27. August 2013

Buchrezension Jonathan Sperber, Karl Marx - Sein Leben und sein Jahrhundert

Ein gescheiterter Universalgelehrter des 19. Jahrhunderts

Der Historiker Jonathan Sperber hat in einer brillanten Biographie das Rätsel Marx entschlüsselt. Was wir heute über Marx zu wissen glauben, ist nach Sperber durch unsere historische Erfahrung entstellt, da wir durch die Brille des 20. Jahrhunderts einen Menschen des 19. Jahrhunderts betrachten. Einen Denker, der seiner Zeit nicht voraus war, sondern schon zu seinen Lebzeiten der Entwicklung hinterherhinkte. Die einen sehen heute in Marx den tollkühnen Propheten der Krise des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts bis hin zur Finanzkrise 2007, die anderen sehen in ihm einen Wegbereiter von Lenin, Stalin und dem Archipel Gulag.

Marx war aber vor allem ein Zeitgenosse der frühen Industrialisierung, des Vormärz, der Fürstenherrschaft und des Fortschrittsglaubens. Das war eine Zeit, in der die Natur- und Wirtschaftswissenschaften gehen lernten. Es war eine Zeit, in der die Trennung zwischen öffentlich und privat noch ernst genommen wurde, in der Vorurteile nicht als Vorurteile, sondern als Selbstverständlichkeit galten und Diplomatie und Geopolitik noch eine Art Sport für gekrönte Häupter und Kabinette waren.

Sperbers Buch ist ein faszinierendes Gemälde des 19. Jahrhunderts. Wir erfahren viel darüber, wie die Menschen damals dachten, fühlten und sich bekämpften. Faschismus, Stalinismus und Totalitarismus lagen noch in fernerer Zukunft. Marx hatte mehr mit den Erfahrungen der Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons zu tun als mit Lenin und der Oktoberrevolution.

Marx‘ Weg zum revolutionären Kommunisten war kein zwangsläufiger. Er hätte auch als junghegelianischer Akademiker im Rahmen der preußischen Gesellschaft seinen Weg finden können, wenn nicht drei Umstände zusammengekommen wären. Durch den frühen Tod seines Vaters fehlte ihm die finanzielle Unterstützung, die für eine weitere akademische Karriere notwendig gewesen wäre. Durch den Umschwung in der preußischen Wissenschaftspolitik waren hegelianische Gelehrte nicht mehr gefragt und die Universitätskarriere blieb ihm verwehrt. Er verliebte sich in eine ältere adlige Frau, die nicht ewig darauf warten konnte, von ihm geheiratet zu werden, und Anspruch auf eine gesicherte bürgerliche Existenz erhob, ohne aber eine Mitgift in die Ehe einbringen zu können.

Die Suche nach einem geregelten Einkommen und einer abgesicherten bürgerlichen Existenz blieb ein zentrales Thema seines Lebens. Dafür schien er auch zu erheblichen politischen Zugeständnissen bereit:

Nach dem Ende seiner Universitätslaufbahn führte ihn sein Weg wie viele mittellose Intellektuelle in den Journalismus. Als Chefredakteur der von liberalen Kölner Unternehmern gegründeten „Rheinischen Zeitung“ trieb Marx die radikaleren Kritiker der herrschenden Ordnung aus der Redaktion, verordnete der Zeitung einen moderaten Kurs, machte den Kampf für den Freihandel zum zentralen Thema und forderte, kommunistische Umtriebe zur Not auch gewaltsam zu bekämpfen. Marx erwarb sich bei den Kölner Geldgebern so großes Ansehen, dass diese Kapitalisten ihm auch nach dem Verbot der Zeitung weiterhin finanziell unter die Arme griffen.

