23. Juli 2013

Raymond Chandler Ein harter Junge, hoffnungslos sentimental

Zum 125. Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers

Raymond Chandler ist einer der größten US-Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein literarisches Geschöpf, der Privatdetektiv Philip Marlowe, ist ein harter Junge: trinkfest, männlich, ein Frauentyp. Doch er ist auch Melancholiker und Moralist. Sein geistiger Vater, der am 23. Juli 1888 in Chicago, Illinois, geboren wurde, war ebenfalls melancholisch und moralisch, wenn nicht sogar puritanisch geprägt. Doch er war auch ganz anders als Marlowe, nämlich scheu, gehemmt, unglücklich. Es ist müßig, den alten Streit über E- und U-Literatur erneut auszufechten. Chandler war ein Kriminalschriftsteller, doch letztlich auch ein verdammt guter Romancier.

Nicht ohne Grund hat der ostdeutsche Autor Clemens Meyer Chandlers 1953 erschienenen Roman „Der lange Abschied“ als das Buch seines Lebens bezeichnet. Marlowe sei ihm in vielen Jahren ein Vorbild gewesen: „Whiskey trinkend, Schach spielend, der letzte Romantiker, der in der Liebe und im Leben immer wieder enttäuscht wird, aber nie aufgibt“.

Am Ende seines Lebens, nachdem seine geliebte, wesentlich ältere Frau Cissy gestorben war, hat er versucht, sich zu Tode zu schießen und zu saufen. Als er am 26. März 1959 im kalifornischen La Jolla starb, starb einer der wichtigsten Begründer der amerikanischen „hardboiled novels“. Dashiell Hammett und Raymond Chandler wurden fortan viel kopiert, doch fast nie erreicht.

Chandlers Leben war voller Brüche und verlief nicht linear. Personalberater und Firmenchefs würden seinen Lebenslauf heute wohl sofort zur Seite legen. Zum Schriftsteller wurde er aus purer Not, um sich und seine Frau finanziell über Wasser zu halten. Als er seine lukrative Stelle als Manager in der Ölindustrie verlor, sattelte er um. Zunächst schrieb er Kriminalgeschichten für Groschenhefte, so genannte „pulps“. So lernte er das literarische Handwerk. Die Basis für seine großen Romane „Der tiefe Schlaf“, „Lebewohl, mein Liebling“ oder sein unübertroffenes Meisterwerk „Der lange Abschied“ war gelegt. Seine früheren Geschichten sollte Chandler später immer wieder für seine Romane ausschlachten.

Marlowe hat das Zeug zum Sieger, doch wegen seiner moralischen Grundsätze passt er sich nicht an und steigt gesellschaftlich nicht auf. Er bleibt ein Einzelgänger, ein Verlierer, der immer wieder aufsteht und dem deshalb nicht nur die Herzen der Frauen, meist langbeinige Blondinen, zufliegen, sonder auch die Herzen der Leser. In Chandlers Fantasie sah Marlowe aus wie Cary Grant. Doch im Film sollten Humphrey Bogart, James Garner, Robert Mitchum und Elliot Gould dem „private eye“ ihr Gesicht geben.

Mag sein, dass  es uns heute bei der Lektüre Chandlers so geht wie beim Lesen der Prosa Ernest Hemingways. Das Pathos, die (übertriebene) Männlichkeit, die Romantik: das wirkt aus heutiger Sicht alles etwas übertrieben. Doch angesichts der Ödnis der immergleichen „Schwedenkrimis“ sollten wir den letzten Romantiker unter den harten Jungs in Ehren halten. Welch Glück für den, der noch nichts von Chandler gelesen hat. Bei Diogenes steht ihm eine famose Werkauswahl zur Verfügung. Außerdem war Chandler ein großer Briefschreiber und hat mit „Die simple Kunst des Mordes“ eines der schönsten Bücher über das Schreiben verfasst.

Wer mehr über das äußerlich unspektakuläre, aber an inneren Kämpfen reiche Leben des treu verheirateten, Pfeife rauchenden Katzenliebhabers und Trägers von Tweed Sakkos erfahren will, sollte zu Frank MacShanes Biographie des Meisters greifen. Wie schön, dass sich Chandler nie um „irgendeinen Kokolores von ‚gesellschaftlicher Signifikanz’“ gekümmert hat. Aus diesem Grund – und natürlich wegen dieser wunderbaren, bildhaften, witzigen und zugleich literarischen Sprache – sind seine Bücher zeitlos. Wir streifen weiterhin gern Seit’ an Seit’ mit Marlowe durch die Straßen, Spelunken und Spielhöllen im Los Angeles der 30er Jahre.

Von der literarischen Tradition Europas herkommend, war Chandler ein „Prophet des modernen Amerika“, so sein Biograph MacShane, der sein zerquältes und einsames Leben beschrieben hat. Er hat Kunst geschaffen, die das Grab überdauert hat.


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