18. Oktober 2013

Schulzwang Zurück zum Rechtsstaat

Eltern und Kinder müssen „Zumutungen ertragen“

Im am vergangenen Mittwoch stattgefundenen Prozess gegen ein Ehepaar, das seine Kinder zuhause unterrichtet, konnten sich weder Staatsanwalt noch Angeklagte durchsetzen. Forderungen nach maximaler Gefängnisstrafe wie auch nach Freispruch stießen auf taube Ohren. Lieber beließ das Landgericht es beim erstinstanzlichen Urteil vom 22. Mai 2013.

Trotz anwaltlicher Bemühungen: Marit und Thomas Schaum werden auf das erstinstanzliche Urteil zurückgeworfen, das Landgericht zieht sich mit einem Nicht-Urteil aus der Affäre.

Die juristischen Ausführungen Pro und Contra Hausunterricht verfolgten zwei Dutzend Pressevertreter und Zuschauer. Bisherige Mediendarstellungen lassen jedoch zweifeln, ob jemand verstanden hat, was da vorgefallen ist. Richtig, man verhandelte die Berufung von Marit und Thomas Schaum aus Hülsa, Nordhessen. 1.400 Euro Geldstrafe für gut beleumundete Bildung und Erziehung dreier Töchter: welche Eltern würden solche Zumutung eines Amtsgerichts einfach hinnehmen? Unzufrieden mit dem damaligen Urteil war auch der Staatsanwalt. Angetreten, das Übel des Nicht-zur-Schule-Gehens auszumerzen, forderte er eine härtere Gangart. Also sahen alle Augen nach Kassel.

Vieles kam auch zur Sprache: Integrität und Gewissensnot der Angeklagten, das redliche Bemühen um staatliche Anerkennung, die guten Ergebnisse ihrer Hausschule; aber auch eine gesichtslose Schulbehörde, nicht rechts noch links blickend, sture Bestrafung abweichenden Verhaltens. Dann stakte hölzern und leicht verbiestert der Staatsanwalt durch die Szenerie. Ihm war die undankbare Rolle des Bösewichts zugedacht, der gegen alle Vernunft ein Menschenopfer forderte. Die beiden Verteidiger argumentierten kompetent und sachlich am konkreten Fall: Rechtsstaatliche Gesetzeskunde vom Feinsten. Auch die Mahnung fehlte nicht, eine andere, bessere Lösung zu finden, als nur immer blind auf Glaube und Gewissen dreinzuschlagen. Gut, dass die Angeklagten ein letztes Wort hatten. Gut, dass wir in einem Rechtsstaat leben, der das alles zulässt. Rechtsstaat?

„Rechtsstaat ist, wo man Zumutungen erträgt“

Nur wenige Minuten benötigte Landrichter Dirk Liebermann, um den angespannten Zusammenprall von Elternrecht und Knast in politisch korrektes Wohlgefallen aufzulösen. Das Landgericht sah keinen Grund, die Bestrafung der Eltern abzuändern, das untergeordnete Amtsgericht habe „zutreffend“ geurteilt, Ahndung müsse sein, nicht zu wenig, nicht zu heftig. Schließlich ruft Liebermann den Angeklagten zu: „Kommen Sie zurück zum Rechtsstaat! Halten Sie die Zumutungen aus!“ Dem altväterlich anmutenden Appell lag die Definition zugrunde, wonach „Rechtsstaat ist, wo man Zumutungen erträgt.“ – frei nach Bundeskanzler Gerhard Schröder, der weiland die massive Umdeutung des Familienbegriffs in der Öffentlichkeit schlaubergernd einführte: „Familie ist, wo ein gemeinsamer Kühlschrank steht.“

Zurück in die Provinz: Nach Liebermann werde der „Rechtsstaat“ von den vielen Menschen getragen, „die die Zumutungen aushalten, die er ihnen aufbürdet.“ Zu solchen Personen zählte der Richter Schaums nicht. Denn die ertragen nichts. Die halten nichts aus. Die wenden sich gegen die Schulpflicht und „begehen Straftaten gegen Gesetze.“ Da spielt es keine Rolle, dass ihre Kinder sehr gut geraten sind und niemandem durch ihren Hausunterricht schaden. Denn sie gehen auf keine Schule, sind nicht „anderen Meinungen ausgesetzt“. Da tut es nichts zur Sache, dass die angewandten Gesetze womöglich unbestimmt, unpassend oder einfach verfassungswidrig sind. Hauptsache „Rechtsstaat“, Hauptsache Zumutungen, auf Biegen und Brechen.

Alles Rechtsverständnis pervertierende Heuchelei

Aus fernen Landen und ferner Zeit weht ein Wort herüber: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Unter dem unmittelbaren Eindruck totalitärer Gewalt war der geschlagene Geist noch geschärft: Das Innerste, Verletzlichste des Menschen – von nun an sollte der Staat es „achten und schützen“. Aber heute? Schon lange ist nichts mehr übrig von „Achtung“ oder „Schutz“: Erst recht nicht, wenn es um Hausunterricht geht, auch nicht in Kassel. In des lieben Richtermannes Augen bestand das Vergehen von Schaums ja gerade darin, dass sie auf die Achtung ihrer Menschenwürde pochten: Menschenwürde von Eltern, die es nicht ertragen können, dass die Menschenwürde ihrer Kinder an Schulen mit Füßen getreten wird. Dadurch aber befanden Schaums sich im Aus. Folglich die alles Rechtsverständnis pervertierende Heuchelei: „Das wünsche ich mir, dass Sie zurückkehren zum Rechtsstaat, Zumutungen auszuhalten.“

Liebermanns Definition vom „Rechtsstaat“ ist das Ende rechtsstaatlicher Verfahren. Ein solcher Staat darf alles verlangen, alles fordern, auch wenn die Menschenwürde dabei zu Bruch geht: Staat befiehl, wir halten aus! Und die Medienvertreter? Die haben nichts gemerkt – außer Spesen nichts gewesen. Doch die eigentliche Abrechnung kommt noch. Bestimmt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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