16. August 2013

Filmkritik „Oblivion“

„Stalker light“ mit hollywooditischem Husten

Ein merkwürdig zweidimensional, aseptisch wirkendes Domizil über den Wolken, wie aus Frischhaltefolie geschnitten, existentiell oberflächenoptimiert und geometrisch streng rückzugsnischenabweisend, von einer beinahe absurd verwinkelten Stangenkonstruktion in den Himmel gehalten wie der ersten Preis des Wettbewerbs für Gesellschaftsingenieure, vollgepropft mit Kommunikations- und Überwachungstechnologie – schon in dieser visuellen Metapher zeigt sich das Talent des Regisseurs Joseph Kosinski, Bilder mit Zeitströmen aufzuladen. Die Bewohner des surreal-alptraumhaft anmutenden Gebildes, das so fragil wirkt, als könne schon die geringste menschliche Emotion oder der kleinste vom Plansoll abweichende Gedanke es in Scherben schlagen: der Servicetechniker Jack Harper (Tom Cruise mit seiner wohl besten Leistung seit „Geboren am 4. Juli“), restmenschliches und -individuelles Anhängsel eines längst vollautomatisch operierenden Netzwerks von Drohnen, deren Algorithmen mathematisch präzise Freund- oder Feindstatus potentiell bedrohlicher Einzelwesen stets aufs Neue errechnen, sowie Victoria, die seinen Lebensabschnitt mit Zärtlichkeiten zusammenkehrt und in erträglich sinnstiftender Form hält.

Jeden Morgen steigt Harper in seinen Gleiter, um – gleich noch eine gelungene Metapher – buchstäblich aus allen Wolken zu fallen und einer gründlich verwüsteten Erde entgegenzustürzen, auf der marodierende Banden mit außerirdischen Monstern um Restwerte streiten. Gewaltige Industriemonopole schweben im Himmel und bauen die letzten verbliebenen Ressourcen ab. Angeblich, so erzählte man Jack und seiner Partnerin Victoria (Andrea Riseborough), die seine Einsätze vom heimischen Kontrollpult im höhentrunkenen Habitat überwacht und Anweisungen der Einsatzzentrale mit einem Lächeln zur Kenntnis nimmt, dessen deutlich sichtbare Anspannung das Zerreißen schon ankündigt, wurde der Planet in einem Krieg gegen extraterrestrische Angreifer verwüstet. Kleine Allegorie des „Krieges gegen den Terror“. Denn was man den beiden über die Ursachen der militärischen Auseinandersetzung und ihre verheerenden Folgen erzählte, um sie bei der Fahnenstange zu halten, war nicht die ganze Wahrheit. Tag für Tag fragt die Zentrale das Wohlbefinden Jacks und Victorias ab: „Seid ihr ein effizientes Team?“. „Ja“, antwortet Victoria pflichtgemäß, „wir sind ein effizientes Team“. Um sogleich ein angeknipstes Lächeln hinterherzuschicken. Zur Sicherheit.

Als eines Tages ein Raumschiff abstürzt, in dem Jack eine mysteriöse junge Dame namens Julia (Olga Kurylenko) vorfindet, zu der er sich aus ihm zunächst unerklärlichen Gründen hingezogen fühlt und die er vor einem Drohnenangriff rettet, gerät sein gesamtes Weltbild ins Wanken. Auf seiner Suche nach der Wahrheit, dem Kern seiner ihm seltsam fremdbestimmt und unwirklich erscheinenden Existenz, wird er unter anderem auf eine gealterte Obama-Anspielung stoßen, routiniert grandios und charismatisch verkörpert von Hollywoods gefragtestem Altersweisendarsteller Morgan Freeman. Der musste sich mit seinen Anhängern dank Drohnenpolitik in einen unterirdischen Bunkerkomplex zurückziehen. Mehr und mehr stellt sich heraus, dass Jack keinen Kampf gegen eine wesenhafte Bedrohung, sondern eine abstrakte Intelligenz und verselbständigte Logik führt, gegen eine in Automatismen mündende technokratische Formelsammlung, die über der Erde in einer pyramidalen Raumstation vor sich hin kalkuliert und alles, was sich nicht mit ihren idealen Gleichungssystemen verrechnen lässt, radikal eliminiert.

Regisseur Kosinski hätte mit „Oblivion“ – ohne jede Übertreibung – einen „Stalker light“ liefern, Andrei Tarkowskis hartphilosophischem Vollkornbrot aus dem Jahre 1979 einen kleinen Bruder backen können. Das Potenzial dazu war in Hülle und Fülle vorhanden. Über der ersten Hälfte des Films knistert ein gekonnt geschwungener Spannungsbogen, der mehr andeutet als platterklärt und Zuschauern ein visuell sowie inhaltlich kunstvoll zusammengestelltes Zeitfragengebinde überreicht, musikalisch begleitet von philipglassoid-koyaanisqatsischen Kompositionen des experimentellen Elektronikprojekts „M83“ (Anthony Gonzalez/Joseph Trapanese), unterstützt von hanszimmereskem Orchesterbombast, der manchmal vielleicht etwas zu dick aufträgt. Im weiteren Verlauf fällt „Oblivion“ leider wieder in konventionelle Erzählmuster zurück, steckt sich den süßlichen „Junge liebt Mädchen“-Daumen immer tiefer in den Mund und wärmt vor allem im Showdown zwischen Jack und dem omnipräsenten Cybergehirn standardisierte Actionkost auf. Das ist zwar schade, dennoch ist der Film eine Empfehlung wert – schon wegen der willkommenen Abwechslung vom heuer als Science Fiction verkauften Lasergefechtsgefuchtel, Story und Schauspieler zu Randerscheinungen degradierenden Spezialeffektgedröhne und pyromanischem Priestertum.

Joseph Kosinski zeigte im völlig verblasenen „Tron Legacy“, einer CGI-Orgie, aus der eine Kinderhandvoll zarter Storykeimlinge ragte, zumindest einige derjenigen Ansätze, die er in „Oblivion“ schon sehr viel konsequenter ausbaut. Trotz aller Schwächen des Sequels zum Disney-Streifen „Tron“ merkte man Kosinski deutlich an, dass er eigentlich mehr liefern möchte als diejenigen narrativen und formalen Formelsammlungen, diejenige Fließbänderdehnung und starke Materialermüdung, die sich in der Handlung von „Oblivion“ allegorisch parabolspiegelt. Gut möglich, dass er gegenüber dem Studio Kompromisse machen musste, die Story deshalb ihr Potential nicht beherzter ausschöpft – er wäre ja nicht der erste Regisseur, dem angebliche Erwartungshaltungen der Zuschauer (vulgo: Studiobosse) einen Strich durch die künstlerische Freiheit machen. Schon ein Ridley Scott musste das Ende seines epochalen „Blade Runner“ auf Druck des Studios ändern – das ursprünglich vorgesehene, sehr viel schlüssigere, konsequentere Finale, das erst im Jahre später veröffentlichten Director‘s Cut präsentiert wurde, war den Herrschaften „zu düster“. Bleibt Kosinski zu wünschen, dass er nun die „Flucht nach vorne“ antritt und sich vom Kreativitätskorsett befreit. Oder wie Alejandro Jodorowsky einmal sagte: „In Käfigen geborene Vögel glauben, Fliegen sei eine Krankheit.“

„Oblivion“ ist seit heute auf DVD und Blu-ray erhältlich.


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