24. September 2013

Hayek-Colloquium 2013 Liberaler Gedankenaustausch im Ötztal

Man muss den Gaul den Karren auch ziehen lassen

In Obergurgl fand dieses Jahr vom 12. September bis 14. September das Hayek-Colloquium 2013 statt.

Nach 2011 war dies das dritte Colloquium, welches aufgrund einer Initiative der Familie Scheiber veranstaltet wurde, denn in deren Hotel „Edelweiß & Gurgl“ verbrachte der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek mehr als dreißig Jahre die Sommerfrische.

In der klaren Tiroler Bergluft entstanden wichtige und grundlegende Teile des Hayekschen Werkes. Hayek selbst hatte im August 1982 mehr als ein Dutzend liberale Ökonomen in Obergurgl zusammengerufen, um mit ihnen eine der ersten Manuskriptfassungen seines letzten Buches „The Fatal Conceit“ zu diskutieren. Unter den damals Geladenen waren drei spätere Wirtschaftsnobelpreisträger: James Buchanan – Nobelpreisträger 1986, Ronald Coase – Nobelpreisträger 1991 und George Stigler – Nobelpreisträger 1982. Folglich lässt mit guten Gründen behaupten, dass die jetzigen Colloquien ein Wiederbeleben jenes Esprits aus August 1982 symbolisieren.

In das diesjährige Colloquium, deren Sponsoren neben der Familie Scheiber noch andere Tiroler Unternehmer sind, waren erstmals auch die Universität Innsbruck und das Management Center Innsbruck (MCI) als Partner eingebunden.

Die Veranstaltung sollte – nach der Begrüßung durch Musikkapelle und Schützengilde – durch Bundespräsident a.D. Roman Herzog eröffnet werden. Da dieser jedoch kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, übernahm Österreichs Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle jene Aufgabe. Minister Töchterle schlug als Alt-Philologe in seiner Rede den Bogen des Freiheitsgedankens von der attischen Demokratie, über Plato, Cicero, Augustinus und Hobbes in die Gegenwart,

Doch bevor Minister Töchterle seine Ansprache hielt, verlas der Journalist Claus Reitan, Moderator der Eröffnungsrunde, die vorbereitete Rede Roman Herzogs. Eine Rede, die mit Blick auf die Weltfinanz-, Euro-und Staatsschuldenkrise, der staatlichen Ordnung und der Marktordnung schwere Fehler attestierte. Offenbar Fehler, die aus der mangelnden Vernunftbegabung des Menschen resultieren, dem Roman Herzog es offenbar nicht zutraut, einen weitgehend fehlerfreien Regulierungsrahmen zu organisieren. Nichtsdestotrotz glaubt Roman Herzog anscheinend, dass Staatsrechtler einen adäquaten institutionellen Rahmen schaffen können; denn gerade für einen solchen Ordnungsrahmen des Staates trat Roman Herzog in dem Vortrag eben auch ein.

Michael Zöller, Soziologie-Professor der Universität Bayreuth, merkte in der kontrovers geführten Diskussion an, Roman Herzogs Ausführungen signalisieren, dass er von der menschlichen Vernunft zwar nicht viel erwartet, aber den Staatsrechtlern, deren Zunft Herzog selbst ebenfalls angehört, eine Problemlösung zutraut. Hier schimmere eben das typische juristische Denken durch. Ähnlich argumentierten Karen Horn, die Vorsitzende der Hayek-Gesellschaft und Klaus Schredelseker, emeritierter Professor der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck.

Mit Blick auf die Rede des Ministers Töchterle betonte Michael Zöller, dass es einseitig sei das problematische Spannungsfeld von „Freiheit und Zwang“ nur auf der Linie Platon, Augustinus und Hobbes zu streifen. Zu einem völlig anderen Ergebnis würde man kommen, wenn man andere Denker in den Fokus (ich gehe davon aus, hier wurde an die Linie Aristoteles, Thomas von Aquin, John Locke und Immanuel Kant gedacht) nehmen würde.

Im Anschluss an Vorträge und Diskussion fand die Eröffnung des Hayeks-Colloquium 2013 bei einem Dinner ihren Abschluss. Die Tischrede hielt Alfred Steinherr, Professor an der Freien Universität Bozen und ehemaliger Chefvolkswirt der Europäischen Investitionsbank. Dabei sprach er über Ursachen und Hintergründe der Finanz- und Schuldenkrise. Die Schuld an solchen Krisen liege stets bei den Politikern und ihren Notenbanken. Ein Fazit, was für Vertreter der „Österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre“ eine Selbstverständlichkeit ist, aber in den Ohren anderer für Aufruhr sorgt.