Marx war in seiner Zeit als Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ darum bemüht, seine Position dauerhaft zu sichern und eine bürgerliche Existenz aufzubauen – was hieß, endlich seine Verlobte Jenny von Westphalen heiraten zu können. Erst der Umstand, dass die Preußen die Zeitung trotz ihres gemäßigten Kurses verboten und ihn ins Pariser Exil trieben, führte Marx zur Radikalisierung und zum Kommunismus. Marx wurde in dieser Zeit klar, dass er ohne einen radikalen politischen Umsturz in Deutschland keine Chance hatte, eine exponierte soziale Stellung zu erreichen. Diese Erkenntnis brachte ihn in die republikanischen und sozialistischen Kreise in Paris, wo die deutsche Exilgemeinde einen Schmelztiegel revolutionärer Ideen bildete.

Marx wollte seiner Frau eine bürgerliche Existenz sichern. Selbst völlig überschuldet und am Ende seines Lateins, wollte Marx ihr nicht zumuten, die Hausarbeit selbst zu verrichten. Der Abstieg ins Proletariermilieu galt ihm als größtes mögliches Unglück. Der Umstand, dass sein Freund Friedrich Engels die Leitung der väterlichen Textilfabrik in Manchester übernahm, sicherte ihm ein mehr oder weniger gesichertes Auskommen. Marx‘ Auftreten und Haushaltsführung entsprachen den Idealen der bürgerlichen Klasse, deren Sturz er durch die Revolution des Proletariats erwartete. Sperber weist darauf hin, dass die Forderung nach Konsistenz von Privatleben und Ideologie damals weit weniger ausgeprägt war als heute: Dem bürgerlichen 19. Jahrhundert war die Vorstellung, dass auch das Private politisch sei, eher fremd.

So konnte man wie Jefferson die Freiheit verteidigen und selbst Sklaven besitzen, oder wie Marx die Ausbeutung der Arbeiterklasse geißeln und seine eigene bürgerliche Existenz auf dem „Mehrwert“ aufbauen, den die englischen Textilarbeiter erwirtschafteten, ohne diesen Umstand als massiven Widerspruch zu empfinden. Ebenso wie Engels hatten auch andere Kapitalisten kein Problem damit, mit ihrem Geld kommunistische Ideen und Intellektuelle zu fördern. So selbstverständlich die bürgerliche Doppelmoral der damaligen Zeit selbst für die Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft war, so selbstverständlich war auch für Marx die Pflege seiner im Zeitgeist verwurzelten Ressentiments:

Marx‘ erste politische Schrift richtete sich gegen das Judentum, und seine Briefe an Engels sind durchsetzt mit antisemitischen und rassischen Stereotypen. Etwa, wenn er seinen Gegner Lassalle als „Baron Itzig“ oder als „jüdischen Nigger“ beschimpft. Sperber weist aber darauf hin, dass sich das nach der Erfahrung des totalitären 20. Jahrhunderts und des Holocaust heute anders liest als damals. Marx war gerade auch in seinen Vorurteilen ein Kind seiner Zeit.

Zu seinen Schrullen gehörte ebenso seine panische Russlandphobie. Ähnlich wie moderne Verschwörungstheoretiker hinter allem Bösen der Welt die USA und die CIA vermuten, sah Marx überall Agenten des russischen Zaren. Er versuchte sogar zu beweisen, dass seit dem 18. Jahrhundert alle britischen Premierminister Spione des Zaren gewesen seien. Selbst den Krimkrieg der Briten gegen Russland deutete er als perfides Ablenkungsmanöver der Russen, um das Osmanische Reich zu schwächen.

Marx war weder Pazifist noch Antiimperialist. Im Gegenteil erzeugten die englischen Liberalen Cobden und Bright gerade wegen ihrer Ablehnung von Krieg und Kolonialpolitik seinen Zorn. Marx selbst hatte über weite Strecken einen Krieg gegen Russland gewünscht und auch zur Zeit der Revolution 1848 auf diese Karte gesetzt. Die Niederschlagung der Aufstände in dem von den Briten besetzten Indien hielt er historisch für notwendig. Das ergab sich aus seiner dialektischen Auffassung der Geschichte. Die Engländer sollten die alten Traditionen der Inder zerstören und den Kapitalismus in Indien einführen, um durch die Modernisierung der indischen Gesellschaft die Grundlage für den Klassenkampf und damit für die Revolution zu legen.

