Jahrhunderts noch nicht gereicht. Es sind die üblichen, mühelos zu widerlegenden, sinnfreien Argumente: Es gehe doch nur um „mehr Sicherheit“ für die Bürger, beispielsweise vor – man kriegt das große Gähnen – „Terrorismus“. Wobei natürlich (wie immer) artig verschwiegen wird, dass der Staat bei nicht wenigen dieser terroristischen Umtriebe die Finger selber im Spiel hat. Aber genau das ist ja der Clou: Um den Ruf nach mehr Kontrolle und Überwachung, nach immer mehr Befugnissen zum Eindringen in die Privatsphäre zu rechtfertigen, können sich Terroranschläge als durchaus nützlich erweisen. Einer der berühmtesten und berüchtigtsten Pläne dieser Art war (um nur ein historisches Beispiel zu geben) die vom Generalstab des Pentagon und der CIA in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte „Operation Northwoods“, mit deren Hilfe ein Krieg gegen Kuba gerechtfertigt werden sollte. Wie? Och, indem man zum Beispiel Anschläge auf die eigene Zivilbevölkerung durchführt. Bombenterror in Städten, gezielte Tötung von Zivilisten durch Regierungsagenten, die sich als kubanische Attentäter ausgeben und viele ähnlich charmante Einfälle mehr. Einer der Vorschläge sah sogar den Abschuss eines Verkehrsflugzeugs vor. An Bord sollten sich überwiegend junge Menschen, zum Beispiel Studenten, befinden – um für das nötige dramatische Blockbuster-Flair beziehungsweise eine größere emotionale Wirkung auf die Bevölkerung zu sorgen.

Nein, das ist kein geschmackloser Scherz und auch keine krude Theorie. Man schlug allen Ernstes vor, zur Legitimierung einer militärischen Intervention Bürger des eigenen Landes zu ermorden. Es geht doch nichts über einen Haufen maximalgestörter Intensiv-Straftäter und Psychopathen an den Schalthebeln militärischer und geheimdienstlicher Macht. Vielleicht lag es ja daran, dass nach Ende des Zweiten Weltkriegs über 1.500 Nazis, darunter auch SS- und Gestapo-Offiziere, einen neuen Arbeitsplatz unter anderem bei der – CIA fanden („Operation Paperclip“). Ob jeder einzelne von ihnen pünktlich zum Arbeitsbeginn beim neuen Brötchengeber seine Gesinnung vollständig ablegte? John F. Kennedy lehnte die „Operation Northwoods“ verständlicherweise ab – welch ein Glück, dass zu dieser Zeit hinter dem Schreibtisch im Oval Office ein empfindungsfähiges Wesen saß. In der Ära Bush und Obama kann man sich dessen ja leider nicht so sicher sein. Wer Dschihadisten mit Waffen versorgt und in fremde Länder schleust, um dort für Mord und Totschlag zu sorgen, der ist auch zu anderen Fisimatenten fähig. Ein anderes Beispiel für staatlich organisierten Terror wären natürlich die vom NATO-Geheimnetzwerk „Gladio“ verübten Anschläge, um den Ruf nach dem starken Staat zu befördern. Wer sich über dieses Thema informieren möchte, dem sei das hervorragend recherchierte Buch des Schweizer Historikers Dr. Daniele Ganser empfohlen („NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung“).

Da psychisch Labile, Irre und Kirre, politische Verrückte und Machtverzückte heute aber wieder Hochkonjunktur haben, leider auch im freien Westen, darf man sich nicht wundern, wenn die im Rahmen der Agenda der „Neuen Weltordnung“ (die laut den Worten eines ihrer größten Vorbeter, David Rockefeller, „bereits weit fortgeschritten“ sein soll) entwickelten, größenwahnsinnigen Ideen zur totalen Kontrolle der Massen nun dank risikobereiter Pfeifenbläser sukzessive auffliegen und der ganze Schweinkram für den überfälligen, dringend nötigen Widerstand der Öffentlichkeit sorgt. Denn ewig geheimhalten lässt sich sowas natürlich nicht. So formierten sich auch nach den jüngsten Enthüllungen wieder vermehrt amerikanische Bürgerrechtsgruppen, die völlig zu Recht lautstark fordern: Lasst uns in Ruhe! In der Tat. Es wäre übrigens nett, wenn auch die hiesigen nützlichen Idioten, die ständig nach mehr „Videoüberwachung“ und ähnlichem polizeistaatlichem Humbug schreien, sich einfach mal auf eine einsame Insel zurückzögen, um dort höchstens noch an sich selbst herumzuspielen. Oder über ihre Störung zu meditieren. Sie können auch gerne hierbleiben, aber nur unter der Bedingung, sich in die Zivilgesellschaft zu reintegrieren.

Professor Hans-Jürgen Bocker schrieb zum Thema Rundumüberwachung und Datenschnüffelei einmal einen sehr lesenswerten, gewohnt flott und amüsant geschriebenen vierteiligen Artikel auf goldseiten.de. Titel: „Supergeheime Welt ohne jede Kontrolle – Super-Gefährlich oder Ultra-Lächerlich?“ (siehe untenstehender Link). Bocker lässt keinen Zweifel daran, dass für ihn Letzteres der Fall ist. Recht hat er. Es ist nur noch lächerlich. Die Sehnsucht nach dem „perfekten System“ ist eine technokratische Illusion. So etwas gibt es nicht. Jedes System, so genial es auch immer konzipiert sein mag, kann umgangen, ausgetrickst, ausgehebelt werden. Kaum stellen imperiale Sicherheitsunternehmen im Regierungsauftrag eine neue – stark verbesserte! – Software zur Gesichtserkennung vor, schon veröffentlichen Rebellen im Internet, wie man sie verwirren kann, ätsch. Kaum gibt es Vorschläge, über Videokameras „verdächtiges“ Verhalten in den Bewegungen der Bürger (sic!) vollautomatisiert ans Wahrheitsministerium zu übermitteln, schon verrät ein gewitzter Zeitgenosse, wie man zum Beispiel durch unrhythmisches Gehen oder abrupt wechselnde Bewegungsabläufe dem Großen Bruder den Stinkefinger zeigt. Köstlichst.

Abschließend ein paar Worte an die Adresse der geschlossenen Anstalt für Allmachtsphantasten aller Art: Ihr könnt Euch auf den Kopf stellen und noch so viel schnüffeln, spionieren, überwachen, regulieren, kontrollieren, scheinomnipotent ejakulieren, die Freiheit strangulieren, Ihr könnt Euch von mir aus jeden Abend vor dem Spiegel mit Himbeermarmelade einreiben und Euch für ganz große Hechte im Weltenteich halten: Ihr werdet scheitern. Eure Agenda ist noch nicht mal richtig umgesetzt, wackelt aber jetzt schon wie Götterspeise auf einem Vibrator. Ihr seid für mich tragische Gestalten, Relikte einer längst vergangenen Zeit, Ihr hängt einem nie realisierbaren Ideal von gesellschaftlicher Strukturier- und Organisierbarkeit an, einem technokratisch-sozialkybernetischen Hirngespinst. Legt euren geliebten Plato oder Ruskin doch endlich mal beiseite und lasst ein paar Freiheitsfunken durchs Oberstübchen zucken. Ihr könntet euch plötzlich eigentümlich frei fühlen.

Link

Hans J. Bocker, „Supergeheime Welt ohne jede Kontrolle – Super-Gefährlich oder Ultra-Lächerlich?“


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