26. September 2013

Armut Im Land der Bergsteiger

Aktuelle Erkenntnisse zur Einkommensmobilität in Deutschland

Der Anteil der per Definition „armutsgefährdeten“ Menschen an der Gesamtbevölkerung Deutschlands liegt bei 14 Prozent. Diese Zahl blieb nun schon seit 2005 konstant. Zu diesem Resultat kam jüngst eine Forschungsgruppe des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, die das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) für den Zeitraum 2005 bis 2011 auswertete.

Abgesehen von der Frage, was „armutsgefährdet“ überhaupt bedeuten kann, wird Otto Normalsystemkritiker angesichts dessen, dass nahezu 12 Millionen Menschen in Deutschland – Frauen, Kinder, Senioren – an der Schwelle zur Armut stehen sollen, womöglich laut aufschreien. Doch er sollte noch ein wenig innehalten angesichts wichtiger Fragen: Sind es seit dem Jahr 2005 immer die gleichen zwölf Millionen Menschen, die in dieser Bedrängnis stecken? Sind diese einem unentrinnbaren Schicksal unterworfen? Oder wechseln Deutschlands Bürger munter die verschiedenen Einkommensklassen? Rutschen Sie mal herunter? Klettern Sie mal herauf?

Tatsächlich stellen diese Fragen zur Einkommensmobilität ein elementares Kriterium dar. Denn wenn die gesellschaftliche Einkommensverteilung eine hohe Durchlässigkeit aufweist, besteht für jeden einzelnen Bürger nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dauerhaft in den untersten Einkommensklassen verbleiben zu müssen. Ist eine solche Durchlässigkeit gegeben, werden sich „armutsgefährdete“ Menschen ausreichend motiviert fühlen, ihre berufliche Qualifizierung zu stärken und damit die Chancen eines gesellschaftlichen Aufstiegs zu erhöhen. Auch dürfte mit zunehmender Einkommensmobilität die Bereitschaft zur Aufnahme kurzfristiger, gering entlohnter Tätigkeiten steigen. Schließlich stehen die Chancen gut, nach relativ geringer Zeit eine besser bezahlte Arbeit im gleichen Unternehmen oder aber bei der Konkurrenz zu finden.

Das nun ausgewertete SOEP ist eine jährlich durchgeführte Befragung von 20.000 Personen. Nach Möglichkeit werden dabei stets dieselben Personen befragt, wodurch die Entwicklung sozialer Kriterien, wie unter anderem der berufliche Status und die Höhe des monatlichen Einkommens über mehrere Jahre beobachtet werden kann. Die aktuellen Ergebnisse wurden von der Forschungsgruppe wie folgt zusammengefasst:

„Nur fünf Prozent der Arbeitslosen waren über alle Befragungszeitpunkte in den untersuchten sechs Jahren hinweg als arbeitslos gemeldet. Wer eine Beschäftigung neu aufnimmt, behält sie größtenteils auch. Es trifft nicht zu, dass ein großer Teil der neu eingegangenen Beschäftigungsverhältnisse lediglich vorübergehender Natur ist. Drei Viertel der Personen, die aus Inaktivität heraus eine Vollzeitbeschäftigung fanden, übten eine solche auch noch im Folgejahr aus. Diejenigen, die nach dem ersten Jahr eine Arbeit fanden, waren auch nach zwei Jahren weit häufiger erwerbstätig als diejenigen, die nach dem ersten Jahr beschäftigungslos blieben. Durchschnittlich einem Viertel aller Personen aus der untersten von fünf gleich großen Einkommensschichten gelang binnen eines Jahres der Aufstieg in höhere Einkommensschichten. Entscheidend für den Aufstieg war vor allem die Aufnahme einer Beschäftigung. Von den Personen, die eine Arbeit aufnahmen, konnten 43 Prozent gleichzeitig in der Einkommenshierarchie aufsteigen. Nur wenige Personen verharrten dauerhaft in der untersten Einkommensschicht. Lediglich 17 Prozent waren über alle Beobachtungszeitpunkte in sechs Jahren hinweg in der untersten Schicht. Der soziale Aufstieg war für die meisten keine vorübergehende Angelegenheit, sondern wirkt langfristig. Über einen Zeitraum von sechs Jahren gelang einem Fünftel der Aufsteiger sogar der Sprung in die beiden höchsten Einkommensschichten.“

Soziale Mobilität ist somit durchaus vorhanden in Deutschland. Wer aktuell noch „armutsgefährdet“ lebt, muss dies nicht auf Dauer. Niemand muss sich ein Leben lang an Vater Staats Hemdsärmel klammern.


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