05. August 2013

Ägypten und die Türkei Das fundamentalistische Dilemma

Demographie, Ökonomie und der politische Islam

Fundamentalisten haben in der Regel das Ideal einer vollkommenen religiösen Ordnung, die, wenn sie einmal hergestellt ist, sich nicht mehr verändern soll. Die Gesellschaft soll dann so bleiben, wie sie ist, weil sie so eben von Gott gewollt ist. Fundamentalistische Gesellschaften werden oft mit hohen Geburtenraten assoziiert. Hohes Bevölkerungswachstum wird von diesen oft gepriesen, aber im Grunde ist es für sie eine Bürde und kein Vorteil. Hohe Geburtenraten stellen islamistische Regierungen nämlich vor ein Dilemma. Wenn die Wirtschaft stagniert und gleichzeitig die Bevölkerung wächst, dann sinkt das Pro-Kopf-Einkommen und die Gesellschaft wird früher oder später von Verteilungskämpfen und sozialen Unruhen erschüttert. Das bedeutet das Ende der stabilen gesellschaftlichen Ordnung, wie sie den Fundamentalisten vorschwebt. Oder sie setzen auf wirtschaftliches Wachstum, um all die zusätzlichen hungrigen Mäuler zu stopfen. Wachstum führt aber auch dazu, dass die Gesellschaft sich wandelt und nicht mehr dem Idealbild einer stabilen religiös festgeschriebenen gesellschaftlichen Ordnung entspricht.

Das ist das Dilemma, vor dem im Grunde sowohl Ägypten als auch die Türkei stehen. Sowohl Ägypten als auch die Türkei haben bei Wahlen islamisch-fundamentalistische Bewegungen an die Macht gebracht. Sowohl Ägypten als auch die Türkei verfügen anders als andere muslimische Länder nicht über genug Öl und Rohstoffe, mit denen sie ihre Importe bezahlen können. Sie brauchen den Anschluss an die Weltwirtschaft, um ihre schnell wachsende Bevölkerung ernähren zu können. Beide Länder haben in den vergangenen Jahrzehnten eine hohe Geburtenrate gehabt und sie erwartet noch ein erhebliches Bevölkerungswachstum. In beiden Ländern ist die islamische Bewegung vor allem als Oppositionsbewegung groß geworden. In der Opposition genügten die Kritik an den Defiziten des säkularen Regimes und der Hinweis darauf, der Islam sei die Lösung. Wenn diese Bewegungen an der Regierung sind, wird der Bevölkerung sehr schnell deutlich, dass Religion nicht satt macht. Vom Glauben allein kann und will die große Mehrheit der Bevölkerung nicht leben.

Der Iran hat diese Erfahrung in dem Jahrzehnt nach der Islamischen Revolution von 1979 schon gemacht. Nach dem sie an der Regierung waren, propagierten die Mullahs zuerst hohes Bevölkerungswachstum und betrieben die Verstaatlichung der Industrie. Bald wurde ihnen jedoch klar, welches Risiko sie damit eingingen. Bevölkerungswachstum ohne Wirtschaftswachstum legt die Lunte an die Stabilität jedes Regimes. Revolutionen werden von jungen Leuten losgetreten. Je mehr junge, unbeschäftigte, arme und frustrierte Leute es gibt, desto größer ist die politische Detonation, wenn der Sprengsatz explodiert. Deshalb haben die Nachfolger Maos in China auf die Ein-Kind-Politik und die Liberalisierung der Wirtschaft gesetzt und die Machthaber im Iran taten es auch – denn sie wollten nicht enden wie der gestürzte Schah vor ihnen. Vom Ende der 80er Jahre an propagierten sie, dass Verhütung und Geburtenplanung mit dem Islam vereinbar sei, und nach der Jahrtausendwende begannen sie mit der Reprivatisierung der Wirtschaft. Die Geburtenrate im Iran liegt heute mit 1,7 unter der der USA, Tendenz weiter fallend, was auf einen gravierenden gesellschaftlichen Wandel an der Basis hindeutet.

