18. September 2013

Journalistische Wahlkrampfadern Als ob Deutschland eine Insel auf „Solaris“ wäre

Die Banke sin sischa!

Die „Welt am Sonntag“ veröffentlichte am 15. September einen Artikel über das Ehepaar von Storch, dessen Tonfall, wie von ehemaligen Qualitätszeitungen im Mainsumpf gewohnt, an Häme, suggestiven Formulierungen und tendenziöser Impertinenz mal wieder nichts zu wünschen übrig ließ. Wer wissen möchte, wie man als Zeitungsredakteur Gerichten die Arbeit abnimmt, indem man schon im Vorfeld, noch vor jeder Prüfung der vorliegenden Informationen beziehungsweise ohne eine Prüfung der Vorwürfe abzuwarten, Urteile in Artikelform fällt, sollte sich das journaluftige Bauernlümmelstück noch mal zu Gemüte führen. Es ging um vom Ehemann der AfD-Kandidatin Beatrix von Storch angeblich veruntreute Vereinsgelder der Zivilen Koalition e.V. Die Angaben von Storchs, das Geld sei aufgrund des derzeitigen, hochvolatilen Zustands der Finanzsysteme und zur Absicherung vor möglichen Bank-Runs in währungssichere Anlagen geflossen, kommentierten die Autoren des mutmaßlichen Artikels folgendermaßen: „Als ob in Deutschland ständig Bankenpleiten drohten.“ Hahaha, sind die doof, die von Storchs, so der Tenor, glauben die doch tatsächlich, dem tausendjährigen, ungedeckten Papiergeld drohe irgendein Ungemach. Obendrein in Deutschland! Welcher Leser soll das denn glauben? Kann ja nur eine Lüge sein. Was für Clowns, wa?

Nun lassen sich solche realitätsabweisenden Äußerungen ganz leicht mit den extremen Bildungsmängeln in Sachen Wirtschaft und Finanzen erklären, die unter Mainstreamjournalisten bekanntlich weit verbreitet sind. Hahaha, als stünden die USA nicht bald schon wieder vor dem Staatsbankrott, als wäre der Dollar recht besehen noch viel mehr als Schredderfutter. Hahaha, als sei es um gewisse südeuropäische Länder in letzter Zeit deshalb urplötzlich so ungewöhnlich ruhig, um nicht zu sagen mucksmäuschenstill geworden, weil sämtliche ihrer Probleme eines Nachts von den Heiligen Drei Königen gelöst worden wären und sie sich, um eine beliebte politische Hohlphrase zu bemühen, auf „einem guten Weg“ befänden. Nicht etwa wegen der anstehenden Wahl. Nein, nein. Auch das „Handelsblatt“ titelte zur großen Erheiterung gebildeter Leser: „Jetzt beginnen die fetten Jahre!“ Pardon, aber das klingt ja schon ein wenig nach „doch doch, wir können Stalingrad halten, wirklich!“ Aber mal abgesehen von den akuten Problemen der Ewigkeitswährung Euro, die sich keineswegs in rosenblütenduftgesättigte Luft aufgelöst haben, sondern lediglich notdürftig von Zeitungspapiergeraschel und politisch erwünschten Auftragslügen überquiekt werden sollen, kann es ganz allgemein nichts schaden, auf einen möglichen finanziellen Donnerknall vorbereitet zu sein. Es geht dabei gar nicht darum, mit „ständigen“ Bankenpleiten zu rechnen, in einer Art hypernervös-paranoidem, geistigem Dauer-Ausnahmezustand zu leben, so wie es im Artikelimitat der „Welt“ suggeriert werden soll, sondern sich – prophylaktisch – mit den möglichen Folgen der geballten intellektuellen Power, der wirtschafts- sowie währungspolitischen Kompetenz der Legionen von Experten in Zentralbanken und -regierungen anzufreunden. Die Geschichte der letzten hundert Jahre hat ja eindrucksvoll bewiesen, dass es sich bei den Kapitänslizenzen jeweils herrschender politischer und hochfinanzieller Eliten-Räuberbanden nicht selten um selbstgedruckte Fälschungen handelte. Heute übrigens mehr denn je.

