18. Juni 2013

Veranstaltungsbericht Orania und der friedliche Weg der Selbstbestimmung der Buren

Rian Genis im Modelhof

Am Abend des 10. Mai 2013 öffnete der Modelhof in Müllheim im Schweizer Kanton Thurgau erneut seine Pforten für den allmonatlichen Vortrag im Rahmen der institutseigenen Akademie. Referent war Rian Genis, seines Zeichens Anwalt in Pretoria, Süfafrika, der frei und in hervorragendem Deutsch sprach. Sein Thema war die heutige Situation der Buren in Südafrika und die Orania-Bewegung, eine Initiative der dort ansässigen Afrikaner (Buren) zur Gründung einer eigenständigen, privat besessenen Gemeinde.

Nach der Begrüßung durch den Hausherren Dr. Daniel Model begann Genis seinen Vortrag mit einem kurzen Überblick über die bewegte Geschichte des Burenvolkes, welches seine Ursprünge auf Siedler hauptsächlich niederländischer, hugenottischer und deutscher Abkunft im Umfeld der Niederländischen Ostindischen Handelskompanie am Kap der Guten Hoffnung zurückführt. Die knapp 50 Zuhörer (darunter auch ein gutes Dutzend Delegierter der Orania-Gemeinde) erfuhren von den widrigen Umständen, denen diese seit den Anfängen im 16. und 17. Jahrhundert ausgesetzt gewesen seien. Von den Magistraten der Kapbehörde vertrieben, begannen sie ihren Zug nach Osten ins Landesinnere, wobei Hunger, Krankheiten und häufige Verteidigungskriege gegen Zulu- und Matabelestämme ungeliebte Begleiter der Buren in jenen Tage gewesen seien. Zu den glücklicheren Fügungen hätten allerdings auch fruchtbare Allianzen mit anderen schwarzen Stämmen gezählt, mit denen man den Kampf gegen die kriegerischen Barbaren gemeinsam aufnehmen und Handelsbeziehungen hat unterhalten können. So hätten sich die Buren allmählich durch Kauf, Tauschhandel und den Austausch von Gefälligkeiten mehr und mehr Land für den Ackerbau erwerben können. „Der Bure nimmt nicht, er klaut nicht, der Bure kauft“, unterstrich Genis diesen wesentlichen Aspekt der Mentalität seines Volkes.

Mit Beginn des britischen Protektorats am Kap hätten sich die Probleme für die Buren dann verdichtet. Das Streben nach einer selbstbestimmten Existenz als eigenständiges Volk sei mit einer Vielzahl von durchaus handfesten Mitteln durch die neuen Herren in Südafrika bekämpft worden. So hätten die britischen Truppen die neugegründeten Burenstaaten Transvaal, Oranje-Vrystaat und Natalia annektiert, was zu den Burenkriegen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts führte. An deren Ende, so Genis, hätte schließlich die Internierung und Ermordung von geschätzt 26.000 Buren und etwa 14.000 Schwarzen in Konzentrationslagern gestanden. Nach der Kriegsniederlage zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte es um die Sache der Buren denkbar schlecht gestanden. In der als britischer Kolonie neugegründeten Südafrikanischen Union seien deren Sprache und Kultur durch Segregationspraktiken systematisch unterdrückt worden, um eine rasche Anglisierung des Minderheitenvolkes herbeizuführen. Dennoch hätten die Buren es schließlich geschafft, Afrikaans als offizielle Amtssprache anerkennen zu lassen und sich erneut eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Dies sei aber ohne einen lebendigen Willen auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung vonstatten gegangen, da die Buren während des 20. Jahrhunderts als Minderheit innerhalb des südafrikanischen Staatengebildes über das ganze Land verstreut gelebt hätten und somit keinen echten inneren Zusammenhalt hätten ausbilden können.