Mit verschiedenen Workshops ging es dann am Freitag, den 13. September, weiter.

Unter der Leitung von Andreas Altmann, dem Rektor des MCI, wurde im „Workshop 1“ über das Erbe und die Zukunft der Austrian Economics diskutiert. Hierzu gaben Hans-Jörg Klausinger, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, Thomas Mayer, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Klaus Schredelseker, emeritierter Professor der Finanzwirtschaft, kurze Statements ab, die dann zur Diskussion standen. Einige der Anwesenden vertraten die Meinung, dass die wesentlichen Planken der sog. „österreichischen Konjunkturtheorie“, besonders die Rolle der Kreditgeldschöpfung ex nihilo, im ökonomischen Mainstream angekommen sind. Dem widersprach zum Beispiel Thomas Mayer, der anhand eigener leidvoller Erfahrung zeigen konnte, dass die Führer des ökonomischen Mainstreams vielmehr mauern würden und Gegendarstellungen, die Fehler in Artikeln der Mainstream-Zeitschriften offenlegen, nicht zur Veröffentlichung zulassen.

Der „Workshop 2“ mit dem Thema „Freiheit in Wirtschaft und Gesellschaft“ wurde von Steffen Roth, Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftspolitik der Universität zu Köln, moderiert. Karen Horn, Michael Zöller und Michael Wohlgemuth, Direktor der Open Europe Berlin gGmbH und Professor an der Universität Witten/Herdecke, bildeten das Podium. Diskussionsthema war in der Hauptsache der sog. „libertäre Paternalismus“. Anhand der Thesen des Buches „Nudge“ von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein (beide wollen die Menschen mittels psychologischer Manipulation zum „richtigen Verhalten“ zwingen) wurde hart diskutiert. Dabei war sich das Podium eigentlich weitgehend einig, nur in Nuancen bestanden Unterschiede: Der sogenannte „libertäre Paternalismus“ ist ein Attentat auf die Freiheit. Nur der „libertären Paternalist“ weiß ganz genau was dem Menschen frommt, deshalb handelt er zum Wohle der Menschen, wenn er sie sanft auf den rechten Weg zum Glück zwingt. Natürlich, auch die Sklavenhalter wussten immer besser als die Sklaven selbst, was gut für die Sklaven ist; und über dem Eingang sowjetischer Arbeitslager stand auch geschrieben „Wir werden die Menschen mit eiserner Faust zu ihrem Glück zwingen“. Der psychologische Zwang der „libertären Paternalisten“ ist eben auch Zwang und unterscheidet sich nur graduell vom brutalen, gewaltsamen Zwang.

Nach einer Mittagspause begann der „Workshop 3“ zur Rolle des Unternehmers. Michael Wohlgemuth war der Moderator und die Podiumsplätze waren von Theo Müller (Müller-Milch), Robert Nef, dem bekannten Liberalen aus der Schweiz und Friederike Welter, Professorin der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Siegen und Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn besetzt. Hervorzuheben sind hier die Schilderungen des Unternehmers Theo Müller, der den Weg seiner Firma von der „Badewannenkäserei“ seines Urgroßvaters über die kleine Molkerei seines Großvaters und Vaters hin zu einem multinationalen Unternehmen von Weltrang mit 21.000 Beschäftigten sehr anschaulich schilderte. Im eigentlichen Sinn gehört hierher auch die Schilderung von Fritz Unterberger, der als Unternehmer an der diesem Workshop folgenden Podiumsdiskussion teilnahm. Auch Fritz Unterberger berichtete anschaulich über seinen Weg vom einfachen Autoverkäufer zum Unternehmer mit einer Vielzahl großer Niederlassungen im Autohandel bzw. zum Immobilienunternehmer.