Frau von Storch antwortete in einem Rundschreiben per E-Mail auf die Vorwürfe wie folgt:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

im Zusammenhang mit dem sich verschärfenden Wahlkampf sind Medienberichte erschienen, die der Richtigstellung bedürfen. Hierzu meine Erklärung:
Information zu der Berichterstattung der ‚Welt am Sonntag‘ vom 15. September 2013:
Die ‚Welt am Sonntag‘ hat am Sonntag vor der Bundestagswahl wieder einmal in den Wahlkampf eingegriffen und mit einem auf der Titelseite plazierten Artikel allerlei Vorwürfe und Mutmaßungen über angebliche finanzielle Ungereimtheiten bei der Verwaltung und im Umgang mit Mitteln des Vereins Zivile Koalition e.V. verbreitet, um mich als die Kandidatin der Alternative für Deutschland anzuschwärzen.

Fakt ist: Es gab zu keinem Zeitpunkt finanzielle Unregelmäßigkeiten beim Verein Zivile Koalition e.V. Bei den falschen Unterstellungen um angebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten in der Ausgabe der ‚Welt am Sonntag‘ handelt es sich um eine durchsichtige Verleumdung kurz vor der Wahl durch eine ehemalige Mitarbeiterin der Zivilen Koalition, der wir im Januar 2013 kündigen mussten. Gegen diese ehemalige Mitarbeiterin ist wegen ihres Büroverhaltens eine Strafanzeige erstattet. Ebenso läuft bereits ein Zivilverfahren. Bezeichnend ist, dass jene gekündigte Mitarbeiterin, auf die sich die ‚Welt am Sonntag‘ stützt, aktives Mitglied in einem Bezirksvorstand der FDP ist.

Der Vorstand des Vereins Zivile Koalition e.V. hat angesichts der Entwicklung der Finanzmärkte und der Euro-Krise für eine währungssichere Anlage von Mitteln des Vereins sowie für eine Sicherung gegen die Risiken eines allfälligen Bank-Runs votiert und die entsprechenden Maßnahmen getroffen. Sämtliche Belege liegen vor und werden selbstverständlich ordnungs- und fristgemäß dem zuständigen Finanzamt eingereicht. Die Vollständigkeit des Bestandes der in dem Artikel der ‚Welt am Sonntag‘ genannten Vermögenswerte des Vereins in einem Schließfach einer Berliner Bank ist heute von einem Berliner Notar testiert worden. Die Vorwürfe und Mutmaßungen, über die die ‚Welt am Sonntag‘ berichtet hat, sind haltlos und nicht begründet.

Mit freundlichen Grüßen Ihre
Beatrix von Storch“

Ja, da kann man schon mal wütend werden. Aber nunja, man ist den Kummer ja gewohnt. Tagaus, tagein Lügen, Lügen, und drittens – was war noch das dritte – ach ja – Lügen. Henryk Broder schrieb vor einigen Tagen in einem Artikel, er könne die „Politikerfressen“ und „Journalistenvisagen“ nicht mehr sehen, die immer dasselbe sagten, immer im Kreis herum quatschten, keine substantiellen Fragen mehr stellten, sich immer nur in Selbstbeweihräucherung ergingen, wie, so möchte ich hinzufügen, in einem Tanz von geistiger Kraftlosigkeit um eine Mitte, in der betäubt der Zeitgeist- und Mainstream-Inzest steht. Als ob in Deutschland ständig intellektuelle Fortbewegung drohte. Aber keine Sorge – Moden kommen und gehen. Auch das Modell „Nackter Kaiser“ – und das ist nicht nur euro-ökonomisch gemeint – ist nur ein vorübergehender Trend. Irgendwann muss ja Lebendigkeit zurückkehren. Auch in die Köpfe.


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