16. September 2013

Sozialporno Nespresso auf die Fresso

Auch wer Kaffee trinkt, soll sich jetzt besser fühlen

Parken ihre Boxters und Mini Coopers an der Edeleinkaufsmeile, um die Flagshipstores, Boutiquen, Juwelierläden und Parfümerien zu stürmen. Da glühen die Kreditkarten, da könnte man glatt zum Gysi-Fan werden. Aber gemach: die Kaufräusche generieren ja hübsche Steuereinnahmen. Damit kann die Stadt ihre Hartzer, Alleinerziehenden, Asylbewerber und Rote-Flora-Chaoten alimentieren, nicht zu vergessen die im sechzehnten Semester Politikwissenschaften, Soziologie, Kunstgeschichte und Genderforschung Studierenden. Und schließlich will auch eine Baukatastrophe namens Elbphilharmonie, Hamburgs Antwort auf BER, finanziert werden.

Insofern: kein Problem mit dem Luxus.

Aber dann, am Neuen Wall 10, wird es richtig ekelhaft. Da befindet sich eine dieser coolen Filialen, wo die Nespresso-Clubgemeinde, eine Apple-ähnliche Konsumenten-Sekte, sich ihre Dröhnung abholt. Aus den Schaufenstern grient einen die Visage von George Clooney an. Der feuchte Traum aller „Bunte“- und „Gala“-Leserinnen, Inhaber von drei leicht unterschiedlichen Gesichtsausdrücken, gibt nämlich den Nespresso-Botschafter für das Schweizer Kaffeeimperium. Clooney macht gewissermaßen den Gottschalk mit Bohnen statt mit Goldbären und wird deshalb von Nespresso seit acht Jahren mit mehr Geld zugeschmissen, als seine Schauspieler- und Filmemacherkarriere abwirft.

Der Robert Redford-Klon aus der Hollywood-Schickeria ist ein Hansdampf in allen Guttuer-Gassen, z. B. „UN-Botschafter des Friedens“, „Klimaschützer“, Mitglied im „Council on Foreign Relations“. Fliegt auch gern mal kurz in irgendein Krisengebiet ein, um sich dort beim Kinderknuddeln fotografieren zu lassen. Mit Todesverachtung hatte er seinerzeit gegen George W. Bush und dessen Irak-Krieg gewettert, später beachtliche Wahlkampfspenden für Obama eingeworben. Mittlerweile ist es um Clooney etwas stiller geworden. Seine jüngsten Filme waren nicht gerade Blockbuster. Wohl auch ein Grund, weshalb Nespresso ihn demnächst durch Penelope Cruz ersetzen will.

Aber noch schafft es der Kerl, bei mir einen soliden Würgereiz auszulösen. Neben die Fotos des Frauenschwarms (zweifach zum „sexiest man alive“ gewählt) hat Nespresso am Neuen Wall Bilder des „weltberühmten Fotografen Reza“ gehängt, ein Sebastiao Salgado für Kaffeekapseltanten. Dessen großformatige Fotos zeigen verwitterte Gesichter stoppelbärtiger Kaffeebauern aus Lateinamerika. Die urigen Campesinos machen alles mit der Hand und werden dafür vom Nespresso-Konzern angeblich „fair“ bezahlt. „Ökologisch“, „nachhaltig“, mit „Respekt“, „Verantwortung“ und so wird der ganze Kaffeeklatsch sowieso betrieben. Nespressos Firmenphilosophie schäumt dazu wie fette Milch im Latte: „Die Erde ist ein Ort des Wachsens sowie der Geduld, Demut und Beharrlichkeit.“

Die „Welt“ hat das Geschwurbel auf den Punkt gebracht: „Auch wer Kaffee trinkt, soll sich jetzt besser fühlen.“

Man muss natürlich mit dem Klammerbeutel gepudert beziehungsweise mit Nespressi der neuen Geschmacksvariation Kokosnuss gefoltert werden, um dem Konzern zu glauben, sein „AAA Program“ werde „bis zu 80 000 Bauern in Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Costa Rica, Guatemala, Nicaragua und Indien“ für den „nachhaltigen“ Kaffeeanbau begeistern, wie immer ein solcher definiert wird. Versteht sich, dass Nespressos nachhaltig wirtschaftende Kaffeebauern bloß potemkinsche Dörfler sind, die kaum mehr als einen winzigen Teil der Erzeugerschaft stellen, von der die Nestlé-Tochter (Jahresumsatz 3,5 Milliarden Schweizer Franken, 4,8 Milliarden verkaufte Kaffeekapseln in 2011) ihren Stoff bezieht.

Das ganze Greenwashinggedöns ist selbstredend kalter PR-Kaffee, wie ihn auch die „Starbucks“-Kette ihren strunzdämlichen Kunden einschenkt. Oder wie jene Dealer, welche einem weismachen wollen, Millionen allmonatlich verkaufter Gartenmöbel stammten aus „zertifiziertem, nachwachsendem Plantagen-Teakholz.“

Hallo, liebe ARD-Markenchecker! Wie wär’s mit einer investigativen Reise durchs Nespresso-Wunderland?

Nebenbei, ich fresse ein Dutzend leere Nespresso-Aluhüllen auf ex, wenn die von Reza abgelichteten Kaffeepflücker und –pflückerinnen auch nur einen lausigen Cent Modelhonorar gesehen haben für die Fotos, an denen sich die Shoppinghyänen vom Neuen Wall ergötzen:

Tolle Bilder, echt authentisch! Diese Würde der einfachen Menschen!

Und was sagt uns dazu Reza, hochdotierter Schöpfer der Sozialpornos? „Ich hoffe, dass es mir mit diesen Fotografien gelingt, jedem Betrachter das Gesicht jener Menschen zu zeigen, die zur Entstehung seiner täglichen Tasse Kaffee beitragen.“

Wem bei solchem Sermon übel wird, der erleichtere sich. Bitte vorm Eingang der nächstgelegenen Nespresso-Filiale.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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