18. Juli 2013

Frage Darf man sich auf einen Crash freuen?

Gegenfrage: Kann es denn ewig so weitergehen?

Die Drehorgelspieler im Zirkus Europoly leiern weiter ihr währungspolitisches Zermürbungsliedchen: Komm, bleib‘ doch geistig steh‘n, 's bringt nix, du wirst es seh'n, komm, lass das Denken sein, zahl' einfach weiter ein, dumdideldum-dum. Hier nochmal ein neusprachliches „Rettungspaket“ aufschnüren und mehr Falschgeld hineinstopfen, dort nochmal nach Athen fliegen, um sinn- und ergebnislose Gespräche über fruchtlose „Rettungsmaßnahmen“ zu führen. Echte Lösungen stehen dabei natürlich nicht zu erwarten, sondern wieder nur Aufschub- und Hinhaltetaktiken beziehungsweise Insolvenzverschleppung, für die Ottonormalunternehmer es schnell mit derselben Staatsgewalt zu tun bekäme, die ihn Schulter an Schulter mit hochfinanziellen Hotzenplötzen durch asoziales Raubrittertum immer näher an den Rand des Bankrotts und Nervenzusammenbruchs bringt.

Während Griechenland endgültig auf den Status bananenrepublikanischer Dritte-Welt-Länder zurückzufallen droht, platzen woanders schon wieder notdürftig zusammengeleimte Nähte. Portugal tauchte mal wieder kurz in den Negativschlagzeilen auf, um ein gurgelndes „Hilfe!“ zu röcheln, die Troika im Dienste der Mafia flötet dazu mit Unschuldsmiene Blümchens „Gib'  mir noch Zeit“ und schreibt fleißig weiter am europornographisch-dystopischen Fortsetzungsroman „Twilight – Bis(s) zum Währungscrash“, Italiens Banken haben jetzt wohl doch wieder mehr Finanzbedarf als ursprünglich falschgedacht und -bilanziert, die Sauce Hollandaise scheint selber nicht mehr an den eigenen Geschmack zu glauben und wirft nur noch fade planwirtschaftliche und fiskalsozialistische Sprechblasen, und ach ja, was ist eigentlich mit Spanien? Heißt das jetzt nicht Snowden?

EU- und Euro-Ptolemäiker, ganz dem eurozentrischen Weltbild und dem politisch monsterzentralistischen Diesseits verhaftet, können sich ein Leben nach dem Falschgeldtod oder staatsjenseitige oder zumindest etwas staatsfreiere Alternativen gesellschaftlichen Organisierens und Handelns nunmal nicht vorstellen. Sie werden sich auch weiterhin zwischen Krisengipfeln aufreiben, bis man sie mit einem Handstaubsauger entsorgen kann; sie werden auch weiterhin falsche Lösungen wie Bankenunion, ESM-Aufstockungen, mehr Kompetenzen auf der EUkommauchdugreifzu-Ebene und ähnlichen politischen Nonsens predigen, bis ihnen niemand mehr zuhört. Sachbuch-Autor Michael Grandt soll vor kurzem auf einer Veranstaltung zum Thema Dauerkrise gesagt haben: „Ich freue mich auf den Crash.“ Damit steht er sicher nicht alleine. Sind solche Äußerungen leichtfertig oder verantwortungslos? Sprechen sie von „Untergangssehnsüchten“, wie sie einst Frank Schäffler von einem Artikel der „Welt“ bescheinigt wurden?

Ich glaube nicht, dass Herr Grandt damit seiner Freude über einem Crash zweifellos folgende soziale Donnerschläge Ausdruck verleihen wollte, wie es ihm erwartungsgemäß von Realitätsleugnern und Schönlügnern vorgeworfen wurde. Jedem, der seine Arbeit kennt, dürfte viel plausibler erscheinen, dass er für die derzeitige geistige Verfahrenheit und Unfruchtbarkeit seitens der Euro-Politik, die bornierte Uneinsichtigkeit und beinahe schon kriminelle Verbohrtheit der Eliten wahrscheinlich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als einen „kathartischen“ wirtschaftlichen Monsun, der den ganzen unerträglichen Selbsttäuschungs- und Lügendreck fortspült, das quälende Hinauszögern des mittlerweile leider Unvermeidlichen endlich beendet. Unvermeidlich meint nicht „Weltuntergang“ – keine Sorge, die Welt wird sich auch weiter drehen, so wie sie sich nach WWII und Hyperinflation weiterdrehte. Es geht nicht um apokalyptische Phantasien, sondern das längst überfällige Eingeständnis des Scheiterns nicht nur der Einheitswährung Euro, sondern des Geldsozialismus, kurz Falschgeldsystem.

Man sollte dabei auch nicht vergessen, dass Menschen eine psychische Belastungsgrenze haben, die durch die endlosen, immergleichen Negativschlagzeilen schon stark genug beansprucht wurde. Wer zum gefühlt sechshunderttausendsten Male beim Lesen der Frühstückszeitung mit Schlagzeilen von schon wieder total „überraschten Experten“ konfrontiert wird, obwohl die Folgen der Rettungspolitik selbst für Fachfremde deutlich lesbar an der Wand stehen, mit der zweimillionsten schlechten Nachricht über den stetigen Niedergang Griechenlands, mit immer neuen Horrormeldungen über die Arbeitslosigkeit in Spanien oder EU-Ländern, die nun doch wieder mehr Kröten benötigen als dem getäuschten Volk vorher mit gekreuzten Fingern versprochen, der schaltet irgendwann ganz einfach ab – völlig zu Recht. Niemand kann das autistische Auf-der-Stelle-treten auf Dauer ertragen, das Gefühl, geistig eingemauert zu werden und in einer Flut aus fatalen Déjà-vu-Erlebnissen zu ertrinken. Dermaßen große Unsicherheiten können – und werden definitiv – kein Dauerzustand sein. Bleibt zu hoffen, dass die unerträglichen Spannungen, die – bedenklich genug – immer lauter nach der großen Entladung, dem großen Knall zu schreien scheinen, nicht zu einer ähnlichen Katastrophe führen werden wie anno dazumal.


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