13. September 2013

DDR Der reiche Kapitalismus

O-Töne aus dem Alltag eines Experiments

Im Zentralarchiv der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) lagert reichlich aufschlussreiches Material, das die Erinnerungen und Mahnungen an das sozialistische Experiment in Ostdeutschland noch heute wach halten könnte. Die Protokolle und Tätigkeitsberichte der Staatsdiener geben immer wieder auch den Blick auf den Lebensalltag in der DDR frei. Sie müssen nur gelesen werden.

Die Hauptabteilung II des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit, zuständig für die Spionageabwehr, beherbergte unter anderem eine Abteilung zur „Bearbeitung von Auslandskorrespondenten“, Kennzeichen HA II/13. In den Akten dieser Abteilung  ist das Protokoll eines abgehörten Gespräches zwischen Heinz Felfe und Fred Müller aus dem Sommer 1988 zu finden. Heinz Müller agierte damals als Direktor des Internationalen Pressezentrums (IPZ) in Ostberlin und als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Heinz Felfe galt in den 1960er Jahren als bis dato ergiebigste, unerkannte Quelle der Stasi innerhalb des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes. Nach mehrjähriger Haft dozierte er 1988 als Kriminalistik-Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Im IPZ trafen beide im besagten Sommer aufeinander. Der Dialog dieser vormals vom Sozialismus überzeugten Systemverfechter schenkt uns heute einen überaus klaren Blick auf sozialistische Realitäten.

An dieser Stelle soll nun ein Auszug des Gesprächsprotokolls eine digitale Veröffentlichung erfahren, um das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Felfe: „Wenn Du heute die Zeitung aufschlägst, wirst Du doch belogen. Heute steht ‚400.000 Trockenrasierer für die Bevölkerung‘. Ich brauche keinen Trockenrasierer. Ich brauche etwas anderes. Kauf doch mal Zement in Bautzen – nichts da, der geht nach Frankreich zum Kanalbau. Meine Verwandtschaft war jetzt da und erzählte, sie waren an der Ostsee im Urlaub. Dort ist die Versorgung noch mieser als in Bautzen. Ist denn das nun in der ganzen DDR so schlimm?“

Müller: „Meine Masseuse war in Reichenbach im Vogtland. Es gibt dort keine Zwiebeln und Senf. Da sitzen bestimmt ein Haufen Leute im Handel, die denken, die Leute sollen sich doch ihre Zwiebeln anbauen.“

Felfe: „Ich war in der Lausitz und bekam kein Sauerkraut. Die Leute sagen, erst mal wird nach Berlin und in die Bezirksstädte geliefert, der Rest ist für uns. Geh doch mal in Westberlin einkaufen: Alle Geschäfte sind voll! Apfelsinen, Bananen, Pfirsiche. Meine Frau, die jetzt auch rüber darf, sagt: ‚Man wird verrückt, was es da alles gibt. Wie machen die denn das mit dem Zeug, was sie am Tag nicht verkauft haben?‘“

Müller: „Ich sage das schon laufend. Ich fahre ja nun schon 20 Jahre rüber. Ich habe mit vielen Rentnern diskutiert, die fahren und das selbst sehen. Wenn Du auf den Markt einer kleinen oder mittleren Stadt geht’s – dort ist alles da.“

Felfe: „Meine Frau hat jetzt Früchte gesehen, da hatte sie nie was von gehört: Nektarinen, Avocados.“

Müller: „Das fressen dort sogar die Arbeitslosen.“

Felfe: „Der Verkehr auf dem Kudamm, ein starker Verkehr: Das läuft und rauscht, kein Lärm, keine Zweitakter, keine kaputten Auspuffanlagen, alles freundlich, man bekommt gleich Stapel bunter Prospekte.“

Müller: „Der reiche Kapitalismus.“

Felfe: „Dann kommt man an die Grenze zurück. Miese Verhältnisse, ein Tisch, ein Stuhl. Du musst halb im Sitzen den Zettel ausfüllen und wirst dumm angeredet. Vor meiner Frau wurde eine Rentnerin angeschnauzt, weil sie den Zöllner nicht gesehen hatte – genauso, wie die Leute in der DDR von der Obrigkeit behandelt werden. In Westberlin dagegen: Alles freundlich, vom Busfahrer über den Zeitungsverkäufer – alle. Dieses Grau, Triste an der Grenze. Warum können wir unsere Eingangstür nicht besser machen?“

Müller: „Es geht nicht nur um die Eingangstür.“

Im Sommer 1988 hatten die Planwirtschaftler die ostdeutsche Gesellschaft schon längst heruntergewirtschaftet. Die spärliche Substanz war aufgebraucht. Das Experiment sah dem unabwendbaren Ende entgegen. Die Einblicke Felfes und Müllers aus dieser Zeit lassen heute noch erahnen, welche Folgen es hat, wenn „Teilen macht Spaß“ zum politischen, allein seligmachenden Credo stilisiert wird.

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