Die islamistischen Regierungen können die Liberalisierung der Wirtschaft anpacken, um das Wachstum zu generieren, das sie für den Erhalt ihrer Popularität brauchen. Das unterminiert früher oder später aber ihre strengen sozialen Ordnungsvorstellungen. Sie werden abhängig von ausländischen Investoren und Kapital, es entsteht eine Mittelschicht mit eigenen politischen Interessen; Emanzipation, Geburtenrückgang und Säkularisierung führen einen Zustand herbei, den sie eigentlich bekämpfen wollten. Oder sie versuchen, ihre Moralvorstellungen auf Kosten der wirtschaftlichen Effizienz durchzusetzen, und sehen sich bald einer sozialen Rebellion gegenüber, so wie Mursi in Ägypten.

Sein Hauptproblem war, dass Ägypten vom Tourismus lebt und nicht vom Erdöl. Für Erdöl gibt es immer Abnehmer in der Welt – egal, wie das Regime aussieht. Westliche Touristen sind hingegen scheue Kunden, die beim ersten Anzeichen von politischer Unsicherheit wegbleiben – der für Touristen wichtige Fun-Faktor hält sich in einer Gesellschaft mit vollverschleierten Frauen, Alkoholverbot und der Steinigung von Schwulen und Ehebrechern außerdem in Grenzen. Unter Mubarak haben die Islamisten versucht, die Touristen aus Ägypten heraus zu ekeln, um Mubaraks Regierung zu schwächen. Jetzt haben sie es erreicht, nur fiel es ihnen nun selbst auf die Füße. Keine Touristen, keine Jobs, keine Devisen, hohe Verschuldung, keine Chance, die Importe zu bezahlen, Armut, Hunger, Aufstand – das war’s dann erst einmal mit Mursi & Co.

Die türkischen Islamisten von der AKP haben ein ähnliches Problem: kein Erdöl, eine schnell wachsende Bevölkerung und ein Leistungsbilanzdefizit. Erdoğans Popularität und seine starke Position beruhen auf der positiven Wachstumsentwicklung der letzten Jahre. Diese hat in der Tat weite Teile der Gesellschaft, besonders in der Westtürkei, bereits verändert. Der beste Indikator für solche Veränderungen sind die Geburtenraten. Die Geburtenrate in der Westtürkei ist auf westeuropäisches Niveau gesunken. Die türkische Geburtenrate liegt, ohne die kurdische Minderheit mit einzurechnen, bei 1,5 Kindern pro Frau. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, wie er allerdings nicht selten vorkommt, dass sowohl im Iran als auch in der Türkei der demographische Übergang unter der Führung des politischen Islam in die Wege geleitet wurde.

Ausgespart bleiben davon noch – wie erwähnt – die kurdischen Gebiete. Hier liegt die Geburtenrate noch bei 4,0 Kindern pro Frau, und die ökonomischen Verhältnisse sind mittelalterlich. Die türkische Führung ist daher gezwungen, die Liberalisierung bis in den hintersten Winkel Anatoliens voran zu treiben, mit der Modernisierung der Landwirtschaft, dem rechtlichen Rahmen für einen funktionierenden Agrarkapitalismus, flexible Arbeitsmärkte, einhergehend mit der langfristigen Überwindung der Sippen- und Clan-Gesellschaft in Ostanatolien. Die türkische Führung steht hier unter Druck, denn anderenfalls wird sich die Bevölkerungszusammensetzung in der Türkei in den nächsten Jahrzehnten radikal zugunsten der kurdischen Minderheit verändern, die dann keine Minderheit mehr sein wird. Der Reformdruck auf die AKP-Regierung wird noch dadurch verstärkt werden, dass ein Teil des Wirtschaftswachstums der letzten Jahre auf einem inflationären Boom beruht, der langfristig nicht trägt. Wenn diese Blase platzt, ist es auch mit der Popularität der Erdoğan-Regierung vorbei. Dann wird auch dort das fundamentalistische Dilemma noch offener zu Tage treten: Dann heißt es politisch scheitern oder schmerzhafte Reformen durchzusetzen und damit langfristig die sozioökonomische Basis der eigenen Ideologie abzuwickeln.


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