05. August 2013

Doping Wettrüsten der Staatssportsysteme

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Spätestens als die Bremer Siebenkämpferin Birgit Dressel im April 1987 plötzlich und unerwartet starb, wusste die ganze Welt Bescheid. Dressel, am Tag ihres Todes 26 Jahre alt, war gedopt gewesen, über Jahre, systematisch. Ihre Dopingpläne hatten Sportmediziner geschrieben – anders ging es wohl nicht, wenn die viermalige deutsche Meisterin international mithalten wollte.

Birgit Dressel starb an multiplem Organversagen, ihr Tod aber war ein individueller Fall. Während der staatssozialistische Sport auf der anderen Seite der Mauer das Wettrüstens der großen Sportnationen mit Geheimplänen zum staatlich organisierten Doping anfeuert, steht der Sport im Westen wenigstens der Legende nach immer noch sauber da. Es sind viele, die auffliegen, aber es sind Einzelfälle. Und im Fußball, da sind sich die Sender, die die Übertragungsrechte gekauft haben, mit allen Experten, die vom Fußball leben einig, gibt es das gar nicht. Es würde nichts bringen!

Leitmedien rühren den Quark gern breit, nicht stark – im Fall der Tour de France, einem Weltgipfeltreffen der Chemiebranche, sogar noch, als das Publikum sich längst restlos darüber im Klaren ist, dass hier nicht Ulrich gegen Armstrong, sondern Epo gegen Eigenblut trampelt.

Umso größer ist der geheuchelte Schock nun, nachdem die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) aus einer Studie der Humboldt-Universität zitiert, nach der es auch in der alten Bundesrepublik ein staatlich gestütztes und finanziertes Dopingkonzept für Spitzensportler gab.

Ist das noch unsere gute alte unschuldige BRD? Das Land, in dem Weltmeister aus Talent und hartem Training gemacht wurden? Das Land, in dem Steffi Graf und Boris Becker die hochgespritzten Navratilovas und Lendls dieser Welt mit purer Willenskraft niederschmetterten? Das Land, in dem Fußball-Nationalmannschaften mit Trainingsfleiß und technischem Geschick selbst Extremtemperaturen trotzten und siegreich blieben? Der „etwa 800 Seiten dicke Bericht“ (SZ), der der „Süddeutschen“ vorliegt, dessen Seitenzahl aber offenbar nicht exakt zu ermitteln war, führe detailliert auf, „in welchem Umfang und mit welcher Systematik zu Zeiten des Kalten Krieges auch in Westdeutschland Doping und Dopingforschung betrieben wurden“. Demnach habe der Staat über Jahrzehnte aus Steuermitteln Versuche mit leistungsfördernden Substanzen wie Anabolika, Testosteron, Östrogen oder dem Blutdopingmittel Epo finanziert - und das nicht „als Reaktion auf das Staatsdoping in der DDR, sondern parallel dazu.“

Wer hat dazu geraten? Sozialdemokraten! Mit dem ersten SPD-Kanzler Willy Brandt entstand das Bundesinstitut für Sportwissenschaft zusammen, das bis heute dem Bundesinnenministerium untersteht und dafür sorgt, dass sportmedizinische Standorte in Freiburg, wo Birgit Dressel betreut wurde, und Köln und Saarbrücken ausreichend finanziert waren. Vordergründig sei es, so schreibt die SZ, meist um den Nachweis gegangen, dass bestimmte Stoffe gar nicht leistungsfördernd seien. „Stellte sich dann aber heraus, dass das Gegenteil zutrifft, kamen Präparate rasch zur Anwendung.“

Dass es Dopingmissbrauch auch im Westen gegeben haben muss und das massenhaft, dafür sprechen allein die Ergebnisse deutscher Sportler bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 1988 holten deutsche Sportler 142 Olympia-Medaillen. Doch je mehr der Kampf gegen Doping in Deutschland verschärft wurde, desto drastischer brachen die Leistungen der Spitzenathleten ein. 1992 langte es noch zu 82 olympischen Medaillen, 1996 waren noch 65 drin, 2000 sank die Zahl auf 56 und 2004 holte das vereinige Deutschland schließlich gerademal noch soviel Edelmetall wie die – staatlich geförderten Dopings angeblich unverdächtige – alte Bundesrepublik 16 Jahre vorher noch hatte allein einheimsen können. Was hatte sich geändert? Läge es nur am Zusammenbruch des DDR-Sportsystems, müsste doch die alte BRD regelmäßig wenigstens Medaillen in der Größenordnung wie 1988 gewinnen? Was sie nicht annähernd tut.

Ein Träumer, wer da an Zufall denkt,  und ein Heuchler, wer da noch eine Studie benötigt, um an Doping auf beiden Seiten zu glauben. Inzwischen sind Medaillen nur noch drin, wo es um Finessen geht, um deutsche Tugenden wie Gleichschritt, Tierliebe und modernes Material. Minderjährigen-Doping, aufgeputschte Fußballer, Epo-Experimente und alles unter der Aufsicht der Politik, die mit dem Dopingsystem genauso umging wie mit dem eigenen Wissen um Überwachungspraktiken befreundeter Staaten: Schweig fein still und keiner merkt etwas.

Der Bericht, aus dem die SZ zitiert, ist seit April 2013 fertig. Veröffentlicht wurde er bisher nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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