Die heutige Situation der Buren innerhalb Südafrikas sei nach einem flüchtigen Moment von Euphorie und Aufbruchsstimmung nach den politischen Reformen und dem Ende der Apartheid im Jahre 1994 alarmierender denn je. Unter der Ägide des African National Congress (ANC) würden durch eine Vielzahl von offiziell abgesegneten Diskriminierungsmaßnahmen weiße Buren in ihrer kulturellen Identität bedroht. So würden Straßen- und Ortsnamen, die nach ebensolchen benannt sind, per Dekret geändert, afrikaanssprachige Schulen im Zuge einer amtlichen Salamitaktik zunächst in zweisprachige und dann in einsprachig-englische umgewandelt. Die Auslöschung der Afrikaneruniversitäten sei bereits so gut wie abgeschlossen. Es stünde weiterhin zu befürchten, dass im Zuge des „Black Economic Empowerment“ den Buren der Zugang zu bestimmten Berufen und Hochschulstudien in der Zukunft noch weiter erschwert oder sogar vielerorts ganz verunmöglicht werde. Schlimmer noch aber sei das immens hohe Risiko, als Burenfarmer nächtlichen Überfällen mit Folter und Ermordung zum Opfer zu fallen. So sei die Mordrate unter diesen mit knapp 313 Opfern pro 100.000 sogar weitaus höher als im kriminalitätsverseuchten Detroit oder New Orleans (respektive 48,2 und 57,6 Opfer pro 100.000 Einwohner). Zum Vergleich führte Rian Genis zusätzlich Europa an, wo sich der Durchschnitt bei lediglich zwei Opfern pro 100.000 Einwohnern bewege. In Verbindung mit der offenen Feindseligkeit, mit der Journalisten und Politiker den Buren begegneten und der gängigen Praxis, diese zu einem bequemen Sündenbock für das vergangene und gegenwärtige Übel der Nation zu stilisieren, könne man hier bereits von einer Art Vorbereitungsstadium zu einem Völkermord sprechen – eine Einschätzung, die auch durch die von Prof. Gregory Stanton ins Leben gerufene Initiative Genocide Watch untermauert wird. Deren aus acht Stufen bestehender Frühwarnindex fluktuiert für die Buren Südafrikas seit knapp einem Jahrzehnt zwischen den Niveaus fünf (Polarisiation) und sechs (Vorbereitung). „Die Buren leben heute in einem feindlichen Land“, so Genis über seine Heimat Südafrika.

Diese besorgniserregende Lebensrealität und der allgemeine Verfall der Institutionen des südafrikanischen Staates in den vergangenen Jahrzehnten hätten daher die Buren dazu  in jüngerer Zeit wieder dazu bewogen, nach einem Ausweg zu suchen, bei dem sie ihr Überleben als eigenständiges, selbstbestimmtes Volk wie auch ihre ökonomischen Grundlagen sicherstellen könnten. Die demographische Lage ist hierbei eines der größten Hindernisse: von den nunmehr dreieinhalb Millionen Buren leben bereits über 800.000 in der Diaspora in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland oder Europa – vielfach seien diese bewusst vor den politischen Verhältnissen in ihrer südafrikanischen Heimat geflohen.

Die Gründung von Orania im Jahre 1991, einer als privat besessener Aktiengesellschaft verfassten Gemeinde, sei daher ein wichtiger Schritt, um als Leuchtturm- wie auch Magnetprojekt den weit verstreut lebenden Buren vor Augen zu führen, dass die eigene Identität als Bure gelebt werden kann. Für eineinhalb Millionen Rand wurde der südafrikanischen Regierung damals  ein 500 Hektar großes Gelände abgekauft, das durch konsequente Zukäufe auf 8.000 Hektar angewachsen sei und heute einen Wert von rund 500 Millionen Rand darstellte. Wirtschaftliche Grundlage der Gemeinde seien die Landwirtschaft  und der Tourismus; Zuschüsse aus Steuermitteln der südafrikanischen Regierung existierten nicht – lediglich Spenden von Sympathisanten im In- und Ausland würden über die Arbeitsleistung der dortigen Bewohner hinaus Mittel zur Fortentwicklung des Projektes liefern. Bewusst weitab der großen städtischen Zentren gegründet, beherberge die Siedlung heute knapp eintausend Einwohner und könne prinzipiell dank ihrer Lage direkt am Oranje-Fluss die Lebensgrundlagen für 20.000 bis 30.000  Personen bereitstellen. Ein eigenes Bankwesen sei ebenso im Aufbau begriffen wie ein Sicherheitskonzept und eine ärztliche Grundversorgung. Man habe auch eine eigene Währung, genannt Ora, eingeführt, die derzeit allerdings noch insofern Fiatgeld ist, als der Ora nur durch den südafrikanischen Rand im Austauschkurs eins zu eins „gedeckt“ sei.

Oberstes Ziel der Gemeinschaft sei die Wiederherstellung der Einheit der Buren. Genis betonte, dass die Verwirklichung der Selbstbestimmung nur auf evolutionärem Wege in friedlicher Art und Weise erreicht werden könne. Krieg und Aufstand als Weg der gewaltsamen Loslösung vom Rest Südafrikas seien kein gangbarer Weg. Orania sei auch kein sich von der Außenwelt abschottendes Kloster, sondern wolle Teil von Südafrika sein und anderen Gemeinschaften als Vorbild dienen. So wurden bereits Abordnungen schwarzer Stämme empfangen, die sich vor Ort über die Möglichkeiten zur Organisation eigenständiger Gemeinschaften informiert und in einzelnen Fällen sogar schon Kooperationsverträge mit Orania abgeschlossen hätten. Weitere zukünftige Zusammenarbeiten mit Gleichgesinnten lägen daher durchaus im Bereich des Möglichen.