Was sich bis heute nicht geändert hat, das ist die unerbittliche Polemik, mit der sich die radikale Linke untereinander bekämpft. Sperber beschreibt den nie endenden Kleinkrieg zwischen Marx und anderen Sozialisten und Anarchisten. Dabei spielten oft persönliche Befindlichkeiten eine Rolle. Marx neidete Lassalle seinen sorglosen, großbürgerlichen Lebensstil, den dieser durch die finanzielle Unterstützung einer reichen Adligen, der er zu ihrer Scheidung verholfen hatte, bestreiten konnte. Nach einem Besuch Lassalles in Marx‘ Londoner Exil, während dessen Lassalle seinen Reichtum sehr offen zur Schau trug, war das Band endgültig zerschnitten.

Bis zu seinem Lebensende trieb Marx seine Anhänger in Deutschland in die Konfrontation mit den Lassalle-Anhängern. Ebenso hitzig war seine Auseinandersetzung mit dem Anarchisten Bakunin. So fuhr Marx später die Erste Internationale absichtlich gegen die Wand, um die Übernahme durch die Anhänger Bakunins zu verhindern.

Marx‘ Arbeitspensum ist beeindruckend, ebenso seine Fähigkeit, einprägsame sprachliche Wendungen zu schaffen, und seine scharfzüngige Polemik. Die ersten Passagen des Kommunistischen Manifests sind episch eines der kraftvollsten Dokumente, die zum Kapitalismus verfasst wurden. Mit dem Kapitalismus verband Marx eine Art Hassliebe. An vielen Stellen wurde deutlich, dass er vor den aufstrebenden kapitalistischen Kräften wesentlich größeren Respekt besaß als vor der alten aristokratischen Gesellschaft. Das unterschied ihn im Übrigen fundamental von seinem Rivalen Ferdinand Lassalle, der auf Bismarck und die preußische Karte setzte.

Marx war ein typischer Universalgelehrter des 19. Jahrhunderts. Damals konnten Gelehrte noch der Illusion anhängen, sich das vorhandene Menschheitswissen zu erschließen und eine Theorie zu entwickeln, die alle Wissensbereiche umfasst. Marx gehört in dieser Hinsicht zu den großen philosophischen Systembauern. Es zeigt sich jedoch gerade an seiner Person die ganze Problematik dieses umfassenden Anspruchs. Wenn ein Denker sich nach Jahrzehnten des Studiums den Wissensschatz seiner Zeit endlich angeeignet hat, dann ist er in der Regel schon längst veraltet:

Marx blieb sein Leben lang dem Denken der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts verpflichtet, als Hegel als führender Kopf der Philosophie und David Ricardo als führender Kopf der Nationalökonomie galt. Marx ging es darum, beide Systeme zusammenzuführen. Doch als er dieses Lebenswerk endlich vollbracht hatte, war die geistige Entwicklung bereits darüber hinweggegangen.

In der Philosophie hatte der an den Naturwissenschaften orientierte Positivismus das dialektische Denken abgelöst. In der Nationalökonomie bestimmte die Auseinandersetzung zwischen der subjektiven Wertlehre von Carl Menger und der historischen Schule von Gustav Schmoller die Debatte. Marx‘ Hauptwerk „Das Kapital“ wirkte deshalb bereits auf Zeitgenossen reichlich anachronistisch und fand außerhalb der Arbeiterbewegung zu seinem großen Verdruss wenig Beachtung. Ohne die Überarbeitung und Aufarbeitung durch seinen Freund Friedrich Engels wäre es wahrscheinlich der Vergessenheit anheimgefallen.

Link:

Jonathan Sperber: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert (amazon.de)


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