23. August 2013

Medien Lasst die „taz“ in Ruhe

Was hat die Grünen-Umschau denn angestellt?

Jetzt hacken alle auf der „taz“ rum. Sogar der kluge „FAZ“-Medienredakteur Michael Hanfeld. Was hat sie denn angestellt, die Grünen-Umschau? Also, ein „taz“-Schreiber hat einen Artikel zum Thema Grüne und Pädophilie verfasst. In dem steht sinngemäß, Kindesmissbrauch habe quasi zur DNA der Grünen gehört. Die Chefredakteurin der „taz“ hat das Stück aus dem Blatt gekegelt. Nun schreien alle: Zensur! Die „taz“ wolle verhindern, dass das Kinderfickerthema noch stärker auf die Tagesordnung gerät und den Grünen womöglich ihr Wahlergebnis ein Stückchen weit vermasselt.Diese Sichtweise ist natürlich richtig. Aber wo ist der Skandal?

Die „taz“ ist doch keine Zeitung, wie die „FAZ“, die „Süddeutsche“, die „Welt“ oder der „Trierische Volksfreund“. Richtige Zeitungen müssen bis zu einem gewissen Grad ehrpusselig sein. Müssen so tun, als berichteten sie ausgewogen, nach allen Seiten kritisch, „objektiv“ eben. Einfach deshalb, weil sie mit reinem Kampfblattgedöns nicht genügend Leser außerhalb ihrer Kernklientel fänden. Nicht mal die Prantl-Prawda könnte überleben, würde sie einzig und allein the world according to Heribert ausbreiten.

Ganz anders die „taz“. Sie wird im Wesentlichen von einer Genossenschaft am Leben gehalten. Neuntausend Genossen, die meisten wohl Parteigänger der Grünen, wenden zum Teil nicht unerhebliche Summen dafür auf, dass ein auf ihre Bedürfnisse maßgeschneidertes Produkt erscheinen kann. Für ihre Kohle bekommen sie einen Content geboten, den es so woanders nicht gibt. Eine eigene, ganz aparte Welt, in der friedliche Völker sich gegen kriegslüsterne Amis und Israelis wehren, sympathische Biobauern gegen die Allmacht der Agrarlobbyisten aufstehen, Windräder und Solardächer schon heute die Stromversorgung sicherstellen könnten und Multikulti kein Problem wäre, gäbe es nicht überall Nazis.

In dieser kurz geschorenen grünen Spießeridylle wuchern ab und zu auch mal Blumen des Bösen (etwa, als sich ein „taz“-Kolumnist wünschte, Sarrazin möge gefälligst verrecken, was manchen „taz“-Lesern dann doch zu weit ging). Aber im Allgemeinen ist die Welt der „taz“ ordentlich, berechenbar, ja optimistisch. Gut und Schlecht sind zuverlässig sortiert, Lösungen für alles und jeden vorhanden. Debatten finden in der gedruckten „taz“ (mit manch unerbetenem Beitrag in seinen online-Foren hat das Blatt allerdings ein Problem) gewöhnlich im ideologisch exakt umzäunten Raum statt. Ungefähr so, wie Rosa Luxemburg ihre „Freiheit des Andersdenkenden“ verstand. Für den Klassenfeind galt sie ja keineswegs, die Freiheit der famosen Rosa.

Wer aber den Grünen unterstellt, diese hässliche Kindernummer von damals sei weit mehr gewesen als ein bedauerlicher Ausrutscher – was ist der denn wohl?

Die „taz“ ist die privateste Zeitung, die wir haben. Vergleichbar höchstens mit dem von ADAC-Mitgliedern finanzierten Clubmagazin „Motorwelt“. Kann man der „Motorwelt“ vorwerfen, dass sie keine Artikel druckt, welche zum Ergebnis kommen, das Automobil sei die größte Scheiße, die je erfunden wurde?

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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