In der sich anschließenden Diskussionsrunde beantwortete Rian Genis Fragen der interessierten Zuhörerschaft. Ein Zuhörer äußerte die Befürchtung, dass die bewusste Entscheidung für einen friedlichen Weg zur Selbstbestimmung den Buren in Zukunft schlicht aus der Hand genommen werden könnte. Wenn der gegenwärtige Verfall des südafrikanischen Staatswesens sich weiter fortsetze, könnte die Zentralregierung einfach Fakten in Form von Enteignungsbeschlüssen oder noch Schlimmerem schaffen. Hierauf entgegnete Genis, dass man sich dieses Szenarios durchaus bewusst sei und in Anbetracht der Geschichte der Buren und des heutigen politischen Trends diese Möglichkeit nicht ignorieren dürfe. Allerdings könne man im Fall der Fälle immer versuchen, alle Rechtsmittel auszuschöpfen, zur Not auch vor internationalen Gerichten. Gewaltsame Konflikte müssten in Anbetracht des Leides, das diese mit sich brächten, vermieden werden.

Interesse weckte bei einem anderen Hörer die Frage nach der Rechtsprechung in Orania. Diese, so Genis, könne momentan lediglich Konflikte zwischen einzelnen Individuen im Schiedsverfahren bei Streitwerten bis 12.000 Rand regeln. Für alles Weitergehende müsse man noch auf die staatliche Rechtsprechung zurückgreifen.

Bei der Frage nach dem Status der medizinischen Grundversorgung war zu hören, dass sich diese momentan noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinde. Eine einfache Klinik existiere, diese müsse allerdings weiter ausgebaut werden. Mehr Ärzte müssten sich nach Möglichkeit in Zukunft in Orania niederlassen.

Auch zu institutionell-administrativen Aspekten stand Rian Genis Rede und Antwort. So habe Orania eine Verfassung in Form eines knapp gehaltenen Grundgesetzes, welches bei der derzeitigen Größe der Gemeinschaft völlig ausreichend sei. Inwieweit dieses bei weiterem Wachstum der Bevölkerung ausgearbeitet werden müsste, sei derzeit nicht absehbar; die meisten bestehenden Regeln bestünden aufgrund allgemein akzeptierter Übereinkunft und bedürften momentan keiner schriftlichen Fixierung. Bürger von Orania könne grundsätzlich jeder werden, der die Werte der Burengemeinschaft (die sich auf das Christentum beruft und dieses als auch integralen Bestandteil ihres Lebens pflegt) teilt und diese leben wolle. Der Erwerb von Land innerhalb der Gemeinde könne dabei nur durch den Kauf von Aktienanteilen geschehen; diese müssten im Falle eines Wegzuges wieder veräußert werden. (insbesondere sei so auch eine territoriale Sezession einzelner von Orania nicht möglich). Stimmberechtigt und als Magistrat wählbar sei jeder Miteigentümer von Orania. Dabei sei die Position eines solchen Stadtrates nicht bezahlt und zeitlich begrenzt. Politische Parteien existierten in Orania nicht.

Zum Abschluss des offiziellen Teils des Abends überreichte der ebenfalls angereiste Präsident Oranias, Carel Boshoff, ein Präsent in Form einiger gerahmten Silbermünzen mit dem Konterfei des südafrikanischen Staatsgründers Paul Krüger (der zufälligerweise seinen letzten Lebensabschnitt in der Schweiz verbrachte) an den Gastgeber des Abends, Dr. Model, und brachte seine Wertschätzung und die besten Wünsche für das Projekt des Modelhofes zum Ausdruck, welcher in seiner Grundausrichtung Orania nicht unähnlich sei.

Insgesamt kann bei Orania von einem hochinteressanten und inspirierenden Modell gesprochen werden, welches einerseits für die Zukunft der Buren nicht nur in Südafrika, sondern womöglich auch als Modellbeispiel für den Rest der Welt hoffen lässt. Andererseits sollten die hinlänglich bekannten Methoden zur Aufrechterhaltung territorialer Monopolansprüche nicht außer Acht gelassen werden - insbesondere falls sich Orania als langfristiges Erfolgsmodell abzeichnen und damit automatisch in direkte Konkurrenz zum herkömmlichen, nahezu ubiquitären Gesellschaftsmodell der Moderne treten sollte. Für erfolgreiche Minderheiten ist es bekanntermaßen äußerst gefährlich, aus der Menge herauszuragen.

Links

Internetauftritt des Modelhofes in Müllheim, Thurgau (CH)

Internetauftritt der privatrechtlich organisierten Gemeinde Orania in Südafrika

Internetauftritt von Prof. Gregory Stantons Völkermord-Frühwarninitiative Genocide Watch


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Gerhard Fellinger

Autor

Gerhard Fellinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige