29. August 2013

Schwerpunktthema Es gibt keine überschüssigen Menschen

„Recht auf Leben“?

Thomas Robert Malthus (1766-1834); engl. Nationalökonom, begründete die Notwendigkeit einer staatl. gelenkten Bevölkerungspolitik und wandte sich gegen Theorien, die im Bevölkerungswachstum ein Zeichen für den Wohlstand einer Gesellschaft sahen. Nach Malthus beruhten soziale Not und Armut in England des 19. Jahrhunderts auf der schnellen Zunahme der Bevölkerung in geometr. Progression, während die Nahrungsmittelmenge aufgrund des abnehmenden Bodenertrags nur arthmet. anwachse (Malthussches Bevölkerungsgesetz). Das Mißverhältnis wollte er durch Maßnahmen wie Spätheirat und sexuelle Enthaltsamkeit lösen. Der Malthusianismus ist bis heute in Diskussionen über die Einschränkung der Bevölkerungsexplosion aktuell.

aus: Harenbergs Kompaktlexikon, Band 3

Vor nunmehr 200 Jahren - im Juni 1798 - wußte der englische Pfarrer und Ökonom Thomas Robert Malthus mit einer Schauernachricht aufzuwarten. Die Bevölkerung, so meinte er in seinem Buch “Essay on Population”, würde enorm wachsen, und zwar in geometrischer Reihe (also 2,4,8,16...). Die Nahrungsproduktion wachse dagegen nur gering an, in arithmetischer Reihe (1,2,3,4...). Die Katastrophe sei also vorhersehbar. Daß Malthus mit seiner Prognose ganz und gar daneben lag, schien bald niemanden mehr zu stören. Zwar gab es im 19. Jahrhundert in Europa eine wahre Bevölkerungsexplosion, doch gleichzeitig steigerte sich die Produktion in allen Gebieten so sehr, daß nicht nur keine Hungerkatastrophe eintrat, sondern sogar echter Wohlstand erstmals auch für die arbeitende Bevölkerung zu einer realen Möglichkeit wurde.

Man könnte glauben, diese Fehlprognose hätte die Zunft der Sozialforscher zur Vorsicht gemahnt. Mitnichten! Malthus’ Nachfolger ließen sich auch nicht durch weitere Fehlschläge abschrecken. Mitte des 19. Jahrhunderts hätte es nach ihrer Meinung schon keine Kohle mehr geben können. 1914 prophezeiten sie in den USA, daß das Erdöl nur noch für 10 Jahre reiche. Die Liste ist schier endlos. In Wirklichkeit stehen uns mehr Ressourcen – auch Kohle und Erdöl - zur Verfügung denn je.

Warum finden sich aber immer noch Leute, die solche Prophezeiungen wagen? Logisch rechtfertigen läßt sich dieses bloße Fortrechnen irgendwelcher Gegenwartstrends nicht. Menschliches Verhalten und technischer Fortschritt bleiben immer unwägbar.

Die Antwort ist, daß dieses Vorgehen trotz seiner methodologischen Hinfälligkeit zunächst plausibel zu sein scheint. Es lassen sich so recht einfach werbewirksame Horrorszenarien entwickeln, die nach Belieben politischen Zielsetzungen dienen können. Malthus selbst wollte mit seiner Prophezeiung den Ideen der französischen Revolution entgegentreten. Sein “Bevölkerungsgesetz” beweise, daß Reform und Weltverbesserung sinnlos seien. Es sei eine “unüberwindlich erscheinende Schwierigkeit auf dem Weg zur Vervollkommnungsfähigkeit der Gesellschaft.”

Auch heute werden malthusianische Orakeleien gerne verwendet, um die Ideen von Freiheit und Marktwirtschaft in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Der “Club of Rome” fing in den 70er Jahren damit an, indem er fälschlich die Verdreifachung des Energieverbrauches bis zum Jahr 2000 vorhersagte. Fast alle Prognosen über die Abnahme des Regenwaldes, die Zunahme der Weltbevölkerung oder die Verknappung von Nahrung, die man seither hörte, erwiesen sich bald als falsch. Egal wie sehr sie sich irrten, eines war stets allen gemeinsam: Der Wunsch nach politischer Bevormundung und Regulierung von Handel und Privatleben - und dies möglichst weltweit und unbehindert von allen Schranken. Auf UN Gipfeln aller Arten feiert dieser Ungeist permanent fröhliche Urständ. Die Mittel zur Durchsetzung aller hochtrabenden Pläne fehlen gottlob noch.

Um es auf den Punkt zu bringen: Es gibt keinen nachweisbaren Zusammenhang von Bevölkerungswachstum und Elend. Man kann sogar sagen, daß zunehmender Bevölkerungsdruck erst wirklichen Wohlstand ermöglicht. Die ungeheuere Energie, mit der die Menschheit technischen Fortschritt einleitete, Substitute für knappe Rohstoffe fand und Ressourcen effizienter zu nutzen verstand, findet hier seine Wurzel. Zugleich bewirkt Bevölkerungsdruck soziale Veränderungen. Archaische, geschlossene feudale (von modernen Öko-Malthusianern gerne romantisierte) Ausbeutungsmechanismen haben in der modernen Massenkultur keinen Bestand. Auch wenn sie zweifellos von unangenehmen Nebeneffekten begleitet sind, tragen Landflucht und Massenverstädterung stets dazu bei, verkrustete Strukturen zu sprengen. Sie tragen damit zu Mobilität, Marktfreiheit und zur effizienteren Nutzung kreativen Humankapitals bei.

Dies ist der einzige Weg aus der Not! Der Versuch weltweiter staatlicher Ressourcenverplanung wird aber gerade diesen Weg verbauen. In Wirklichkeit erschließt die Menschheit ständig neue Ressourcen. Weltweiter Hunger droht nicht, denn in der Dritten Welt stehen noch ungenutzte Potentiale zur Verfügung, die selbst die oft prognostizierte (aber wohl nicht eintretende) Verdoppelung der Weltbevölkerung absorbieren könnten.

Am schlimmsten ist aber immer noch staatliche Verplanung von Bevölkerungen. Die Menschen sind in ihrem Vermehrungsverhalten rationaler als wir denken. Mit zunehmendem Wohlstand sinkt auch die Vermehrungsquote. Brutale Kontrolle hingegen ist ein Spiel mit hohem Risiko. Chinas von vielen westlichen Experten lange in beschämender Weise hochgelobte Ein-Kind-Politik hat kein Problem gelöst (das tun die marktwirtschaftlichen Reformen seit den 80er Jahren), sondern mit dem dadurch erzeugten “Überschuß” an männlichem Nachwuchs eine wirkliche demographische “Bombe” gelegt. Schlimmer noch sind die gravierenden Menschenrechtsverletzungen, die damit verbunden sind. Sie lassen das Gerede vieler westlicher Experten, daß man kein Recht auf Gebähren tolerieren dürfe, in dem verdienten Licht erscheinen.

Selbst in seiner milderen Form wird die Sache nicht besser. Die vor einigen Jahren in Indien auf Anraten westlicher Entwicklungshelfer betriebene Politik, daß Männer ein Transistorradio geschenkt bekamen, wenn sie sich kastrieren ließen, hatte nur die skurrile Folge, daß sich alte Greise bei verschiedenen Amtsstellen mehrfach kastrieren ließen, um einen kleinen Radiohandel aufzuziehen. Das Bevölkerungswachstum hat diese Politik indes kaum beeinflußt. Das war auch nicht nötig. Gerade Indien hat gezeigt, daß ein Land während einer Bevölkerungsexplosion durch Marktliberalisierungen seine Nahrungsproduktion so steigern kann, daß es von einem Land, das in den 60er Jahren noch Massenhunger kannte, heute zum Nahrungsexporteur gewachsen ist.

Es hat in unserem Jahrhundert noch nie eine durch Überbevölkerung verursachte Hungerkatastrophe gegeben. Von Stalins Kulakenausrottung bis zur Katastrophe in Äthiopien vor einigen Jahren: Immer waren es politische Gewaltregime und wirtschaftliche Unfreiheit, die dafür verantwortlich waren. Freiheit ist die wichtigste Voraussetzung für Wohlstand.

So erweisen sich die Prophezeiungen unserer heutigen Malthusianer nicht nur immer wieder als sachlich falsch; sie werfen auch die Frage nach der Würde des Menschen auf. Hier sollte uns kein dubioses Schreckensszenario von der klaren Einsicht abbringen: Sowohl die Zeugung eines Menschen als auch sein Recht auf Leben sind zu allererst eine Frage privater Eigenverantwortung und nicht ein “technisches Problem” politischer “Sozialingenieure”. Jeder Mensch hat das Recht, nicht für menschlichen “Überschuß” gehalten zu werden.

Vielleicht gibt es nur zu viele Menschen, die behaupten, es gäbe zu viele Menschen.


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