14. August 2013

100. Todestag von August Bebel Feierstunde mit Widersprüchen

Sozialdemokratische Prominenz in Zürich

Vor 100 Jahren sollen es 60.000 gewesen sein, die an der Trauerfeier in Zürich für den deutschen Arbeiterführer August Bebel teilgenommen haben. Gestern kamen kaum mehr als 60 zum Friedhof Zürich Aussersihl (auch wenn die SP „mehrere Hundert“ meldete), davon ein Bus deutsche „Genossinnen und Genossen“. Wer einen Aufmarsch der SP-Prominenz erwartet hatte, wurde enttäuscht. August Bebel (1840-1913) bewegt offensichtlich nicht mehr.

Kurz vor drei Uhr nachmittags trafen dann auch die beiden obersten Sozialdemokraten der Schweiz und Deutschlands ein. Der deutsche Sigmar Gabriel in deutscher Nobelkarosse, der Schweizer Christian Levrat zu Fuß. Beide im Anzug, Levrat dem Anlass gemäß mit schwarzer Krawatte. An Bebels Grab, einem schlichten schwarzen Obelisken, lag ein Trauerkranz, der Bebel „ehrendes Gedenken“ durch die beiden Parteien verspricht. Die Besucher legen vorbereitete Nelken auf das Grab.

Bebel und Gewalt

In Ansprachen würdigen Levrat und Gabriel Bebel als gemeinsamen Ahnen der Sozialdemokratie. Für Levrat haben Bebel und seine Schweizer Nachfolger den Wohlstand erstritten, den die Schweiz heute genießt. Jetzt gelte es nur noch, den Kapitalismus zu zähmen. Bebel selber hatte genau das Gegenteil vorausgesagt: Wenn der Kapitalismus nicht überwunden werde, würde die Mehrheit der Bevölkerung völlig verarmen. Aber derartige Widersprüche spielten gestern keine Rolle. Für Levrat steht Bebel am Anfang der sozialen Kohäsion, welche der Schweiz Sozialpartnerschaft, sozialen Frieden und letztlich Wohlstand gebracht habe.

Bebels Verhältnis zu Gewalt und Revolution orientierte sich aber nicht an Kohäsion. Ganz im Gegenteil: Für ihn war klar, dass die herrschende Klasse wenn nicht freiwillig, dann mit Gewalt in den Sozialismus gezwungen werden müsse. 1869 schrieb er in der programmatischen Schrift „Unsere Ziele“, entweder komme die herrschende Klasse zur Einsicht und suche selber auf dem Weg des Kompromisses ihren „Untergang“, „der andere entschieden kürzere, aber auch gewalttätigere Weg wäre die gewaltsame Expropriation, die Beseitigung der Privatunternehmer mit einem Schlage, einerlei durch welche Mittel“.

Aber auch diese nach einem Jahrhundert der gewaltsamen Regime von internationalen bis nationalen Sozialisten kaum haltbare Forderung störte die Andacht nicht. Bebels weitere Forderungen, wie die Abschaffung des Lohnsystems (das den Arbeitsmarkt steuert), die Streichung der indirekten Steuern (welche die deutsche wie die schweizerische SP eher erhöhen würden), die Enteignung von Privatbesitz und die Einführung der Planwirtschaft, waren kein Thema. Sigmar Gabriel wies auf Bebels Bedeutung für die SPD hin. Er habe aus dem kleinen Zirkel von Sozialdemokraten eine große Volkspartei gemacht. Besonders wichtig sei seine Schrift „Die Frau und der Sozialismus“ über die Rechte der Frauen. In der für ihre Zeit bahnbrechenden Schrift forderte er nicht nur das gleiche Wahlrecht, sondern auch die Gleichberechtigung im Alltag. Bebel sah auch voraus, dass dies nur mit einer umfassenden Kinderbetreuung möglich sein werde. Und für Bebel war klar, dass diese staatlich sein werde, immerhin eine Kontinuität zu den Sozialdemokraten von heute.

SPD rettet ihr Geld in die Schweiz

Auf aktuelle politische Themen zwischen der Schweiz und Deutschland ging Sigmar Gabriel nur indirekt ein: Er erinnerte daran, dass im Todesjahr Bebels der damalige Schatzmeister der deutschen Sozialdemokraten, der spätere deutsche Reichspräsident Friedrich Ebert, aus Angst vor einem Parteiverbot die Parteikasse über die Grenze in die Schweiz in Sicherheit brachte. Dass die Diskussion über das Bankkundengeheimnis genau den Schutz des Eigentums vor staatlicher Willkür zum Ziel hat, interessierte die lachenden Genossen nicht. Den wilhelminischen Staat als Feind gibt es nicht mehr, man ist selber an der Macht angelangt.

Am großen Denkmal für im Ersten Weltkrieg gefallene Deutsche vorbei ging es an den Apéro und zum Besuch einer Ausstellung über Bebel. Zwischen deutschem Militarismus und deutschem Sozialismus liegen zumindest in Zürich kaum hundert Meter.

Bebels Sozialdemokraten an der Macht

Wer August Bebel und seine Politik kennenlernen möchte, dem sei ein politischer Roman, den Bebels liberaler Gegenspieler Eugen Richter (1838-1906) verfasst hat, empfohlen.

Richters „Sozialdemokratische Zukunftsbilder – frei nach Bebel“ beschreibt als Utopie, was passieren würde, wenn die Sozialdemokraten an die Macht kämen. Die Basis liefern Bebels Schriften und die Parteiprogramme der frühen SPD.

Das Buch beginnt mit der Siegesfeier. Bald schon macht sich aber Resignation breit, weil die Wahlversprechen nicht bezahlbar sind, die Produktion zusammenbricht und die Inflation das Vermögen der Menschen vernichtet. Der Staat reagiert auf Widerspruch mit Gewalt. Wer kann, verlässt Deutschland, worauf der Staat die Grenzen schließt. Richter sieht exakt voraus, was die DDR, der „erste sozialistische Staat auf deutschem Boden“ 36 Jahre nach Bebels Tod, verwirklicht hat – einschließlich des Baus der Mauer, mit dem die DDR 1961 ausgerechnet am Todestag von August Bebel begann.

Richter selber gehörte im Kaiserreich den Fortschrittsliberalen an, welche die Selbstverwaltung der Menschen der Verstaatlichung sozialer Einrichtungen vorzogen. Richter kämpfte sowohl gegen die national-konservativen Kräfte um Reichskanzler Bismarck als auch gegen die Sozialisten. In beiden sah er eine Gefahr für die persönliche Freiheit der Menschen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der „Basler Zeitung“ vom 14.08.2013.

Link:

Eugen Richter: Sozialdemokratische Zukunftsbilder (amazon.de)


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Autor

Dominik Feusi

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