Beide zeichneten das Bild des Unternehmers, und zwar des Eigentums-Unternehmers. Nur ein Eigentums-Unternehmer kann wirklich etwas unternehmen, kann wirklich innovativ für die Gesellschaft wirken. Der Eigentums-Unternehmer tritt an, um durch die Bereitstellung von Waren und/oder Dienstleistungen die Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen – ein Eigentums-Unternehmer ist also der Dienstleister der Verbraucher. Oder, wie Winston Churchill dies ausdrückte: Der Eigentums-Unternehmer ist „der Gaul, der den Karren zieht“, und wenn der Gaul den Karren gut zieht, dann entsteht der schöne Nebeneffekt, dass nachhaltige Arbeitsplätze geschaffen werden – nur dann. Aber man muss den Gaul den Karren auch ziehen lassen und nicht behindern. Und welcher Art die Behinderungen gerade durch die Behörden sind und sein können, dies wurde anhand der Schilderungen Fritz Unterbergers bezüglich des Immobilienmarktes ziemlich deutlich.

Diese Schilderungen aus der Praxis des Unternehmens bestätigten plastisch die Statements von Robert Nef und Friederike Welter, dass man das „Unternehmen“ nicht lehren kann. Der Lehrende kann nur unterstützen, „unternehmen“ muss der Mensch selbst.

Die letzte Runde an diesem Tage beschloss eine Podiumsdiskussion über „Wirtschaftspolitische Denkfabriken“. Moderator war wieder Claus Reitan, neben dem schon genannten Fritz Unterberger nahmen Alfred Steinherr teil und zwei Vertreter solcher Denkfabriken: Für die Agenda Austria Franz Schellhorn und für die Avenir Suisse Rudolf Walser. Über Sinn und Zweck solcher Denkfabriken wurde intensiv diskutiert; ebenfalls, ob Denkfabriken wirklich völlig unabhängig von ihren Mäzenen sind und wie diese Unabhängigkeit zu wahren ist.

Der Abend klang aus mit einem Dinner auf der „Hohen Mut Alm“.

Der Samstag bildete mit der Vorstellung zweier Forschungsarbeiten der Universität Innsbruck den Abschluss der diesjährigen Veranstaltung. Hannelore Weck-Hannemann, derzeitige Dekanin der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik, stellte kurz die jungen Professoren Michael Kirchler und Markus Walzl und deren Forschungsschwerpunkte vor. Markus Walzl referierte zum Thema Organspende/-handel, mit Schwerpunkt auf die unterschiedlichen Rechtslagen in Nordamerika, Österreich und Deutschland. Dabei zeigte sich, dass das amerikanische Modell derzeit den Bedarf an Organspenden von den drei Ländern am besten abdeckt, gefolgt von Österreich und dann kommt abgeschlagen erst Deutschland. Michael Kirchler sprach über seine Untersuchungen im Rahmen der experimentellen Ökonomie. Im Labortest – jeder Proband hatte seinen Bildschirmarbeitsplatz – konnten die Teilnehmer mit einem Impfstoff handeln oder diesen lebensnotwendigen Impfstoff auch spenden. Ziel der Testreihe war es zu ermitteln, inwieweit der Markt die „Standardmoral“ aushöhlt. Die Ergebnisse, die Michael Kirchler präsentierte, zeigten hohe Handelsbereitschaft, die nur bei Geldstrafen etwas eingedämmt wurde.

In der folgenden Diskussion hob Robert Nef einen wichtigen Aspekt hervor fragte, inwieweit in einem solchen Experiment – mit mehr als 500 Studenten und Studentinnen aller Fakultäten – der Hang zum Spiel zum Tragen kommt und damit das Ergebnis beeinflussen muss.

Es zeigte sich auch, dass Michael Kirchler keine Differenzierung der moralischen Fragen vorgenommen hatte. Seine „Standardmoral“ ist die Moral der kleinen Gruppe, des Familienclans und des Stammesverbandes, die sich von den allgemeinen Handlungs- und Verhaltensregeln innerhalb der großen, der offenen Gesellschaft erheblich unterscheidet. Besonders Karen Horn hob die beiden Arten der Moral in der Diskussion hervor, dass der Mensch gefühlsmäßig die Instinkte der kleinen Gruppe bevorzugt und damit sozusagen gegen seinen Willen für die große, offene Gesellschaft zivilisiert worden ist. Diese Sichtweise war für einige Anwesende offensichtlich etwas Neues.

Nach einer Mittagspause endete die Veranstaltung bei einer gemeinsamen Wanderung zum Hayek-Gedenkstein. Auch wurden die Weichen gestellt für das Hayek-Colloquium 2014.


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